LUZERN: Wie reagieren, wenn die Eltern nicht mehr zahlen?

Immer häufiger streiten sich Eltern und ihre volljährigen Kinder über Unterhaltszahlungen. Eine neue Fachstelle schafft Abhilfe.

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Andrea Schmid-Fischer, Fachstellen-Leiterin: «Die meisten schlagen sich lieber irgendwie durch, als gegen die eigenen Eltern zu klagen.» (Bild: PD)

Andrea Schmid-Fischer, Fachstellen-Leiterin: «Die meisten schlagen sich lieber irgendwie durch, als gegen die eigenen Eltern zu klagen.» (Bild: PD)

Alexander von Däniken

Die Unterhaltspflicht der Eltern dauert bis zur Volljährigkeit des Kindes. Verfügt dieses dann noch über keine angemessene Ausbildung, so haben die Eltern, soweit es ihnen nach den gesamten Umständen zugemutet werden darf, für seinen Unterhalt aufzukommen, bis eine entsprechende Ausbildung ordentlicherweise abgeschlossen werden kann.

(Zivilgesetzbuch, Artikel 277)

Das Gesetz lässt kaum Spielraum, wenn es darum geht, bis wann Eltern für ihre Sprösslinge aufzukommen haben. «Die Eltern sind sich ihrer Unterhaltspflichten meistens bewusst», sagt denn auch Andrea Schmid-Fischer. «Es kann aber auch vorkommen, dass Unterhaltszahlungen ab Volljährigkeit einfach eingestellt oder eigenmächtig massiv herabgesetzt werden, ohne darüber nachzudenken, ob das zu existenziellen Problemen bei der Tochter oder dem Sohn führt», so Schmid weiter. Sie ist Leiterin der Budgetberatung und der Fachstelle Volljährigenunterhalt bei der Frauenzentrale Luzern.

Sind die Kinder volljährig geworden und lebt die Familie getrennt oder geschieden, nehmen die Konflikte über die Höhe der geschuldeten Unterhaltszahlungen und die Aufteilung des Betrags zwischen den Eltern erfahrungsgemäss zu: «Seit Jahren haben wir eine Zunahme der Anfragen zum Thema in unserer Rechts- und Budgetberatung beobachtet», sagt Schmid. Darum hat die Frauenzentrale Luzern vor drei Jahren das Pilotprojekt Volljährigenunterhalt gestartet. Es richtet sich an junge Erwachsene aus der Zentralschweiz, die in ihrer Erstausbildung stecken. Bei der Fachstelle bekommen sie Unterstützung für die Einigung mit den Eltern. Noch im Gründungsjahr 2012 verzeichnete die Stelle 29 Beratungen, 2013 waren es 42 Beratungen, letztes Jahr bereits deren 85. Aus den 156 Fällen resultierten zehn moderierte Gespräche, woraus in neun Fällen (Stand Ende 2014) eine Vereinbarung über die Unterhaltszahlung hervor ging. Die ausgehandelten Beiträge liegen zwischen 300 und 2000 Franken pro Monat – zum Teil über mehrere Jahre. Das Pilotprojekt wird jetzt als fixe Fachstelle weitergeführt.

Junge müssen Rechte wahrnehmen

Die grosse Herausforderung für die betroffenen Familien sei es, die Frage des Unterhalts für das volljährige Kind von anderen laufenden Konflikten abzukoppeln, erklärt Schmid. Und für die jungen Erwachsenen gelte es, zu realisieren, dass sie nun ihre Rechte selbst wahrnehmen müssten. Das bedeutet, sie müssen sich über ihren Finanzbedarf klar werden und bei den Eltern damit vorstellig werden. «Kommen sie zu keiner guten innerfamiliären Lösung, unterstützen wir die jungen Erwachsenen dabei, eine einvernehmliche Lösung mit den Eltern zu finden. Ansonsten sind sie gezwungen, eine Klage gegen die eigenen Eltern einzureichen oder aber sich zu hoch zu verschulden oder die Ausbildung abzubrechen. Die meisten schlagen sich aber lieber irgendwie durch, als gegen die eigenen Eltern zu klagen.»

Dazu kämen auch Scheidungsurteile, welche die Unterhaltspflicht in einer konkreten Zahl nur bis zum 18. Lebensjahr des Kindes regeln. Das kann Sinn machen, wenn das Kind bei der Scheidung noch klein ist, «führt aber später, wenn das Kind mit 18 Jahren noch in Ausbildung ist, zu Problemen. Denn der Bedarf und die Unterhaltspflicht hören wegen der Volljährigkeit nicht einfach auf. Im Gegenteil.» Ein weiterer Knackpunkt ist die Definition des Ausbildungsabschlusses, der eng mit der Ausbildungsplanung zusammenhängt. Strebt der Spross schon bei Lehrbeginn ein Fachhochschulstudium an, müssen die Eltern auch dieses mitfinanzieren, wenn sie dazu in der Lage sind. Dasselbe gilt für die Tochter, die nach dem Gymnasium noch studieren geht.

50 bis 250 Franken für eine Einigung

Ein Merkblatt definiert in drei Schritten, wie Eltern und ihre volljährigen Kinder zu einer Lösung bei den Unterhaltszahlungen kommen (siehe Box). Die Fachstelle ist die einzige Institution dieser Art in der Zentralschweiz. Die Einigung im Rahmen der Fachstelle kostet zwischen 50 und 250 Franken, je nach den finanziellen Möglichkeiten.

Die Frauenzentrale Luzern ist ein politisch und konfessionell neutraler Verein, der sich für Frauen-, Familien- und Partnerschaftsanliegen einsetzt. Im letzten Jahr hat die Frauenzentrale Luzern über 1000 Rechtsberatungen, 150 Budgetberatungen und 10 Mediationsverfahren über Fragen zum Volljährigenunterhalt durchgeführt.

 

So müssen Sie vorgehen

In einem Merkblatt zeigt die Fachstelle Volljährigenunterhalt in drei Schritten auf, wie volljährige Kinder mit ihren Eltern zu einer Vereinbarung kommen können.

  • Budget: Zuerst wird Klarheit geschaffen über die finanzielle Situation der jungen Erwachsenen. Neben den Auslagen werden auch die  Einkünfte wie zum Beispiel der Eigenverdienst (Lehrlingslohn oder Nebenverdienst), die Ausbildungszulagen, die  Stipendien oder Kinderrenten einberechnet. Im besten Fall bringt dies bereits eine Klärung der Situation.

 

  • Budget-Nachbesprechung: Eltern können Fragen zum Budget stellen, allenfalls im Gespräch mit der Fachstelle. Auch ein eigenes Budget für einen oder beide Elternteile kann hilfreich sein.
  • Moderiertes Gespräch: Führen Schritt 1 und 2 nicht zu einer Lösung, bietet die Fachstelle Volljährigenunterhalt in vertraulichem Rahmen ein moderiertes Gespräch an und ihre Anwesenheit bei der Besprechung. Ob es ein Gespräch ist oder mehrere, hängt von der familiären Situation und den Bedürfnissen der Teilnehmer ab.

Hinweis

Terminvereinbarungen nimmt die Frauenzentrale über Telefon 041 211 00 30 täglich von 10 bis 12 Uhr entgegen. www.frauenzentraleluzern.ch