LUZERN: Verkehrsplanung im Gegenverkehr

Die Spange Nord wird frühestens 2027 gebaut und kommt doppelt so teuer als ursprünglich geplant. Der Bund ist dabei Teil des Problems – und der Lösung.

Alexander von Däniken
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Bild: Grafik Neue LZ

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Alexander von Däniken

Ob bei Projekten für den ÖV oder für den Autoverkehr – damit der Bund Beiträge spricht, muss der Kanton Luzern aufzeigen, wofür genau er sie verwenden will und wie dringend jedes einzelne Projekt ist. Das macht der Kanton mit dem sogenannten Agglomerationsprogramm. Seit Montag können interessierte Kreise an der dritten Generation des Programms mitwirken; und zwar bis am 6. Mai, wie der Kanton kürzlich mitteilte. Die verschiedenen Massnahmen sind in drei Zeithorizonte aufgeteilt: A (Baubeginn 2019 bis 2022), B (2023 bis 2026) und C (ab 2027). Dabei gibt es einzelne Abweichungen zur Vorgängerversion, dem zweiten Agglomerationsprogramm.

Verkehrsknoten erst 2022 geknüpft

Zum Beispiel bei den sogenannten Hubs. In ihnen sollen künftig ÖV-Pas­sagiere an der Peripherie – etwa in Ebikon, Emmenbrücke und Horw – zwischen Bahn und Bus wechseln können. Der Zeitraum für die Realisierung solcher Verkehrsknoten wurde nun im aktuellen Programm von 2015–2018 auf 2019–2022 verschoben. Mike Siegrist, Abteilungsleiter Raumentwicklung in der kantonalen Dienststelle Raum und Wirtschaft, relativiert: «Das trifft bei weitem nicht auf alle Bahn- und Busknoten zu. Jener in Emmenbrücke wird zum Beispiel bereits realisiert und geht noch im Dezember 2016 mit dem Fahrplanwechsel in Betrieb. Andere wie jener in Horw sind von der regionalen Entwicklung abhängig.» In Horw wird zum Beispiel derzeit ein neues Zentrumsprojekt vorangetrieben.

Ähnliches gelte bei den Massnahmen, die unter dem Begriff «Buspriorisierungen» zusammengefasst sind. Hier wurde der Zeitrahmen ebenfalls von 2015–2018 auf 2019–2022 verschoben. «Teilweise werden Projekte der zweiten Generation bis 2018 realisiert und sind deshalb in der dritten Generation nicht mehr aufgeführt, teilweise sind auch neue Projekte hinzugekommen, weil Buspriorisierungen oft die letzte Möglichkeit sind, den Mehrverkehr in der Agglomeration aufzufangen.» Die veranschlagten Kosten für Buspriorisierungen steigen von 46 Millionen Franken im zweiten Programm auf 63 Millionen im dritten mit weitgehend zusätzlichen Projekten.

Tunnel macht Spange teurer

Auch die zusätzliche Autobahnerschliessung im Norden der Stadt (Spange Nord) wird später realisiert – frühestens 2027. Siegrist: «Die Spange macht nur mit dem Bypass Sinn. Dieser ist aber ein Projekt von nationaler Bedeutung und Sache des Bundes. Entsprechend müssen wir unseren Zeitplan jenem des Bundes anpassen.» Dass sich die Kosten auf 185 Millionen Franken verdoppelt haben, begründet Siegrist insbesondere mit der langen Untertunnelung im Friedental, welche sich aus der konkreteren Planung ergeben habe.

Die Mehrkosten muss der Bund allerdings erst noch gutheissen. Siegrist ist sich dieses Risikos bewusst: «Entsprechend heben wir bei jedem Projekt auch den grösseren Nutzen hervor.» Der Bund prüfe jedes Projekt selbst. «Darum nützt es nichts, wenn wir die Kosten zu tief ansetzen.»

Megaprojekte: Warten auf Bund

Nicht nur beim Bypass für den Autoverkehr, auch beim Durchgangsbahnhof für den Zugverkehr ist der Kanton auf den Bund angewiesen. Siegrist: «Unsere Projekte müssen darauf abgestimmt sein.» Beim Bahnhof ist im Programm stärker von einer Etappierung die Rede; ob das 2,4-Milliarden-Projekt tatsächlich zuerst als unterirdischer Sackbahnhof realisiert wird, hängt laut Siegrist von der kommenden Planung ab. «Das neue Agglomerationsprogramm ist eine Weiterentwicklung, wobei viele Projekte konkretisiert und einzelne neu hinzugekommen sind», stellt Siegrist fest.

Christoph Zurflüh, Sprecher des Verkehrsverbunds Luzern, freut sich vor allem über ÖV-Projekte, die vorankommen. Das System R-Bus, wie es bereits auf der Linie 1 im Einsatz ist, sei erstmals im Projekt verankert. Aber auch der Bushub Kriens-Mattenhof werde vorangetrieben (1. Priorität): «Das passt sehr gut zur Entwicklung des Gebiets mit der Pilatusarena und dem neuen Wohn- und Arbeitsplatzgebiet.» Das Programm wird nach der Mitwirkung überarbeitet und vom regionalen Entwicklungsträger Luzern Plus verabschiedet. Nach Einbezug der Nachbarkantone Nidwalden und Schwyz und einem Beschluss des Luzerner Regierungsrats reicht dieser es spätestens Ende Dezember 2016 beim Bund ein. Dieser prüft das Programm und vergleicht es mit 40 Programmen anderer Kantone, um dann zu entscheiden, welche Projekte mit wie viel Geld aus dem Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds unterstützt werden.

