LUZERN: Urne wird oft mitgenommen

Erdbestattungen sind immer weniger gefragt. Heute boomt das Ausstreuen der Asche von Verstorbenen in der Natur. Diese Bestattungsart birgt aber auch Probleme.

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Cornel Suter, Leiter der Stadtluzerner Friedhöfe, gestern mit einer Graburne auf dem Friedhof Friedental. (Bild Dominik Wunderli)

Cornel Suter, Leiter der Stadtluzerner Friedhöfe, gestern mit einer Graburne auf dem Friedhof Friedental. (Bild Dominik Wunderli)

Yasmin Kunz

Was bis im Jahr 1963 bei den Katholiken noch verboten und nachher lange tabuisiert war, boomt heute: Kremation. Immer mehr Flächen, beispielsweise auf dem Friedhof im Friedental in Luzern, bleiben leer. Dafür steigt die Zahl der Urnen, die von Angehörigen der Verstorbenen nach Hause transportiert werden. Gemäss dem Jahresbericht des Luzerner Kremationsvereins wurde vergangenes Jahr jede vierte Urne mit­genommen. Hansjörg Kaufmann, Präsident des Vereins (siehe Box), sagt: «Wir beobachten, dass trotz der neuen Bestattungsangebote noch mehr Urnen mitgenommen werden.»

Erdbestattungen «veraltet»

Einen Trend weg von der Erdbestattung hin zur individuellen Ruhestätte zeigen auch die Zahlen der Stadt Luzern. Im Jahr 2013 gab es insgesamt 757 Urnenbeisetzungen. Davon wurden 151 Urnen nach Hause genommen. Letztes Jahr zählte die Stadt Luzern von 737 Bestattungen 182 Urnen. Innert Jahresfrist wurden 5 Prozent mehr Urnen mitgenommen.

Cornel Suter, Leiter der Stadtluzerner Friedhöfe, weiss, dass vermehrt Gräber auf dem Friedhof leer bleiben. Gründe für diese Entwicklung: «Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Das Leben ist schneller, unabhängiger geworden, und dies wirkt sich auch auf die Art der Begräbnisse aus.» So seien Erdbestattungen etwa für viele «veraltet». Dem stimmt auch Rolf Arnold, Geschäftsleiter vom Bestattungsdienst Arnold & Sohn in Luzern, zu. «Früher wohnten mehrere Generationen einer Familie ihr ganzes Leben am gleichen Ort. Auf dem Friedhof nahe beim Wohnort wurden dann auch einst die Eltern beigesetzt. Die Kinder hatten demnach einen Bezug zur Ruhestätte ihrer Eltern.» Heute sei es oftmals so, dass Kinder nicht mehr dort leben würden, wo die Eltern aufgewachsen, gelebt und letztlich gestorben seien, so Arnold.

Zeit für Grabpflege fehlt

Ein weiterer Grund, weshalb die einst traditionelle Erdbestattung rückläufig ist – von 13,4 Prozent im Jahr 2010 auf 11 Prozent im Jahr 2014 –, sind die Kosten. Suter sagt: «Erdbestattungen sind viel teurer als die Kremation, und darüber hinaus muss man das Grab über Jahre hinweg pflegen.» Dafür hätten viele gar keine Zeit mehr.

Wer in der Stadt Luzern wohnhaft war und dort kremiert wird, zahlt für die Kremation mit Grabplatz und Bestattung nichts, die Gemeinde kommt dafür auf. Ein Urnengrab inklusive Grabstein und -pflege kostet rund 6000 Franken. Urnengräber werden nach 10 Jahren aufgehoben. Eine Erdbestattung mit Grabstein und Grabpflege während 20 Jahren kostet bis zu 10 000 Franken.

Trauern ohne Grab – geht das?

Bei den individuellen Ruhestätten gibt es keine Favoriten, weiss Bestatter Rolf Arnold. Er weiss aber, dass viele Verstorbene sich wünschen, dass ihre Asche in den Bergen oder Seen ausgestreut wird. «Doch es gibt auch Leute, welche die Asche nach Hause nehmen», so Arnold. Richtlinien für die Beisetzung in der freien Natur gibt es keine, «doch man soll einen würdigen Umgang mit der Asche pflegen», betont Arnold.

