Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LUZERN: Warum mussten zwei Babys sterben?

Die Polizei findet in einem Haus tote Zwillinge. Die Mutter, eine 20-jährige Serbin, sitzt in U-Haft. Die serbisch-orthodoxe Gemeinschaft trauert. Was ist passiert? Im Fokus stehen zwei Szenarien.
Christian Hodel
Die 20-jährige Mutter war mit Beschwerden in die Notfallaufnahme des Luzerner Kantonsspitals gekommen. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Die 20-jährige Mutter war mit Beschwerden in die Notfallaufnahme des Luzerner Kantonsspitals gekommen. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Christian Hodel

Sie hat starke Blutungen im Unterleib. In Begleitung ihrer Eltern meldet sich die 20-jährige Serbin auf der Notfallstation am Luzerner Kantonsspital. Die Frau verhält sich auffällig, macht bei den Ärzten widersprüchliche Aussagen. Liegt eine Gewalttat vor? Eine Vergewaltigung?

Zweites Kind lag in anderem Raum

Häufen sich Hinweise auf ein solches Verbrechen, informiert das Spital die Polizei – so auch in jener Nacht vom Freitag auf den Samstag, 12. Dezember. Auf die Frage der Ermittler, was passiert sei, antwortet die Frau, sie habe ein Kind geboren. Das Baby sei zu Hause. Ein paar Stunden später entdecken Polizisten ein totes Neugeborenes in einer Wohnung in der Stadt Luzern.

Die Polizisten befragen die Serbin weiter. Von einem zweiten Kind ist nun die Rede. Die Beamten kehren zurück zum Wohnhaus und machen einen schrecklichen Fund: ein weiteres Neugeborenes, tot, in einem anderen Raum, im gleichen Gebäude. Es waren Zwillinge, geboren am Donnerstag oder Freitag, dem 10. oder 11. Dezember. Ihre Leichen werden nun obduziert.

«Im Moment wissen wir nicht, was genau passiert ist», sagt Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft. Die Frau ist in Untersuchungshaft. «Es gibt derzeit viele offene Fragen, denen wir nachgehen. Es geht nun darum, zu klären, ob die Kinder tot geboren wurden oder ob eine Straftat der Mutter vorliegt.» Solange letztere Möglichkeit nicht bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung.

Wurde Schwangerschaft verdrängt?

Vieles bleibt also auch Tage, nachdem der Fernsehsender Tele 1 den Fall publik machte, unklar. Wo wurde das zweite tote Kind gefunden? Warum ging die Frau zur Geburt nicht ins Spital? War es eine überraschende Frühgeburt? Und: Kamen die Zwillinge schon tot auf die Welt, oder wurden sie getötet?

Letzteres Szenario ist gemäss Andreas Frei (61) aus Luzern durchaus denkbar. Der forensische Psychiater sagt: «Es kommt immer wieder vor, dass Mütter in engem zeitlichem Zusammenhang zur Geburt ihr Neugeborenes umbringen.» Für solche Kindstötungen seien oft mehrere Gründe verantwortlich. «Häufig wird die Schwangerschaft verdrängt. Die Betroffenen sind völlig hilflos, wenn sie realisieren, dass sie ein Kind bekommen.» Auch das soziale Umfeld merke nicht immer oder wolle nicht wahrhaben, dass eine Frau schwanger ist.

«Vielfach Frauen aus der Unterschicht»

Wenn eine Mutter ihre Schwangerschaft nicht nur einige Monate, sondern bis zur Geburt verdränge und man sie nicht auf die offensichtlichen äusseren Veränderungen anspreche, lasse dies «einige Rückschlüsse auf das soziale Umfeld zu, aus dem sie stammt», sagt Frei. Dies sei eigentlich nur zu erwarten, wenn «Sexualität extrem tabuisiert» werde. Komme es in solchen Milieus zu einer ungewollten Schwangerschaft, könne dies zu sozialen Problemen führen.

Doch was kann eine Mutter dazubringen, ihre Kinder zu töten? «Vielfach sind es Frauen aus der Unterschicht mit geringem Bildungsniveau», sagt Frei. Es seien «einfach strukturierte Persönlichkeiten». Zum Teil würden sie auch psychische Erkrankungen aufweisen. Ein eindeutiges Profil gäbe es aber nicht.

Erhöhtes Risiko bei Zwillingen

Was sich vor drei Wochen in der Wohnung in Luzern genau abspielte, ist im Moment unklar. Von Relevanz für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wird auch der Verlauf der Geburt sein. Zu klären ist unter anderem: Kamen die Zwillinge zu Hause und ohne Beisein von Fachpersonal zur Welt – und wurden sie schon tot geboren? Barbara Stocker ist Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes. Sie sagt: «Wenn eine Geburt zu Hause und ohne Hebammenbegleitung von sich geht, ist das Risiko viel grösser, dass dem Kind etwas passiert.» Ebenso würden bei Zwillingsgeburten vermehrt Komplikationen auftreten. Sicher ist: Die 20-jährige Serbin musste wegen Blutungen ins Spital – wodurch die toten Kinder von der Polizei erst entdeckt wurden. «Starke Blutungen können nach einer Geburt auftreten und sind kein Zeichen, ob bei der Geburt etwas schieflief oder nicht», sagt Stocker und fügt an: «Jede Geburt verläuft anders. Allgemeine Aussagen zu machen, ist daher schwierig.»

«Das ist ein tragischer Vorfall»

Den Todesfall der Zwillinge hat man bei der serbisch-orthodoxen Kirchgemeinde in Luzern mit grossem Bedauern zu Kenntnis genommen. «Das ist ein tragischer Vorfall», sagt Pfarrer Dragan Stanojevic auf Anfrage. Bisher habe er aber keine Hinweise, wer die Frau sei, wo sie lebe und ob sie in der Gemeinschaft aktiv mitwirke.

Klar ist: Die Frau braucht im Moment enge Begleitung – unabhängig der Frage, ob sie schuld am Tod ihrer zwei Kinder hat oder nicht. Das Gefängnis stellt derzeit die psychologische Betreuung der Mutter sicher. Der Serbin steht zudem ein Anwalt zur Seite, wie Simon Kopp von der Staatsanwaltschaft bestätigt. Ob sie zu Angehörigen Kontakt hat und inwiefern diese – etwa der Vater – in die Ermittlungen einbezogen werden, ist derzeit unklar. Kopp teilt mit: Der Vater sei der Staatsanwaltschaft bekannt, «aber für die Untersuchung nicht relevant».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.