LUZERN: Weniger Papier, mehr Downloads

In der Stadtbibliothek werden immer weniger Bücher ausgeliehen dafür hat sich die Zahl der Online-Ausleihen letztes Jahr verdoppelt. Bibliotheksleiter Josef Birrer erklärt, warum.

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Vermisst das Rascheln der Bücherseiten nicht: Josef Birrer, Leiter der Stadtbibliothek Luzern, liest gerne E-Books. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Vermisst das Rascheln der Bücherseiten nicht: Josef Birrer, Leiter der Stadtbibliothek Luzern, liest gerne E-Books. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Interview Lena Berger

Josef Birrer, werden in Zeiten von Smartphones und Tablets überhaupt noch Bücher ausgeliehen?

Josef Birrer*: Die Buchausleihe ist noch immer unser Kerngeschäft. Aber wie überall sind die Ausleihzahlen auch bei uns rückläufig. Wir haben 2014 über alle Medienarten betrachtet 24 Prozent weniger Ausleihen verzeichnet als noch vor fünf Jahren. Dramatisch ist die Entwicklung vor allem bei CDs und DVDs. Diese Medien werden in den nächsten Jahren aus den Bibliotheken verschwinden. Auch Sachbücher sind immer weniger gefragt.

Seit Juni 2013 bietet die Stadtbibliothek auch elektronische Bücher, also E-Books, an, die temporär auf eigene Geräte geladen werden können. Gelingt dieser Sprung in die Moderne?

Birrer: Inwieweit der Rückgang der Ausleihen durch Downloads wettgemacht wurde, ist schwierig einzuschätzen, weil wir die E-Medien nicht als Einzelbibliothek, sondern als Zentralschweizer Verbund anbieten (siehe Box). Es gab allerdings einige neue Kunden, die sich bei uns registriert haben, nachdem wir die Onleihe aufgeschaltet hatten. Interessant finde ich, dass gerade ältere Menschen das neue Angebot nutzen.

Stört es diese nicht, dass bei den E-Books das schöne Rascheln der Seiten wegfällt?

Birrer: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie oft ich das zu hören bekomme! Ich kann das zwar nachvollziehen, finde persönlich aber E-Reader genauso sinnlich. Und die Vorteile der elektronischen Bücher gerade für ältere Kundinnen und Kunden – liegen auf der Hand: Schrift und Kontrast lassen sich skalieren, sie sind Platz sparend, und um sie auszuleihen, braucht man sich an keine Öffnungszeiten zu halten. Wenn man den Rückgabetermin verpasst, kommt keine Mahnung ins Haus. Auch kann man am Strand genauso gut lesen wie im Bett – und das ohne Nachttischlampe. Kon­flikte um das Lichterlöschen gehören der Vergangenheit an. Eine Kundin kam schon zu mir und sagte, wir hätten ihre Ehe gerettet – weil sie nachts im Bett jetzt endlich so lange lesen könne, wie sie wolle.

Wie kommen denn ältere Kunden mit den Tücken der Technik zurecht?

Birrer: Seit Anfang Jahr bieten wir jeden dritten Dienstag eine E-Medienberatung an. Für unsere Mitarbeiter ist das ein ganz neues Feld und eine ziemliche Herausforderung. Denn die Leute haben handfeste technische Fragen. Bei der Vielfalt der Geräte und Konfigurationen muss man jedes Problem individuell lösen.

Gibt es auch kritische Feedbacks?

Birrer: Ein Problem ist die Verfügbarkeit. Einzelne Verlage etwa Diogenes – weigern sich, ihre E-Books über Bibliotheken zu verleihen. Ihre Titel tauchen in unserem Katalog deshalb nicht auf.

Ärgert Sie die Haltung der Verlage?

Birrer: Die Verlage müssen sich noch enorm bewegen. Was die Musikindustrie im Gröbsten hinter sich hat, steht der Buchbranche noch bevor. Ich wünschte für meine Bibliothek eine E-Book-Flatrate, um unseren Nutzern alle Bücher anbieten zu können, die es gibt und würde dann die einzelnen Downloads bezahlen. Heute können wir ein elektronisches Buch pro gekaufter Lizenz nur einmal ausleihen, wie wenn wir das Buch physisch in der Bibliothek stehen hätten. Das alte System wird übernommen, als habe es den technischen Fortschritt nicht gegeben.

Ursprünglich hatten Sie geplant, für die Ausleihe von E-Books Gebühren zu verlangen. Das ist heute technisch nicht machbar. Wie lösen andere Bibliotheken dieses Problem?

Birrer: Es gibt solche, die Jahresgebühren erheben, die dann auch zur Nutzung des Online-Angebots berechtigen. Manche unterscheiden dabei auch zwischen einheimischen und auswärtigen Bibliotheksnutzern. Solche Modelle sind prüfenswert.

Noch ist es aber so: Die Zukunft ist online, das Geld machen Sie mit Papier. Schneiden Sie sich mit der Onleihe nicht ins eigene Fleisch?

Birrer: Ich sehe die E-Books als Pflänzchen mit Potenzial, nicht als Unkraut, das unseren Garten verdirbt. Unsere Kernaufgabe als Bibliothek ist die Vermittlung von Geschichten und Informationen unabhängig von der Verpackung.

Werden E-Books denn die klassischen Bücher ablösen?

Birrer: Diese Befürchtung war in der Branche lange Zeit verbreitet. Ich bin überzeugt, dass das nicht passieren wird. Im englischsprachigen Raum stellt der Buchhandel diese Entwicklung bereits fest. Dort liegt der Anteil der E-Medien zwar inzwischen bei 25 Prozent. Und doch haben verschiedene Verlage 2014 erstmals wieder teils massiv Umsatzsteigerungen mit gedruckten Büchern verzeichnen können. Dieser Trend ist mit einigen Jahren Verzögerung auch bei uns zu erwarten.

Manche Experten sind der Meinung, dass die Funktion als Treffpunkt für Bibliotheken immer wichtiger wird ...

Birrer: Das beweisen unsere Zahlen: Im Durchschnitt besuchen pro Öffnungstag 650 Menschen die Stadtbibliothek Luzern! Für mich ist die Bibliothek eine Insel in der Stadt. Es ist ruhig, es ist warm, man kann Zeitungen lesen, einen Kaffee trinken oder sich mit Bekannten treffen. Es gibt Menschen, die kommen täglich hierher. Einige von ihnen haben sonst wohl eher wenig Kontakt mit anderen Menschen. In die Bibliothek zu kommen, gibt ihnen eine Tagesstruktur, eine Anregung, einen Grund, die eigenen vier Wände für ein paar Stunden zu verlassen.

Klaus Egli, Präsident des Schweizerischen Verbands öffentlicher Bibliotheken, fasst die Glücksformel für Bibliotheken so zusammen: mehr Zeit, mehr Technik und mehr Raum. Einverstanden damit?

Birrer: Ja. Bibliotheken müssen sich zu Wohlfühlorten entwickeln. Bei der Technik geht es darum, dass sich Bibliotheken untereinander vernetzen und Synergien nutzen. Und dass die Bibliothek dann offen ist, wenn die Menschen Zeit haben, tönt doch logisch, oder ...?

ZUR PERSON

* Josef Birrer (54) ist seit 1998 Leiter der Stadtbibliothek Luzern.