LUZERN: «Weihnachten hält Erinnerungen wach»

Abraham Tekle (42) aus Eritrea hat das Mittelmeer überquert und Schiessereien überlebt. Sein Glaube hat ihm dabei geholfen. Und ein Stück abgebröckelter Fassade seiner Lieblingskirche.

Drucken
Teilen
Abraham Tekle ist aus Eritrea in die Schweiz geflohen. Er hat uns seine Geschichte erzählt. Fotografiert am 22. Dezmeber 2016 in Luzern. Boris Bürgisser / Luzerner Zeitung (Bild: Boris Bürgisser (LZ) (Luzerner Zeitung))

Abraham Tekle ist aus Eritrea in die Schweiz geflohen. Er hat uns seine Geschichte erzählt. Fotografiert am 22. Dezmeber 2016 in Luzern. Boris Bürgisser / Luzerner Zeitung (Bild: Boris Bürgisser (LZ) (Luzerner Zeitung))

«It’s not easy», sagt Abraham Tekle aus Eritrea immer und immer wieder. «Es tönt jetzt einfach, wenn ich darüber spreche. Das ist es aber nicht.» Abraham ist 42 Jahre alt und seit rund eineinhalb Jahren in der Schweiz. Im Jahr 2000 wurde der heute vierfache Familienvater zum Militärdienst gezwungen. Acht Jahre hat er gedient – widerwillig. 2008 ist er vom Dienst geflüchtet. Zu Fuss. An die sudanesische Grenze. Mit dabei ein Freund. Drei Tage und Nächte seien sie gelaufen. Am dritten Tag hätten sie unter einem Baum Rast eingelegt. Kaum eingedöst, kreuzten Hyänen auf. «Wir hatten grosse Angst. Doch sie taten uns nichts.» Gott – Abraham ist ein gläubiger orthodoxer Christ – habe ihn beschützt.

Seine Reise endet vorerst in Israel. Dunkelhäutige Menschen würden dort wie Aussätzige behandelt. Abraham zeigt ein Foto, auf dem Israelis mit Pferden auf einen Schwarzen losgehen und ihn vom Tier zertrampeln lassen. «It’s not easy.» Dennoch: Abraham bleibt mehrere Jahre in Jerusalem. Er findet Arbeit in Restaurants als Tellerwäscher und in der Pflege. Mit dem wenigen Geld, welches er verdient, unterstützt er seine Familie in Senafe, Eritrea.

Bevor er in die Schweiz flüchtet, reist er noch einmal in den Sudan, um seine Frau und seine Mutter zu treffen. Ein Treffen in Eritrea wäre für den Mann zu gefährlich gewesen. Die beiden Frauen kehren nach Eritrea zurück. Seine Frau gebiert neun Monate später eine Tochter; es ist das vierte Kind des Ehepaars. Abraham weiss nur von Fotos, wie sie aussieht. Denn nach dem Treffen im Sudan floh er mit 30 weiteren Personen in einem Pick-up-ähnlichen Auto nach Libyen, wo er an der Grenze in eine Schiesserei gerät. Abraham überlebt. Mit einem Boot überquert er das Mittelmeer Richtung Italien. Vier Tage dauert die Überfahrt. «It’s not easy», sagt Abraham und fügt an: «Ich habe entschieden, dass ich lieber im Meer sterben will als auf dem Festland in Eritrea.» Mit ihm haben 400 weitere Flüchtlinge diese Überfahrt gemacht. Doch eigentlich gäbe es auf dem Boot nur Platz für 50 Personen. Abraham rechnete sich eine Überlebenschance von 50 Prozent aus. «Als ich nach vier Tagen festen Boden unter den Füssen hatte, wusste ich: Gott hat mich behütet.» Und fügt an: «It was not easy.» Von da kam er über Chiasso in die Schweiz, wo er in verschiedenen Zentren untergebracht wurde. Immer mit dabei: ein Stückchen Stein, welches von der Fassade seiner Lieblingskirche abgebröckelt ist. Diese steht in seiner Heimat auf einem Berg.

Vor wenigen Wochen hat der Bund sein Aufenthaltsbewilligungsgesuch gutgeheissen. Abraham, der mit anderen Eritreern in der Stadt Luzern wohnt, darf hier blieben.

Weihnachten ist besonders schmerzlich

Abraham, der gut Englisch spricht, weil er in seinem Heimatland Englisch unterrichtet hat, ist überzeugt: «Gott hat einen Plan für mich.» Er selber habe nie vorgehabt, in die Schweiz zu kommen. «Gott will es so», betont er. Und grundsätzlich gehe es ihm gut in der Schweiz. Weihnachten sei jedoch eine traurige Zeit. «Ich vermisse meine Familie – immer, aber jetzt besonders.» An Weihnachten, die bei den orthodoxen Christen am 7. Januar gefeiert wird, erinnert sich Abraham gut. «Wir haben immer eine Ziege oder ein Schaf geschlachtet und alle Verwandten und Nachbarn eingeladen.» Hier in der Schweiz gebe es nur Tiere aus dem Tiefkühler, meint er und lächelt.

Am liebsten würde er an Weihnachten seine Frau anrufen. Das geht aber nicht. «Die Regierung hat die Telefonleitungen in Senafe gekappt. Seit einem halben Jahr habe ich nicht mehr mit meiner Frau telefoniert.» Dabei schaut er wehmütig auf die wenigen Fotos, die er auf seinem Handy hat. Die aktuellsten Bilder stammen von der Taufe seines jüngsten Kindes, die nun auch schon wieder mehrere Monate zurückliegt. Wehmut zeigt sich auch in den Blicken seiner Kinder und seiner Gattin. Wenn Abraham mit seiner Frau reden möchte, müsste sie in die Hauptstadt fahren. Das sind 135 Kilometer. «Eine Fahrt nach Asmara können wir uns nicht leisten.» Er werde versuchen, einen Freund, der in der Hauptstadt lebt, zu kontaktieren. Dieser soll dann Abrahams Botschaft seiner Familie überbringen. Was würde er sagen? «Gebt die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht auf! Wenn Gott will, dass wir uns eines Tages in die Arme schliessen, dann wird das möglich. Ich liebe euch.»

Abraham wünscht sich eine Stelle

Trübsal blasen will Abraham nicht, auch wenn er noch immer von schlimmen Albträumen geplagt wird und nachts oft weinend aufwacht. Im Gegenteil: Weihnachten feiert er diesmal besonders. Gleich vier Einladungen habe er bekommen, sagt er stolz. «Das Weihnachtsfest hält die Erinnerungen an meine Zeit in Eritrea und meine Familie wach.» In Eritrea wird die Ankunft Jesu in grossen Gruppen zelebriert. «Das ist unsere Tradition. Niemand soll an diesem Tag allein sein.» Auch hier in Luzern wird im eritreischen Stil gefeiert: Es gibt Kaffee (aus der Kanne und nicht aus der Maschine) und Schaf- oder Ziegenfleisch – aus dem Tiefkühler.
Sein sehnlichster Wunsch für seine Zukunft: seine Familie wiederzusehen. Und sein zweitgrösster Wunsch ist es, eine Arbeitsstelle zu finden. «Es ist schlimm, wenn man tagein, tagaus nichts tun kann.» Gerne würde er im Pflegebereich seine Dienste anbieten. Abraham ist Realist. «It’s not easy.»

Yasmin Kunz