LUZERN: Wieso Hans Ernis hoch verschuldete Tochter nichts erbt

Simone Fornara-Erni, die älteste Tochter des verstorbenen Künstlers Hans Erni, hoffte jahrelang darauf, dank Erbschaft ihre Schulden zurückzahlen zu können. Doch daraus wird nichts – dafür hat ihr Vater schon Jahrzehnte vor seinem Tod gesorgt.

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Seit 38 Jahren ein Paar: Raphael und Simone Fornara Erni - zusammen mit ihrem Hund Kimberly. (Bild: Raphael Fornara)

Seit 38 Jahren ein Paar: Raphael und Simone Fornara Erni - zusammen mit ihrem Hund Kimberly. (Bild: Raphael Fornara)

Dieses Schreiben birgt Zündstoff und schlug bei den Adressaten Simone Fornara-Erni und ihrem Gatten Raphael Fornara ein wie ein Schweizer Kracher. Der Brief trägt das Datum des vergangenen 15. April. Absender: das Teilungsamt der Stadt Luzern. Der Inhalt des Dokumentes ist rasch zusammengefasst: Gestützt auf einen Erbvertrag vom 14. September 1979, haben die beiden auf «das gegenwärtige und zukünftige Vermögen des Erblassers» keinen Anspruch. Beim Erblasser handelt es sich um keinen Geringeren als den erfolgreichen Kunstmaler Hans Erni, verstorben am 21. März 2015.

Vom Schock hat sich das Paar noch immer nicht erholt. Simone Fornara-Erni, eines von drei noch lebenden Kindern von Hans Erni – eine gepflegte Endsechzigerin, die wie ihr Vater als Kunstmalerin ihr Geld verdient, sitzt im roten Ledersofa am Glastisch in ihrer Galerie an der Luzerner Waldstätterstrasse. Schräg vis à vis hat ihr Mann Raphael Fornara Platz genommen. Top gekleidet, an jedem Handgelenk eine Uhr tragend – «das sind keine teuren Modelle», wie er betont –, lässt der 58-Jährige sein Haar halblang wachsen und wirkt damit etwas aus der Zeit gefallen.

Bemerkenswert, was Simone Fornara-Erni während des Gesprächs mit der «Zentralschweiz am Sonntag» sagt: «Ich bin glücklich, dass ich gläubig bin. Sonst würde ich das nicht durchstehen.» Die Eheleute Fornara-Erni hinterlassen beim Besucher den Eindruck eines zufriedenen und gefestigten Paares. Zwei Menschen, die sich auch nach 38 gemeinsamen Jahren noch immer lieben und einander Kraft geben, wie sie betonen. Das brauchen sie auch. Denn auf ihrem gemeinsamen Lebensweg schien bei weitem nicht nur die Sonne. Boxern gleich mussten sich die beiden immer wieder aufrappeln und die Wirkung von Rückschlägen durch geschicktes Auspendeln abfedern. Was die zwei auch verbindet: Bereits als Kleinkinder verloren sie je einen Elternteil. Simone Fornara-Erni die Mutter, die zwei Jahre nach der Geburt bei einem Reitunfall ums Leben kam. Raphael musste als Vierjähriger den Tod seines Vaters verkraften.

Als letzter Tiefschlag nun die Nachricht, dass sie von Hans Ernis Erbe keinen roten Rappen erben werden. Es wäre aber unredlich, zu verschweigen, dass der verstorbene Künstler seine Tochter und ihren Gatten in Sachen Erbe gänzlich ins Leere laufen liess. Mit der Verzichtserklärung aus dem Jahre 1979 ging nämlich eine Abmachung einher, dass Hans Erni seiner Tochter Bargeld angedeihen lässt. Konkret handelte es sich um die Summe von 250 000 Franken. Schon damals drückten Schulden das Paar. Ein Immobiliengeschäft endete mit roten Zahlen. Nachdem alle Ausstände getilgt gewesen waren, kams zum Umzug nach Kalifornien, wo sich die Schweizer in Palm Springs eine neue Existenz aufbauten.

