LUZERN: Viele Arbeitslose trotz neuer Jobs

Knapp 2 Prozent betrug die Arbeitslosenquote im Jahr 2014. Im Gastgewerbe war sie mehr als drei Mal so hoch. Dies, obwohl es immer mehr Restaurants gibt.

Yasmin Kunz
Drucken
Teilen
Ruedi Stöckli, Präsident von Gastro Luzern, bedient in seinem Landgasthaus Strauss in Meierskappel Gäste. (Bild Dominik Wunderli)

Ruedi Stöckli, Präsident von Gastro Luzern, bedient in seinem Landgasthaus Strauss in Meierskappel Gäste. (Bild Dominik Wunderli)

Die gute Neuigkeit zuerst: Luzern liegt mit einer Arbeitslosenquote von 1,9 Prozent im letzten Jahr deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt von 3,2 Prozent, wie die aktuellen Zahlen von Statistik Luzern (Lustat) zeigen. Die schlechte Nachricht: Die Zahl der Arbeitslosen ist im Luzerner Gastgewerbe mit 6,6 Prozent deutlich über dem Durchschnitt anderer Wirtschaftsbranchen. Ende 2014 waren es gar 8 Prozent.

Interessant: Die Zahl der Gastbetriebe ist seit Jahren stabil und zeigt gar eine steigende Tendenz. Wie kommt es, dass im Gastgewerbe so viele Arbeitslose gemeldet sind?

Verdrängen Imbisse Restaurants?

Nicht nur im Kanton Luzern liegt die Zahl der Arbeitslosen im Gastrobereich hoch, auch gesamtschweizerisch waren letztes Jahr gemäss Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rund 10 Prozent Arbeitslose registriert.

Patrick Grinschgl, Mitglied des Verbands Gastro Luzern, hat eine mögliche Erklärung: «Bedingt durch Verbote, wie das Rauchverbot, verzeichnen einige Betriebe weniger Kundschaft und mussten deshalb gar schliessen.» Tatsächlich sind vor allem auf dem Land in den letzten Jahren viele Gasthöfe geschlossen worden. Stefan Unternährer, Leiter des Rechtsdiensts der Gastro Union Luzern, sagt: «Die Gastronomie unterliegt einem Strukturwandel.» Will heissen: Traditionelle Verpflegungsstätten wie Restaurants müssen schliessen, weil zu wenig Gäste kommen. Im Gegenzug schiessen Verpflegungsstände wie Pilze aus dem Boden. «Wird ein Restaurant geschlossen, gehen auf einen Schlag bis zu 15 Stellen verloren. Ein Imbissstand hingegen hat nur zwei oder drei Angestellte», sagt Unternährer.

Verdrängen also Imbissstände traditionelle Restaurants und treiben so Angestellte in die Arbeitslosigkeit? Die Zahlen der Luzerner Gewerbepolizei stützen diese These nicht. Im Gegenteil: Gab es im Kanton Luzern im Jahr 2013 noch 818 Restaurantbetriebe, waren es ein Jahr später schon 836. Auch die Zahl der Verpflegungsstände ist in diesem Zeitraum von 216 auf 231 angestiegen. Eventuell könnten auch veränderte Konsumgewohnheiten der Bevölkerung ein Grund sein, erklärt Unternährer. «Heute isst man weniger traditionell auswärts, sondern geht eher zum Take-away. Restaurants müssen demnach weniger Personal einstellen.»

Klassische Einsteigerjobs

Im Kanton Luzern sind derzeit 593 Personen aus der Gastrobranche bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) angemeldet. Insgesamt betreut das RAV aktuell 4591 Arbeitslose. Kurt Simon, Leiter Abteilung Arbeitsmarkt bei der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit, sagt: «Das Gastgewerbe ist grundsätzlich eine gute Einsteigerbranche. Für Leute aus dem In- und Ausland mit geringen Deutschkenntnissen oder ohne Berufsbildung ermöglicht das Gastgewerbe eine Anstellung.» Simon fügt ein Beispiel an: Ein Ingenieur aus dem Ausland findet hier keinen Job als Ingenieur. Also sucht er eine Stelle im Gastgewerbe. Dies zum Nachteil für andere: «Wir stellen die Tendenz fest, dass diese dann die bisher Beschäftigten verdrängen und den Arbeitslosen einen Wiedereinstieg verunmöglichen.»

