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LUZERN: «Wir wollen gar keine Hymne»

Am Wettbewerb für eine neue Nationalhymne beteiligte sich auch alt Regierungsrat Anton Schwingruber (CVP). Aus Überzeugung. Die Kritik seiner Partei teilt er nicht.
Interview Cyril Aregger
Anton Schwingruber singt mit seinen Brüdern Peter, Franz, Beat und Markus (von links) seine neue Version der Nationalhymne. (Bild: PD)

Anton Schwingruber singt mit seinen Brüdern Peter, Franz, Beat und Markus (von links) seine neue Version der Nationalhymne. (Bild: PD)

Interview Cyril Aregger

Seit letztem Jahr ist die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft auf der Suche nach einer neuen Nationalhymne (siehe Kasten). Am Wettbewerb teilgenommen hat auch alt Regierungsrat Anton Schwingruber (CVP, Wer­thenstein). Er hat die aktuelle Melodie des Urner Paters Alberich Zwyssig übernommen und einen neuen Text verfasst:

Anton Schwingruber, wie ist Ihr Verhältnis zu unserer aktuellen Hymne?

Anton Schwingruber: Ich habe einen Bezug zu ihr, weil ich weiss, dass Pater Alberich Zwyssig, der die Melodie komponiert hat, auch zwei Jahre im Kloster Werthenstein lebte. Und der Wolhuser Ständerat Gotthard Egli, Vater des späteren Bundesrates Alphons Egli, lancierte mit einem Postulat 1954 die Ablösung der bisherigen Hymne «Rufst du mein Vaterland». Ich glaube, dieses Verhältnis ist ganz bezeichnend.

Weshalb?

Schwingruber: Werthenstein und Wolhusen sind lokale Bezüge. Und die sind typisch für föderalistische, freiheitsliebende Demokraten – also für viele Schweizer. Ich vermute, deshalb wollen wir eigentlich gar keine Nationalhymne – denn die geltende Hymne singen wir nicht, und eine neue wollen wir nicht. Dafür haben wir unzählige «Regionalhymnen». Inoffizielle wie den Entlebucher Beichlejuz oder offiziellere wie das Aargauer- oder das Munotlied – die von der jeweiligen Bevölkerung gern und mit Inbrunst gesungen werden.

Dennoch haben Sie beim Wettbewerb für eine neue Nationalhymne mitgemacht.

Schwingruber: Mich faszinierte die Idee, eine neue Hymne auf Basis der Präambel der Bundesverfassung zu schreiben. Die dort erwähnten Kernthemen Unabhängigkeit, Freiheit und Solidarität sind doch das, was die heutige Schweiz ausmacht.

Sie haben «nur» einen neuen Text zur bestehenden Melodie geschrieben. Weshalb eigentlich?

Schwingruber: Für mich ist klar, dass die Melodie bleiben soll, wie sie ist. Und das nicht bloss, weil Pater Zwyssig zwei Jahre bei uns in Werthenstein lebte (lacht). Ich glaube, dass sich die Schweizer mit der Melodie – anders als der Text der Hymne – durchaus identifizieren können.

War es schwierig, einen neuen Text zu schreiben?

Schwingruber: Ich habe ziemlich lange daran «geknorzt», denn im Texten von Liedern habe ich keine Erfahrung, und die Melodie ist ziemlich anspruchsvoll.

Sie haben Ihre Version gemeinsam mit Ihren vier Brüdern gesungen und aufgenommen. Was haben die zu Ihren Hymnenplänen gemeint?

Schwingruber (schmunzelt): Ihnen gefiel die Idee. Und nachdem ich ihnen eine Bratwurst versprochen hatte, kamen wir auch zweimal für Proben und Aufnahme zusammen.

Sie mussten sie bestechen...

Schwingruber: Natürlich nicht! Wir haben früher viel gemeinsam gesungen. Diese Tradition ist in den letzten Jahren etwas eingeschlafen. Doch seit der gemeinsamen Arbeit am «Projekt» treffen wir uns wieder regelmässig zum Singen – und zur anschliessenden Bratwurst.