So schön der Individualismus auch ist, hat diese Art von «Beerdigung» auch Nachteile. Hansjörg Kaufmann, Präsident des Kremationsvereins Luzern, erklärt: «Immer öfter finden Trauerfeiern nur im engsten Familienkreis statt. So geht in unserer Gesellschaft leider eine wichtige Dimension von Leben und Tod verloren. Auch Bekannte und ­Freunde möchten oft Abschied nehmen und trauern.» Der Wunsch nach einer ortsunabhängigen Ruhestätte sollte gut überlegt sein, so Kaufmann. Dem pflichtet auch Rolf Arnold vom Bestattungsdienst bei.

Asche portionieren

Friedhofleiter Cornel Suter weiss, dass es schwierig ist, den Trauerprozess ab­zuschliessen, wenn man keinen Ort habe, wo man an die verstorbene Person denken könne. Er sagt: «Ich hatte schon ­Leute hier, die geweint haben, weil es kein Grab von der verstorbenen Person gab.» Ein gewisses Stück sei es auch Egoismus. «Die Familie denkt oft nicht daran, dass die Verstorbenen auch Freunde und Kollegen haben, die trauern.» Um diese Problematik zu umgehen, kann man die Asche auch aufteilen.

Ruhestätten werden beweglicher

Doch ist ein erfolgreicher Trauerprozess tatsächlich an einen Ort gebunden? Burghard Förster, Seelsorger der Luzerner Pfarreien St. Anton und St. Michael, sagt, dass es einen Ort der Erinnerung brauche, «weil dieser die Gesellschaft prägt». Katastrophen, wie diejenige des Flugzeugabsturzes in Frankreich vor wenigen Tagen, hätten gezeigt, dass eine ­Erinnerungsstätte für Angehörige nötig sei. «Hinterbliebene brauchen einen Ort, wo sie hingehen und Abschied nehmen können.» Förster, der auch Mitglied der Luzerner Friedhofskommission ist, hat betreffend Bestattungen an individuellen Orten ein ambivalentes Gefühl. «Einerseits kann ich nachvollziehen, wenn Angehörige dem letzten Wunsch der Verstorbenen Folge leisten. Andererseits ist das Ausstreuen der Asche auf einem Berg oder See zu offen, zu all­gemein. Menschen brauchen etwas Fassbares.»

Theresia Kunz, Psychologin in Luzern und Willisau, sieht das anders: «Unsere Lebensformen sind heute sehr beweglich. So ist es auch mit der letzten Ruhestätte.» Beim Abschiednehmen geht es um ein Ritual, und ein solches sei nicht von einem bestimmten Platz abhängig. «Wenn die Asche einer verstorbenen Person in den See gestreut wird, kann man beispielsweise einmal im Jahr auf den See fahren und so an die verstorbene Person denken.» Ob ein Trauerprozess erfolgreich sei oder nicht, ­hänge nicht von der Art der Bestattung ab. «Der Prozess findet in der Person selber statt und im Austausch mit Nahestehenden.»

Baum-, Wald-, Wiesengräber

Um auch auf dem Friedhof den ­neuen Bedürfnissen gerecht zu werden, hat etwa die Stadt Luzern letztes Jahr drei neue Angebote für Bestattungen geschaffen. Davon sind vor allem die Baumgräber beliebt, weiss Cornel Suter. «Wir haben bereits 19 Baumgräber vermietet, 12 davon sind bereits belegt.» Kostenpunkt für eine Baumbestattung: 400 Franken für die Beisetzung und 3800 Franken für Baummiete während 25 Jahren. «Für Menschen, die naturverbunden sind, ist dies gewiss eine schöne Ruhestätte», sagt Suter. Zudem seien Baumgräber auf dem Friedhof platziert und für alle zugänglich – ein Vorteil gegenüber einer Ruhestätte unter dem Apfelbaum im Garten einer ­Familie.

Seit 2014 kann man sich im Friedental auch im Eichwald bestatten lassen. Da gibt es allerdings keinen spezifischen Baum als Gedenkstätte für die Verstorbenen, sondern eine Wiese. Kostenpunkt: 600 Franken und 2000 Franken Miete für die Grünfläche während 20 Jahren. Bis anhin ist dort die Asche zweier Verstorbenen begraben. Neu sind auch Gemeinschaftsgräber für Urnen und Erdbestattungen. Laut Kremationsverein wird dieses Angebot reichlich genutzt. Über 50 Beisetzungen im Gemeinschaftsgrab zählte der Verein vergangenes Jahr.