LUZERN: Übergriffe: Von hier stammen die Täter

45 Fälle von sexueller Belästigung hat 2015 die Staatsanwaltschaft behandelt. Nun liess sie diese genauer untersuchen – und räumt mit einem verbreiteten Klischee auf.

Christian Hodel
Drucken
Teilen
Bild: Grafik Neue LZ

Bild: Grafik Neue LZ

Die Nachricht löste Entsetzen aus: In der Silvesternacht sind am Kölner Hauptbahnhof und in weiteren deutschen Städten Hunderte Frauen sexuell belästigt worden – allein in Köln gingen rund 500 Anzeigen ein. Auch in Zürich kam es zu 15 Anzeigen, eine Sonderkommission der Polizei sucht seither nach den Tätern. Die Zeugen beschrieben diese als «nordafrikanisch» oder «arabisch» aussehend mit dunkler Hautfarbe – grösstenteils handle es sich um Asylsuchende und Personen, die sich illegal im Land aufhielten, berichteten Medien. Eine Debatte über Asylsuchende wurde entfacht, die bis heute anhält. Die Luzerner Regierung etwa liess nach den Kölner Vorfällen, kurz vor der Luzerner Fasnacht, in einer Grossaktion einen Benimmflyer an 4000 Asylsuchende verteilen (wir berichteten).

52 Prozent der Täter sind Ausländer

Die Luzerner Staatsanwaltschaft wollte es nun genau wissen: Woher stammen die Täter von sexuellen Übergriffen, die 2015 in Luzern zur Anzeige kamen? Die vor wenigen Tagen präsentierten Zahlen zeigen: Sie sind in 52 Prozent der Fälle Ausländer – aber nur wenige sind Asylsuchende. 10 Prozent der ausländischen Täter stammen aus Deutschland und Portugal, 7 Prozent aus der Türkei und aus Italien (siehe Grafik). Simon Kopp, Mediensprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft: «Es gilt zu berücksichtigen, dass die Zahlen sehr klein sind und daher die Prozentwerte grosse Unterschiede zeigen.» Dennoch lässt sich aus den Zahlen folgende Schlussfolgerung ziehen: «Anders als bei den Übergriffen von Köln konnten wir keinen direkten Zusammenhang zu Asylsuchenden feststellen», sagt Kopp.

Opfer im Durchschnitt 29 Jahre alt

Die Untersuchung zeigt weiter, dass der durchnittliche Täter von sexuellen Belästigungen in Luzern 38 Jahre alt ist. Die Opfer sind in allen Fällen Frauen. Ihr Durchschnittsalter beträgt 29 Jahre. Insgesamt hat die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr 45 Fälle von sexuellen Belästigungen untersucht – 39 wurden erledigt. In 19 Fällen kam es zu Strafbefehlen. 62 Prozent der Opfer waren Schweizerinnen.

Doch warum macht die Staatsanwaltschaft eine solche Untersuchung? Nach den Diskussionen rund um die Belästigungen in Köln «hatten wir viele Medienanfragen zu den Luzerner Vorfällen. Dabei haben wir eine Analyse in Aussicht gestellt», so Kopp. Man habe einmalig aufzeigen wollen, dass es auch in Luzern Fälle von sexueller Belästigung gibt «und die Täterschaft sehr unterschiedlicher Nationalität ist». Es stecke kein politisches Kalkül dahinter.

Erfahrungen mit delinquenten Ausländern macht auch die Luzerner Polizei. Dass es angesichts der grossen Flüchtlingsströme in den vergangenen Monaten aber zu mehr Vorfällen mit Asylsuchenden gekommen ist, kann auch Kurt Graf, Mediensprecher der Luzerner Polizei, auf Anfrage nicht bestätigen. «Wir stellen keine spezielle Zunahme fest», sagt er. Weder bei den sexuellen Übergriffen noch bei anderen Tatbeständen. 2014 wurden gemäss der aktuellsten Kriminalstatistik der Luzerner Polizei von gesamthaft 3430 Beschuldigten deren 163 gezählt, die gegen das Strafgesetzbuch vorstossen haben und dem Asylbereich zugeordnet werden konnten. Das entspricht einem Anteil von rund 4,7 Prozent.

Wie viele Asylsuchende wiederum in die über 50 000 im vergangenen Jahr behandelten Fälle der Staatsanwaltschaft involviert waren, wird statistisch nicht erhoben. Klar ist: Der Anteil der ausländischen Delinquenten macht laut dem Jahresbericht 42 Prozent aus.

Christian Hodel