Trotzdem hat es Ihr Text nicht unter die letzten sechs Beiträge geschafft. Enttäuscht?

Schwingruber: Nein. Einerseits hatten wir Brüder eine tolle Zeit, anderseits hatte ich wegen des Jodelteils fast damit rechnen müssen.

Jodel kommt nicht gut an?

Schwingruber: In der Deutschschweiz schon – und der Bundesrat hat das Jodeln ja auch auf die Unesco-Liste immaterieller Kulturgüter gesetzt. Aber in der französischen und der italienischen Schweiz ist der Jodel weit weniger verwuzelt.

Ihre eigene Partei, die CVP, ist gegen eine neue Hymne. Die Zentralschweizer Kantonalparteien haben sich gemeinsam entsprechend geäussert. Die Hymne dürfe nicht «aktuellen Modeerscheinungen verpflichtet sein». Zudem stehe die CVP zu den religiösen Passagen und verurteilt die Kritik daran.

Schwingruber: Ich verstehe das nicht und finde es auch falsch, das Ganze im Voraus abzulehnen. Es ist doch so, dass Textpassagen wie «betet, freie Schweizer, betet» in der heutigen Zeit quer in der Landschaft stehen. So ein Aufruf mag vielleicht vor den 1960er-Jahren, in einem stark kirchlich geprägten Umfeld, passend gewesen sein. Heute ist die Säkularisierung weit fortgeschritten, und es zählen überkonfessionelle Werte wie Freiheit und Solidarität. Werte, die sich auch die CVP gerne auf die Fahnen schreibt. Ich finde auch, die Kantonalparteien könnten sich bei viel wichtigeren Themen zusammenschliessen, wenn denn das Bedürfnis wirklich da ist.

Es fällt auf, dass in Ihrer Textversion religiöse Inhalte weitestgehend fehlen.

Schwingruber: Begriffe wie Solidarität und Verantwortung sind für mich durchaus auch religiöse Begriffe. Sie verkörpern eine Wertehaltung, die überkonfessionell und aktuell ist.

Zu Beginn des Gesprächs meinten Sie, die Schweizer wollten vielleicht gar keine Hymne ...

Schwingruber: Ja. Und ich bin da etwas im Zwiespalt. Fakt ist: Als Föderalisten haben wir Schwierigkeiten, ein gemeinschaftliches Element zu kreieren. Das ist schade. Aber ich bin gleichzeitig stolz auf diese Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.

Aber Hand aufs Herz: Eine neue Nationalhymne, mit welchem Text auch immer, hat doch keinen Einfluss auf den nationalen Zusammenhalt.

Schwingruber: Das sehe ich anders: Musik hat einen grossen Einfluss auf unser Leben. Sie kann Freude verstärken oder einen leidvollen Tag etwas leichter machen. So kann auch eine Nationalhymne eine Wirkung erzielen.

Wenn sie denn gesungen wird.

Schwingruber: Genau.

Die Hymnen-Version von Anton Schwingruber, gesungen mit seinen Brüdern, finden Sie unter www.schwingruber.ch

Schwingrubers Hymne

1. Strophe:
Schweizerland mein Heimatland/
Schweizerland in unsrer Hand/
Stimm- und Wahlrecht heisst für uns: frei zu sein/
Freiheit darf nicht egoistisch sein/
denn wir sind auf dieser Welt nicht allein!

Refrain: Offen und stets hilfsbereit/
wie in der Vergangenheit/
ho li holi duli jo/
ho li holi duli jo ho li jo

2. Strophe:
Unsrer Schöpfung Möglichkeit/
nutzen wir in Dankbarkeit,/
denken an die Kinder, Grosskinder./
Berge, Seen, wunderbare Städte/
sind für uns auch Lebenswerte.

Wiederholung des Refrains

3. Strophe:
Auf das Wohl der Schwachen/
wollen wir stets achten,/
denn am Wohl des Schwächsten misst man uns./
Solidarisch täglich tätig sein,/
denn so fühlt sich niemand ganz allein!

Wiederholung des Refrains

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