LUZERN: Wildschweine kommen nach Luzern

Zwei Autos sind im Kanton innert kurzer Zeit mit Wildschweinen kollidiert. Was vorderhand Einzelfälle sind, könnte sich in Zukunft häufen.

Stephan Santschi
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Bisher waren Wildschweine im Kanton Luzern alleine unterwegs, doch jetzt geht man von ganzen Gruppen aus. (Bild: Getty)

Bisher waren Wildschweine im Kanton Luzern alleine unterwegs, doch jetzt geht man von ganzen Gruppen aus. (Bild: Getty)

Die Fahrer kamen mit dem Schrecken davon, zwei Wildschweine starben, die Autos erlitten massiven Sachschaden: Das ist die Bilanz der Unfälle von Ende November und Anfang Dezember, die aufhorchen liess. Gleich zweimal kollidierte im Kanton Luzern ein Wildschwein mit einem Auto. Zunächst auf der Richenthalerstrasse zwischen Richenthal und Langnau; wenig später auf der Autobahn in Knutwil. «Das erste Tier war ein männliches Wildschwein, ein sogenannter Keiler. Das zweite war ein männliches Jungtier, das in diesem Jahr auf die Welt gekommen ist», sagt Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei bei der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald.

Zehn bis zwölf Tiere

Beide Tiere können womöglich einer im Gebiet gesichteten Rotte zugeordnet werden – der Keiler dürfte ihr wegen der bevorstehenden Paarungszeit gefolgt sein, das Jungtier gehörte wohl einst zur Rotte. Bei einer Rotte handelt es sich um die Ansammlung von mindestens einem weiblichen Wildschwein und ihren Jungtieren. «Angesichts der Schäden, die sie in der Region hinterlassen haben, gehen wir von zehn bis zwölf Wildschweinen aus», so Holzgang.

Besagte Schäden finden sich auf landwirtschaftlichen Flächen. «Wildschweine suchen mit ihrer Schnauze nach Nahrung und pflügen so Weideland um.» Mais und Getreide stehen dabei ebenso auf ihrem Speiseplan wie Pflanzenwurzeln, Buchennüsse, Eicheln, Früchte, Larven, Regenwürmer oder Aas. Kurz gesagt: «Wildschweine sind Allesfresser», erklärt Holzgang.

Doch woher kommen die Tiere, die ausgewachsen zirka 120 Kilo wiegen, um die 60 Zentimeter hoch und 1,2 Meter lang sind? «Im Spätsommer wurde im Raum Solothurn/Aargau eine Rotte gesichtet. Sie kam wahrscheinlich zu uns», so Holzgang. Ihr Lebensraum sei nicht wie bei Rehen auf wenige Hektaren beschränkt, «sie können mehrere Kilometer wandern». Vorzugsweise würden sie in Wäldern leben, diese zur Nahrungssuche aber auch verlassen.

Während die Wildschweinbestände in der Schweiz ansteigen und beispielsweise im Kanton Aargau grosse Schäden anrichten, blieb Luzern bisher weitgehend unberührt. Holzgang macht sich aber nichts vor: «Es werden in Zukunft auch bei uns mehr werden. Das ist nur eine Frage der Zeit.» Von einer Plage könne angesichts der kleinen Zahlen aber noch keine Rede sein. «Neben besagter Rotte sind bei uns noch ein, zwei Einzeltiere unterwegs, mehr nicht.»

Die erwartete Zunahme begründet Holzgang mit dem erhöhten Vorkommen von Eicheln und Buchennüssen. «Früher kam es alle sieben Jahre zu Mastjahren, also zu Jahren mit sehr vielen Eicheln oder Buchennüssen. Mittlerweile haben wir alle zwei, drei Jahre solche Mastjahre. Das begünstigt natürlich die Population der Wildschweine», so Holzgang.

Tiere wandern über Korridore

Im Weiteren würden Autobahnen die Tiere nicht mehr von grösseren Wanderungen abhalten. Deshalb werden gemäss Richtlinien des Bundes Wildtierkorridore eingerichtet, um eben solch fatale Zwischenfälle wie zuletzt im Kanton Luzern zu verhindern. Und um die überlebenswichtige Mobilität der Wildtiere zu gewährleisten.

Sollten die Zahlen der Wildschweine im Kanton Luzern zunehmen, werde man die Landwirte über Massnahmen informieren. Wildschweine dürfe man zudem jagen (siehe Kasten). Autofahrern empfiehlt Holzgang, die «Achtung Wild»-Tafeln zu beachten und die Geschwindigkeit der Sicht und den Strassenverhältnissen anzupassen. Für ihn steht fest: Nehmen die Wildschweinzahlen zu, wird es vermehrt zur Konfrontation mit dem Verkehr kommen.

Stephan Santschi