LUZERN: Versicherung verunsichert Vereine

Klubs und Verbände, die Löhne oder Spesen auszahlen, müssen eine Unfallversicherung abschliessen. Sonst wird es teuer, klärt die Suva auf. Doch die Regelung sorgt bei Luzerner Sportvereinen für Fragezeichen.

Alexander von Däniken
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Gilt auch im Breitensport: Für verunfallte Sportler (im Bild eine Volleyballspielerin) haftet der Verein, sobald die Entschädigung eine Grenze überschreitet. (Symbolbild: AP, Aaron Favila)

Gilt auch im Breitensport: Für verunfallte Sportler (im Bild eine Volleyballspielerin) haftet der Verein, sobald die Entschädigung eine Grenze überschreitet. (Symbolbild: AP, Aaron Favila)

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Rund eine Viertelmillion Freizeitunfälle hat die Suva (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt) mit Sitz in Luzern letztes Jahr registriert. Doch nicht alle Unfälle, die in der Freizeit passieren, können als Nichtberufsunfälle (NBU) im eigentlichen Sinn bezeichnet werden. Dies zeigt folgendes Beispiel: Martin arbeitet bei einer Spenglerei und nennt Fussball sein grosses Hobby. Dreimal in der Woche geht er ins Training, am Wochenende bestreitet er für die Zweitliga-Mannschaft Spiele. Entschädigt wird er mit Punkteprämien, die sich gemäss einer Vereinbarung mit dem Klub jeweils auf 3500 bis 4500 Franken pro Jahr belaufen. Plötzlich passiert es: Martin erleidet bei einem Spiel einen Kreuzbandriss. Er meldet diesen als Unfall seinem Spenglerbetrieb. Dieser gibt den Fall – weil bei der Suva versichert – als NBU an die Suva weiter.

Die Suva prüft den Fall, zahlt dann aber nach näheren Abklärungen nicht. Stattdessen nimmt sie den Fussballklub in die Pflicht. Denn dieser gilt in den Augen der Suva und der privaten Versicherer als Arbeitgeber, weil er die sportlichen Aktivitäten mit Geldleistungen abgilt, welche Lohncharakter haben. Ausschlaggebend ist die Höhe der Entschädigung. Werden mehr als 2300 Franken pro Jahr an Entschädigungen oder Prämien ausbezahlt, oder belaufen sich die Spesen auf über 6000 Franken pro Jahr, gilt der Sportverein für die Suva und die privaten Kassen als zweiter Arbeitgeber – und ist damit selber für den Unfall zuständig. Denn wer als Sportverein Entschädigungen bezahlt, die gemäss AHV zum massgebenden Lohn gehören, ist nicht nur verpflichtet, AHV-Beiträge abzurechnen, sondern auch eine Versicherung abzuschliessen. Die 2300 Franken sind eine Vorgabe der AHV, während die für die Spesen genannte Summe durch die Suva nach interner Prüfung und Kontakten mit Ausgleichskassen selber festgelegt wurde.

Bisher sprang Ersatzkasse ein

Die Regel ist nicht neu, dürfte aber seit dem Herbst 2015 allen bekannt sein. Damals hatte die Ersatzkasse UVG alle Sportvereine aufgerufen, die eigene Versicherungssituation zu überprüfen. Die Ersatzkasse ist eine Stiftung der privaten Versicherungen gemäss Unfallversicherungsgesetz (UVG). Sie zahlt bei jenen Unfällen, für die die Versicherungen nicht zuständig sind. Beim säumigen Arbeitgeber werden in der Folge die geschuldeten Ersatzprämien eingezogen. Der Brief hat auch bei den Versicherern Bewegung ausgelöst, und die Suva als grösste Unfallversicherung ist nun im Verlaufe des letzten Jahres aktiv geworden.

«Noch immer sind viele Sportvereine nicht versichert, obwohl sie es sein sollten.» Das sagte Stefan Bucher, Leiter Versicherungsleistungen bei der Suva Zentralschweiz, kürzlich anlässlich eines Round Table der IG Sport Luzern (siehe Kasten). «Ein Pilotversuch der Suva hat kürzlich ergeben, dass 8 bis 10 Prozent der gemeldeten Sportunfälle an die Unfallversicherung des Sportvereins oder die Ersatzkasse abgetreten werden können.»

Es geht dabei nicht nur um die «aktiven Sportler», sondern auch um Trainer oder Platzwarte. Sobald ein «Angestellter» die von der AHV festgelegte Lohngrenze überschreitet, muss der Verein die AHV abrechnen – und eine Unfallversicherung abschliessen.

Die Diskussion am Anlass der IG Sport zeigte eine grosse Verunsicherung unter den Vereinsvorständen. Es wurde eine Wettbewerbsverzerrung befürchtet, wenn sich einige Vereine die Versicherung sparen. Denn diese kann ins Geld gehen. Urs Wey, Präsident des Handballvereins Spono Eagles Nottwil, sagt auf Anfrage: «Wir sind schon lange unfallversichert. Das ist ein grosser finanzieller Aufwand.» Bei aktiven Spielerinnen würden schon einmal zwischen 25 und 35 Prozent der Lohnsumme für die UVG-Prämien aufgewendet; wegen des höheren Unfallrisikos gilt hier ein höherer Satz.

Die hohen Kosten bestätigen andere Sportvereine. Es seien auch schon GmbHs gegründet worden, bei denen die Sportler als fiktive Büroangestellte zu tieferen UVG-Prämien angestellt sind, um die Klubs zu entlasten.