Viele Ausländer unter Arbeitslosen

Alexander Hug, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Lustat, hält dazu fest: «Personen mit einem tieferen Bildungsniveau sind eher von Arbeitslosigkeit betroffen als andere.» Im Kanton Luzern waren letztes Jahr durchschnittlich 486 Personen in der Gastronomie arbeitslos. 185 Arbeitslose waren Schweizer und 301 Ausländer. Laut Lustat waren 2014 im Kanton Luzern 4147 Arbeitslose registriert, 1769 davon waren ausländische Personen.

Starke saisonale Schwankungen

Patrick Grinschgl vom Gastroverband Luzern hat eine weitere Vermutung: «Oft versucht sich ein Langzeitarbeitsloser auf Anraten des RAV als letzte Chance in der Gastronomie. Klappt dies nicht, wird er dann als Arbeitsloser der Gastronomie zugerechnet, weil dies seine letzte Tätigkeit war.»

Gemäss Ruedi Stöckli, Präsident Gastro Luzern, hängt die hohe Arbeitslosigkeit auch mit der Arbeitsstruktur zusammen: «Das Gastgewerbe ist ein saisonaler Betrieb. Man arbeitet sechs Monate im Sommer, vier im Winter und in der Zwischensaison ist man auf dem RAV.» Hinzu käme, dass die Arbeit im Gastgewerbe für viele Junge nicht mehr attraktiv sei, «weil die Arbeitszeiten selten mit dem Privatleben zu vereinbaren sind». Stefan Unternährer von der Gastro Union fügt diesen Aussagen an: «Heute ist es so, dass die Mitarbeiter im Gastgewerbe in der Zwischensaison nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren, sondern hier in der Schweiz bleiben.» In der Nebensaison steigt die Arbeitslosigkeit bis auf 8,5 Prozent. Doch auch in der Hauptsaison, im Sommerhalbjahr, sank sie aber auch nie unter 4,3 Prozent (siehe Grafik).

Trotz der hohen Arbeitslosigkeit: Im Februar waren dem RAV 32 vakante Stellen in der Gastronomie bekannt. Mit den 593 Arbeitslosen müssten diese Stellen eigentlich besetzt werden können. Dies sei jedoch eine Illusion, sagt Kurt Simon von der kantonalen Dienststelle Wirtschaft und Arbeit: «Manchmal passt dem Arbeitgeber der Stellensuchende nicht und umgekehrt.» Würden die Arbeitslosen aber eine zumutbare Stelle ablehnen, kann das RAV sie sanktionieren. Ihnen können die Taggelder unter Umständen für mehrere Wochen gestrichen wer- den.

Servicekurse und befristete Stellen

Im Durchschnitt dauert die Arbeitslosigkeit 137 Tage. Wie lange eine Person aus dem Gastgewerbe arbeitslos ist, wird nicht eruiert. Gemäss Simon würde das RAV für Stellensuchende sogenannte «arbeitsmarktliche» Massnahmen finanzieren. Konkret: Sie bieten Küchen- und Servicekurse an oder organisieren vorübergehende Einsatzplätze in der Privatwirtschaft und vorübergehende Arbeitsplätze in Kantinen von sozialen Institutionen. Inwiefern diese Massnahmen für eine erfolgreiche Stellensuche verantwortlich sind, kann nicht erhoben werden. «Es ist letztlich immer ein Puzzle an verschiedenen Massnahmen und Aktivitäten, welche den Erfolg bringen.»