LUZERN: Was passiert, wenn ich tot bin?

Raffinierte Projektionen, ein düster-donnernder Soundtrack und bizarre Regieeinfälle: In der Uraufführung von Daniel Mezgers «Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht» in Luzern kriegt man ganz schön was geboten - jedenfalls in der ersten Hälfte.

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Szene aus «Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht» (Bild: pd)

Szene aus «Nachruf oder Jung sterben hat mich auch nicht besser gemacht» (Bild: pd)

Ausgangspunkt ist eine klassische Konstellation: Lebenspartnerin und Geliebte begegnen sich auf der Beerdigung eines Mannes. So denkt es sich jedenfalls der Autor (Clemens Maria Riegler) aus, der auf offener Bühne auf seinem Laptop seinen eigenen Nachruf in Form eines Theaterstückes schreibt.

Und weil das Stück ja nicht die Wirklichkeit ist, sondern eine aus Teilen des eigenen Lebens gespiesene Möglichkeit, wird das Spiel der beiden Frauen - und manchmal auch der Kommentar des Autors - vom rückwärtigen Teil der Bühne auf drei hintereinander gestaffelte Gazevorhänge projiziert. Das wirkt wie eine mehrfach gespiegelte Geistererscheinung und ist schön anzusehen.

Irre und bizarr

Doch auch wenn ohne Videoverfremdung gespielt wird, sind die abgehackten Dialoge das einzig Realitätsnahe. Der Lebensabschnittspartnerin Mira (Juliane Lang) in ihrem ausladenden Witwenkleid etwa geht jegliche Trauer ab. Sie ist einfach nur eine arrogante Zicke, die den treusorgenden Hausfreund Mark (Hans-Caspar Gattiker) wie einen hilflosen Kasperl herumhampeln lässt.

Der hat ja auch seine Sorgen, muss sich aber von Mira erniedrigen lassen. Nach einem missglückten Annäherungsversuch brechen die «Witwe» und der Autor in irres Gelächter aus, zu dem Mark onanierend Frust abbaut. Später wird er sich vor Verzweiflung nackt ausziehen. Beides Szenen, bei denen man nicht um den Verdacht herum kommt, der Regisseur Pedro Martins Beja habe einfach ein bisschen Voyeurismus bedienen wollen.

Katz- und Maus-Spiel

Die einzig «Normale» im Quartett ist die heimliche Geliebte Ann (Daniela Britt). Mit ihrer gerüschten Corsage sieht man ihr gleich an, dass sie in der Dreiecksbeziehung für den Sex zuständig war. Sonst gibt sie sich bedeckt. Als sie von Mira gestalkt wird, tut sie zunächst abweisend, steigt aber allmählich in das Katz- und-Maus-Spiel mit der Nebenbuhlerin ein.

Ann gibt vor, Mira nicht zu erkennen und beginnt, über ihren verstorbenen Freund zu erzählen. Mira wiederum tut, als hätte sie den Toten nicht gekannt. Der Autor schaltet sich ein und erzählt aus seinem Leben mit der einen oder der anderen Frau. Und auch wenn alle vom selben Ereignis erzählen, sind die Geschichten nicht deckungsgleich.

Könnte man irgendeinen Schluss aus dem Stück ziehen, wäre es wohl der, dass Mira ihren Mann nicht gekannt hat. Und wie sie schon zu Beginn sagte: «Man kann niemanden lieben, den man nicht kennt.»

Übertriebene Ausfranserei

Aber Schlüsse zu ziehen verbietet sich der Autor - der richtige und sein Bühnendarsteller. Runden Geschichten sei zu misstrauen, im wahren Leben franse alles aus, sagt er. Bei der Ausfranserei hat der Regisseur noch kräftig zugelegt und auch Fäden raushängen lassen, wo im Text keine sind. Warum der Autor seinen Tod frenetisch mit einem Veitstanz und dem Song «Oh happy day» feiert beispielsweise, erschliesst sich einem nicht.

Ebenso wenig wie der Umstand, dass die Aufführung acht Seiten vor dem Schluss des bei S. Fischer erschienenen Stücktexts endet - an einer Stelle, die als Finale nicht überzeugt. Es ist der traurige Höhepunkt einer schwächelnden zweiten Hälfte.

sda