LUZERN: Uraufführung der Anti-Oper «Der Unfall»

Das Lucerne Festival hat im Rahmen seiner «Wyttenbachiade» die Uraufführung der Anti-Oper «Der Unfall» auf einen Text von Mani Matter gezeigt. Der Abend begeisterte durch Fantasie und hintergründigen Humor.

Drucken
Teilen
Der Berner Chansonnier Mani Matter. (Bild: Archiv Keystone)

Der Berner Chansonnier Mani Matter. (Bild: Archiv Keystone)

Sie waren Freunde seit dem Kindergarten, der Komponist Jürg Wyttenbach und der 1972 gestorbene Jurist und Poet Mani Matter. Bei einer von Désirée Meiser inszenierten «Wyttenbachiade» zum 80. Geburtstag des Musikers zeigte das Lucerne Festival nun im Luzerner Theater die Uraufführung einer surrealen Anti-Oper der beiden Berner Künstler.

Erzählt wird von einem Mann, der überfahren wird, später aber als Cellist wieder auftaucht und sich hoffnungslos in eine Sängerin verliebt, bis er erneut verunfallt und das Stück von vorn beginnen könnte. Er tritt gleich dreimal auf: als Sprecher, als Cellospieler und als Mime. Die Form der Oper wird so quasi seziert und in ihre drei Komponenten – Sprache, Musik, Darstellung – zerlegt.

Die Auftritte der Sängerin sind Opernparodien. Musikalisch getragen wird das Werk aber von einem Vokalensemble, für das Wyttenbach virtuose Madrigale komponiert hat. Mit diesen unbegleiteten mehrstimmigen Stücken knüpft er an die Madrigalkomödien der Renaissance an.

Dadaistische Chöre

Zu Beginn entwickelt er aus den erregten Diskussionen der Unfallzeugen eine komplexe Partitur aus gesungenen und gesprochenen Tönen. Später spielt das Ensemble das Opern-Orchester, imitiert auch mal dessen Klänge und entfaltet aus den Proben-Anweisungen der Dirigentin - «Meine Herren, bitte bei Takt 77» - dadaistische Chöre.

Nach dem Tod Matters – ausgerechnet bei einem Verkehrsunfall – hat Wyttenbach das Stück lange liegen gelassen. Vor wenigen Jahren erst hat er sich erneut damit beschäftigt und es kurz vor der Uraufführung abgeschlossen.

Das Programm ergänzten weitere Werke des Komponisten, darunter der ebenfalls mit Matter entwickelte Chor-Zyklus «Sutil und Laar». Zur bereits bestehenden Partitur hat der Poet Gedichte verfasst, die in Sprache und absurder Komik an Christian Morgenstern erinnern. Auch die Musik hat Witz, mal im Walzertakt, mal im Gestus des Kinderlieds, mit überraschenden Wendungen und abrupten Kadenzen.

Multitalente auf der Bühne

Auf der Bühne stand ein handverlesenes Ensemble. In Stücken für singende Instrumentalistinnen glänzten die Geigerin Noëlle-Anne Darbellay und die Klarinettistin Lanet Flores Otero auch als Sängerinnen.

Der Pianist Daniele Pintaudi zeigte mimisches Talent und der Cellist Matthias Schranz war mit seinem leichten Berner Akzent der ideale Sprecher für «ist klang der sinn?» für Cello und Stimme nach Texten von Kurt Marti.

Die von Raphael Immoos einstudierten phänomenalen Basler Madrigalisten sangen klangvoll, präzis und textdeutlich. Sylvester von Hösslin war ein musikalischer Sprecher. Meiser hat mit kluger Zurückhaltung inszeniert.

Das begeisterte Publikum dankte allen Mitwirkenden – und vor allem den Komponisten – für diesen anregenden Abend, der das Festival-Motto «Humor» nicht schenkelklopfend, sondern mit feinem, oft hintersinnigem Esprit umsetzte.

sda