LUZERN: Wildschweine bereiten Sorgen

Die Wildschweine sind kaum aufzuhalten. Damit steigt die Sorge vor Seuchen und Wildschäden. Kanton, Landwirtschaft und Jäger wollen den Bestand gemeinsam kontrollieren.

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Der milde Winter konnte den Frischlingen nichts anhaben. (Symbolbild Neue LZ)

Der milde Winter konnte den Frischlingen nichts anhaben. (Symbolbild Neue LZ)

Der Wildschweinbestand im Kanton Luzern wird auf zwei bis drei Rotten geschätzt. Das sind laut Urs Kunz, Präsident Revierjagd Hinterland, ungefähr 12 bis 18 Tiere. Es könnten auch mehr sein, denn Wildtiere lassen sich erfahrungsgemäss nicht zählen. «Man sagt, dass ein Drittel von ihnen immer gesichtet wird, ein Drittel selten und ein Drittel nie», erklärt Kunz.

Derzeit sind Wildschweine vorwiegend in den nördlichen Regionen des Kantons angesiedelt, wie in Grosswangen, Knutwil, Richenthal und Langnau. In diesen Gebieten hat das Schwarzwild auch bereits einigen Wildschaden verursacht. Es kam auch zu zwei Kollisionen mit Autos. Dabei sind die Tiere gestorben, an den Autos entstand lediglich Sachschaden (wir berichteten).

Zuwachs von 200 Prozent

Die Zahl der Wildschweine wird jedoch zunehmen. Davon sind Experten vom Kanton, der Jagd und der Landwirtschaft überzeugt. «Ein Zuwachs von bis zu 200 Prozent gegenüber dem Frühjahr ist möglich. Eine Bache bringt zwischen vier und acht Junge zur Welt», sagt Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa). Kommt hinzu, dass der milde Winter den Frischlingen nichts anhaben konnte. Eine dicke Schneedecke und eine längere Frostperiode aber würden die meisten Jungtiere nicht überleben.

Das Schwarzwild verbreitet sich aber auch durch Zuwanderung. Die Tiere wandern aus den Kantonen Aargau und Solothurn, wo sie grosse Schäden in der Landwirtschaft angerichtet haben, in den Kanton Luzern ein. Ende 2014 fand eine Rotte von rund einem Dutzend Tieren von Zofingen her Zugang. «Die Autobahnen sind eigentlich Barrieren für die Wildschweine. Doch diese halten dem Druck von Norden her nicht mehr stand», sagt Stefan Heller, Geschäftsführer Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband. Kommt hinzu, dass der Bund in den nächsten Jahren etliche Wildtierkorridore errichtet, weshalb sich die Wildschweine auch in der übrigen Zentralschweiz verbreiten werden.

Schwarzwild gehört zur Fauna

Durch die Wanderungen der Tiere sind die Verantwortlichen in den betroffenen Kantonen gefordert. Damit im Kanton Luzern nicht auch Wildschäden in dem Ausmass wie in anderen Kantonen entstehen, treffen sich in den nächsten Wochen Vertreter des Veterinärdienstes, des Bauernverbands, der Jagd, des Kantons sowie des Dienstleistungszentrums für die Schweineproduktion (Suisag). Dabei werden Präventionsmassnahmen diskutiert und das Risiko für Seuchen für die Schweinezüchter und die Gefahr von Wildschäden für die Landwirtschaft thematisiert.

Dass die Interessen der Parteien nicht in allen Bereichen identisch sind, ist klar. So betont Otto Holzgang, dass Wildschweine im Wald von grossem Nutzen sind, weil sie den Waldboden auflockern. «Das Schwarzwild war immer im Kanton Luzern heimisch. Wildschweine gehören zu unserer Fauna», sagt er. Wichtig sei aber, dass man versuche, die Wildschweine im Wald zu behalten. Das Stichwort hierbei heisst «Jagddruck».