HINWEIS

Am 15. März findet im Zentrum Gersag in Emmenbrücke (Kongresssaal) von 17.15 bis etwa 19.30 Uhr eine öffentliche Informationsveranstaltung statt. Alle Interessierten können sich zum Agglomerationsprogramm 3 äussern. Anmeldung: bis spätestens 13. März unter info@luzernplus.ch

Neue S-Bahn-Haltestellen

avd. Noch liegt die Idee in weiter Ferne – und doch liegt sie auf der Hand. Vorausgesetzt, der Durchgangsbahnhof Luzern ist in Betrieb, schlägt der Kanton Luzern in seinem neuen Agglomerationsprogramm zusätzliche S-Bahn-Haltestellen in der Stadt Luzern vor. Diese könnten in den Gebieten Langensand/Steghof, Littau-Ruopigen, Gütsch/Kreuzstutz und Paulusplatz errichtet werden. Der Vorteil: Umsteigemöglichkeiten auf die Busse wären noch vor dem Durchgangsbahnhof möglich. Als Beispiel wird die S-Bahn-Haltestelle Paulusplatz angeführt, bei der auf die R-Bus-Linie 1 umgestiegen werden kann.

Mike Siegrist, Abteilungsleiter Raumentwicklung in der kantonalen Dienststelle Raum und Wirtschaft des Kantons Luzern, erklärt dazu: «Die Realisierbarkeit wird sich erst noch herausstellen, weil es etwa beim Steghof auch städtebauliche Herausforderungen gibt.» So sei das Gebiet einerseits ein Entwicklungsschwerpunkt der Stadt, liege aber andererseits schon in der Nähe des Bahnhofs. Um alle Optionen offenzuhalten, müssen die möglichen Haltestellen bereits jetzt in die Planung einfliessen, damit sie später berücksichtigt werden können. Klar sei, «dass ein dichteres Netz an S-Bahn-Stationen die Verkehrsinfrastruktur insgesamt entlasten kann».

S-Bahn-Stadt Zug

Über mehrere S-Bahn-Stationen auf Stadtgebiet verfügt bereits Zug. Die Stadtbahn Zug verkehrt auf den bestehenden Gleisen der SBB. Während die S 1 von Baar über Zug nach Cham in beiden Richtungen im 15-Minuten-Takt und ab dort zweimal stündlich weiter bis nach Ebikon und Luzern fährt, führt die S 2 im Stundentakt von Zug über Oberwil und Walchwil weiter nach Arth-Goldau und Erstfeld. Dabei werden acht städtische Haltstellen bedient. Die beiden S-Bahn-Linien sind als Stadtbahn seit dem 12. Dezember 2004 in Betrieb. Die Investitionskosten haben 67 Millionen Franken betragen.

Luzerner Kräftemessen mit dem Bund

Kommentar von Chefreporter Alexander von Däniken
über das neue Verkehrsprogramm für Stadt und Agglomeration Luzern

Die Spielregeln sind einigermassen verständlich: Der Kanton Luzern sammelt Wünsche und bestehende Projekte zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, gleicht sie mit bestehenden Planwerken ab und legt sich daraus eine Taktik namens «Agglomerationsprogramm» zurecht. Das Ziel: beim Bund möglichst viel Geld herausschlagen.

Das Vorgehen gleicht dann eher einem Schachspiel – mit dem Bund als Grossmeister. Der Kanton muss beim Ausarbeiten des Programms darauf achten, dass der Bund mit dem König und der Königin einen Zug vorwärtsmacht. Bei den Verkehrsprojekten sind das die neue Stadtautobahn Bypass und der Tiefbahnhof. Ohne das Königspaar des Bundes sind die meisten Spielzüge des Kantons wirkungslos: beispielsweise die Spange Nord zum Bypass oder neue S-Bahn-Haltestellen zum Durchgangsbahnhof.

Es hängt aber auch von weiteren Zügen des Kantons ab, ob die Taktik aufgeht. Luzern muss erstens darlegen, warum es die verschiedenen Massnahmen braucht, und zweitens, dass diese mit den Königsprojekten kompatibel sind. Komplizierter wird das Ganze, weil die Planung rollend ist. Wenn die Kosten für die Spange Nord von 90 auf 185 Millionen Franken anwachsen, muss der Kanton dies gut begründen können. Das gilt auch für neue Projekte wie das Schnellbus-System R-Bus. Auf der Linie 1 ist das System schon im Einsatz – aber noch nicht mit voller Kraft.

Ob der Bund die Vollendung dieses Projekts mittragen will, ist noch völlig offen. Ob Luzern die Spielzüge des Bundes richtig antizipiert, wird sich 2017 zeigen. Dann wird eine Stellungnahme des Bundes erwartet. Wie viel Geld ab 2019 fliesst, hängt auch von 40 Agglomerationsprogrammen anderer Kantone ab, die sich mit Luzern das Schachbrett teilen.