Nach dem Abstecherin die USA zogen die Rückkehrer zuerst ins Tessin. Jahre später übersiedelten die Fornara-Ernis wieder in die Innerschweiz. In diese Zeit fällt auch die Gründung der R & S Kunsthandel AG, offiziell im Handelsregister eingetragen am 18. September 1987. Das Unternehmen florierte mal besser, mal schlechter. Gemäss Raphael Fornara kam die Aktiengesellschaft im Jahr 1996 so richtig ins Schlingern. Das Ende war nicht mehr abzuwenden. Ein Schuldenberg von mehreren hunderttausend Franken lastete bleischwer auf der Firma. Gemäss Fornara hätten er und seine Gattin damals beschlossen, die Gläubiger nicht einfach im Regen stehen zu lassen, sondern man habe sich zum Ziel gesetzt, persönlich für die Schulden geradezustehen. Ein aussergewöhnlicher Schritt! Raphael Fornara begründet das Vorgehen: «Wir gingen damals davon aus, dass es uns irgendeinmal finanziell besser gehen wird.» Der Grundstein für eine nachhaltige Schuldenwirtschaft war damit gelegt. Dazu später mehr.

Während all der Jahrzehnte rechnete die beiden immer mit einem Erbanteil, der ihnen nach dem Ableben von Hans Erni zustehen wird. Wenn man diese Einstellung als naiv bezeichnet, kommt von den beiden heute kein Einspruch. Denn beim von ihnen mitunterzeichneten Vertrag aus dem Jahr 1979 gingen Fornara-Erni und ihr Mann fälschlicherweise immer davon aus, dass es sich lediglich um eine Art Erbvorbezug handelt. Sie unterschätzten den finalen Charakter des Dokuments. Der Glaube und die Hoffnung auf ein Erbe im siebenstelligen Frankenbereich – Raphael Fornara ist überzeugt, dass Hans Erni ein zweistelliges Millionenvermögen hinterlassen hat – erwiesen sich in diesen Tagen nun als Traumschloss, eine Fata Morgana auch, welche die beiden weiterhin in der wirtschaftlichen Wüste darben lässt. Überleben werden sie aber auch diesen Schlag.

Im Gespräch mit Raphael Fornara und seiner Gattin kann sich der Zuhörer des Eindrucks nicht verwehren, dass es sich bei den beiden zwar um einen sachverständigen Kunsthändler einerseits respektive um eine begabte Kunstmalerin andererseits handelt. In kaufmännischen Belangen jedoch scheinen die beiden aber mit weniger Fortune unterwegs zu sein. Ein Beispiel: Immer wieder habe er in der Vergangenheit, so Raphael Fornara, Verträge unterzeichnet, ohne dabei die Konsequenzen richtig abzuschätzen. Das ist sicher mit ein Grund, weshalb die zwei mittlerweile auf einem Schuldenberg von rund 1 Million Franken sitzen, wie Raphael Fornara freimütig zugibt.

Damit kein falscher Eindruckentsteht, soll an dieser Stelle noch etwas festgehalten werden: Das Gespräch mit Simone Fornara-Erni und ihrem Mann kam nicht zu Stande, weil die beiden plötzlich das Bedürfnis verspürten, ihre wirtschaftliche Situation vor einem Pressevertreter auszubreiten. Nein, das Ganze lief folgendermassen ab: Die Redaktion der «Zentralschweiz am Sonntag» gelangte in den Besitz von Kopien der Betreibungsregister-Auszüge. Nach der Sichtung der Papiere stellten sich natürlich viele Fragen. Zum Beispiel, wie es sein kann, dass ein Ehepaar im Verlauf von rund 20 Jahren weit über 100 Verlustscheine anhäuft? Mit den Fakten konfrontiert, waren Simone und Raphael Fornara-Erni schliesslich bereit, sich zu den Gegebenheiten zu äussern. Kunsthändler Fornara sagt: «Ich war mir immer bewusst, dass der Tag einmal kommen wird, an dem wir uns diesen Fragen auch öffentlich stellen müssen.»

Thomas Heer