Zerstörte Naturwiesen

Die Bauern und Schweinezüchter sind weniger erfreut über den Zulauf der Wildschweine. Grund: Wenn die Tiere die Wälder verlassen, verursachen sie Schäden. So sind sie in der Lage, auf der Suche nach Futter ganze Kartoffelacker umzugraben, Maisfelder zu zerstören oder Naturwiesen umzuwühlen. «Eine Wiese, die von Wildschweinen heimgesucht wurde, sieht aus wie ein Acker», sagt Heller.

Die Wildschäden werden zu je 50 Prozent von den Jagdgesellschaften und dem Kanton gedeckt. Das kann für die Jagdgesellschaften teuer werden. Im Fricktal im Kanton Aargau hat eine Jagdgesellschaft ihr Revier aufgegeben, weil ihr enorme Kosten von Wildschäden auferlegt wurden. Damit die Jagdgesellschaften im Kanton Luzern dereinst nicht ebenfalls dermassen belastet werden, soll der Verteilschlüssel angepasst werden. Urs Kunz, der als Vertreter der CVP im Kantonsrat sitzt, hat sich im Januar mit einem Vorstoss für eine Revision des Jagdgesetzes starkgemacht. Die Antwort ist noch fällig.

Die Schweinezüchter machen sich Sorgen, dass der Wildschweinbestand stark ansteigt. Meinrad Pfister, Präsident von Suissporcs, aus Altishofen sagt im «Schweizer Bauer», dass die Ansiedlung mehrerer Rotten Besorgnis erregend sei. Die Schweinezüchter befürchten, dass die eingewanderten Tiere Seuchen einschleppen und übertragen könnten. Stefan Heller sagt, dass man die Anliegen der Züchter ernst nehmen müsse. Eine Möglichkeit sei, dass man erlegte Tiere untersuche, um aufzuzeigen, ob sie Träger von Krankheiten sind oder nicht, dieses Vorgehen würde Klarheit schaffen. Wer für diese Kosten aufkommen soll, ist aber unklar.

Abschuss trotz Schonzeit

Damit der Bestand kontrolliert werden kann, müssen Bauern und Jäger intensiv zusammenarbeiten und die Jäger auch entsprechend ausgebildet werden. «In der Praxis bedeutet das auch, dass Bauern die Jagdgesellschaften informieren sollten, wenn sie ein Wildschwein auf freiem Feld sichten», sagt Holzgang. Sechs Tiere wurden in der letzten Zeit erlegt.

Allerdings ist die Bejagung der Wildschweine heikel. Martin Bättig, Präsident der Revierjagd Sektion Pilatus: «Bei unsachgemässen Abschüssen erreichen wir das Gegenteil. Man darf die Rottenstruktur nicht zerstören.» Werde die Leitbache geschossen, die durch Pheromone das Rauschigwerden von anderen Bachen unterbindet, würden mehrere junge Bachen trächtig, was zu einer unnatürlichen Vermehrung führe.

Für das Schwarzwild gilt vom 1. Februar bis 30. Juni zwar Schonzeit. Jungtiere bis zwei Jahre dürfen jedoch ausserhalb des Waldes gejagt werden. Holzgang: «Es ist wichtig, dass mit der Regulierung des Bestandes frühzeitig begonnen wird.» Damit dies möglich ist, sollten etwa Maisfelder einen gewissen Abstand zum Wald haben, damit überhaupt eine Fläche vorhanden ist, auf der man Wildschweine sichten kann. Nun gehe es darum, Erfahrungen zu sammeln. «Wir profitieren dabei von den Aargauern. Dort wurde zuerst versucht, die Tiere mit Fütterungen im Wald zu behalten. Das erwies sich als Fehler. Denn die Wildtiere haben eigene Vorstellungen. Das Futter hat nur dazu beigetragen, dass sie viel Protein zu sich nehmen konnten.» Zudem habe man wohl zu lange mit dem Abschuss zugewartet.

Roger Rüegger