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LUZERN: Unsichere Weltlage – Zentralschweizer greifen zur Waffe

Fast in jedem dritten Haushalt gibt es Schussfeuerwaffen. Tendenz steigend. Vor allem Senioren legen sich solche zu. Die Polizei warnt vor dem grossen Aufrüsten.
Christian Hodel
Kursleiter Roger Stöckli (Bild oben, rechts) zeigt den Teilnehmern in der Schiessanlage in Hünenberg den Umgang mit der Waffe, bevor diese sich selbst ans Schiessen machen. (Bilder Maria Schmid)

Kursleiter Roger Stöckli (Bild oben, rechts) zeigt den Teilnehmern in der Schiessanlage in Hünenberg den Umgang mit der Waffe, bevor diese sich selbst ans Schiessen machen. (Bilder Maria Schmid)

Besser, man hat eine Schusswaffe im Haus statt nur ein Messer, findet Carlo (55), Mechaniker aus Luzern. Er zielt auf eine PET-Flasche und drückt den Abzug seiner Pistole. Daneben.

In der Schiessanlage in Hünenberg lernt er das «sichere Umgehen mit einer Faustfeuerwaffe» und «das richtige Verhalten im Verteidigungsfall». Mit diesen Worten wirbt der Veranstalter Roger Stöckli für seinen Kurs. In sechs Lektionen führt der Trainer für Sicherheitsleute mit eigener Firma in Dagmersellen Anfänger an Waffen heran. Kosten: 495 Franken, exklusive Munition.

Erwerbsscheine: Massiver Anstieg

«Viele kaufen eine Waffe, weil sie Angst haben und sich schützen wollen», sagt Josef Rust, Chef des Fachbereichs Waffen und Sprengstoff bei der Luzerner Polizei. Hat die Luzerner Polizei 2010 noch rund 900 Waffenerwerbsscheine ausgestellt, waren es im vergangenen Jahr 1500. Seit 2009 hat sich die Zahl der Gesuche gar verdoppelt. «Auch für dieses Jahr ist bereits jetzt eine Zunahme der Waffenerwerbsscheingesuche festzustellen», sagt Rust. Heute sind im Kanton Luzern rund 50 000 Waffen registriert – exklusive solcher von aktiven Armeeangehörigen. In beinahe jedem dritten Luzerner Haushalt lagern demnach Pistolen, Revolver, Sport- oder Jagdgewehre. Tendenz steigend. Rust: «Das Bedürfnis nach einer Waffe hat in letzter Zeit nicht nur bei Sportschützen, Jägern und Sammlern zugenommen, sondern vor allem auch bei Privatpersonen. Diese Entwicklung stimmt nachdenklich.»

«Man weiss nie, was passiert»

In Hünenberg stellen an diesem Abend die fünf Kursteilnehmer aus den Kantonen Zug, Luzern und Aargau einen Parcours auf. Hinter Fässern ducken sie sich nacheinander nieder. 15 Meter vor ihnen steht die Zielscheibe. Ein Schuss, zwei Schuss. Sie rennen zu einer gut zwei Meter hohen Holzwand und verschnaufen kurz, bis sie Sekunden später aus ihrem Versteck hervorgucken. Noch sieben Meter bis zum Ziel sind es jetzt. Der Zeigfinger liegt auf dem Abzug. Visieren. Schuss. Schuss. «Gut gemacht», sagt Kursleiter Stöckli. Ein Treffer. «Das ist nicht schlecht. Und jetzt das Ganze mit mehr Tempo.»

Die Gruppe bereitet sich für die nächste Übung vor. Zuhinterst steht Carlo, in der Hand eine SIG P226. Vor 25 Jahren hat er sich seine erste Waffe gekauft, geschossen hat er nie damit. «Ich will das endlich lernen. Ich hoffe aber, dass ich sie nie in einem Notfall brauche.» Neben ihm kontrolliert Yvette, Kinderkrippenleiterin, den Lauf ihrer Glock 19, Kaliber 9 x 19 Millimeter. Sie sagt: «Mein Mann hat Waffen zu Hause. Ich will das Schiessen lernen, weil es mir Spass macht und aus sportlichen Gründen.» Und Luis (33), ein Sicherheitsdienstmitarbeiter, munitioniert gerade seine SIG P220 auf. «Man weiss nie, was alles so passiert auf der Welt», sagt er und steckt das Magazin in das Holster. «Es ist besser, wenn man lernt, wie man mit einer Waffe umgehen muss.»

Ausdruck der politischen Lage

Einbrüche, Überfälle, angespannte Weltlage, Flüchtlinge: Die steigende Nachfrage nach Waffen hat auch mit der politischen Lage und mit der Polemik zu tun, die Politiker betreiben.

«Viele Leute fühlen sich unsicher», sagt Josef Rust. Ähnliche Erfahrungen machen Zentralschweizer Waffenhändler. Die allgemeine weltweite Bedrohungslage – Terror in Brüssel, Terror in Paris – spielt ihnen in die Hände. In den vergangenen Monaten haben sie einen Anstieg der Waffenkäufe verzeichnet. «Je nach politischer Lage verkaufen wir mehr oder weniger», sagt ein Waffenhändler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Ein Waffenkäufer aus der Region, ein Mann Mitte 50, bestätigt seine Worte: «Was man alles so im Fernsehen sieht und in der Zeitung liest, beunruhigt mich. Mit einer Waffe fühle ich mich sicherer.»

Vor allem Senioren kaufen Waffen

In der ganzen Schweiz ist die Zahl der Gesuche um den Erwerb eines Waffenscheins «seit 2009 massiv gestiegen», sagt Josef Rust von der Luzerner Polizei. Interesse zeigt vor allem eine Bevölkerungsgruppe: Senioren. «Auffällig viele ältere Bürger erwerben Waffen», sagt Rust. Teils seien die Antragsteller für einen Waffenerwerbsschein in Luzern über 80 Jahre alt. Eine Statistik über das Alter führt Luzern nicht wie auch die meisten anderen Kantone, wie die «NZZ am Sonntag» jüngst berichtete. Doch warum gerade Pensionäre? «Viele Senioren haben Angst vor dem, was auf sie zukommt», sagt Rust. Ein Problem sei diesbezüglich aber «die mangelnde Ausbildung an der Feuerwaffe». Kurse, in denen man den Umgang mit der Waffe lernt, seien darum zu begrüssen. So wie jener in Hünenberg.

Am Ende des Abends liegen hier in der Schiessanlage Hunderte leere Patronenhülsen auf dem Boden, der Parcours ist zu Ende. Kursleiter Stöckli packt zum Abschluss eine Schrotflinte und eine Maschinenpistole aus. «Wer will mal?», fragt er. Carlo versuchts. Er zielt auf eine PET-Flasche und drückt den Abzug des CZ Scorpion EVO 3 S1. Der erste Schuss geht daneben, der zweite sitzt. Volltreffer.

Christian Hodel

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