LUZERN: Wolfgang Sieber erhält «Goldenen Violinschlüssel»

Am Samstag erhält der Luzerner Organist Wolfgang Sieber den «Goldenen Violinschlüssel», die höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Schweizer Volksmusik.

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Wolfgang Sieber im Inneren der Hoforgel. (Bild: Thomas Lang (Archiv Neue LZ))

Wolfgang Sieber im Inneren der Hoforgel. (Bild: Thomas Lang (Archiv Neue LZ))

Mit dem «Goldenen Violinschlüssel» wurde Wolfgang Sieber, Organist an der Luzerner Hofkirche, bereits im März ausgezeichnet. Nun darf der 60-jährige am Samstag den Preis im Rahmen eines öffentlichen Festaktes in der Hofkirche St. Leodegar in Luzern entgegennehmen.

Der «Goldene Violinschlüssel» gilt als die höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Schweizer Volksmusik.  Die von SRF-Radiomann Sämi Studer moderierte Feier wird umrahmt von einer musikalischer Darbietungen bekannter Interpreten wie Nadja Räss, Willi Valotti, Heinz della Torre oder dem Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester unter der Leitung von Joseph Sieber, dem Sohn des Preisträgers.

Brückenbauer zwischen Volksmusik und Liturgie

Der «Goldene Violinschlüssel» wird seit 1979 an Persönlichkeiten vergeben, die sich um die Volksmusik verdient gemacht haben. Der Verein begründete die Vergabe des Preises an Wolfgang Sieber im letzten März wie folgt: «Mit Wolfgang Sieber wird 2014 eine Persönlichkeit mit dem «Goldenen Violinschlüssel» geehrt, die sich mit seiner offenen, persönlichen wie auch musikalischen Art intensiv für eine vielseitige Schweizer Folklore engagiert und bei seinen Orgelkonzerten regelmässig volkstümliche Titel präsentiert.»

Auch habe sich Wolfgang Sieber mit volksmusikalischen Kompositionen einen Namen gemacht und viele Brücken zwischen Volksmusik und Liturgie geschlagen.

Die Preisverleihung in der Hofkirche ist öffentlich: Sie findet Samstag um 15 Uhr in der Hofkirche St. Leodegar statt.

pd/uus

Interview: «An der Volksmusik können sie sich festhalten wie an einem Spazierstock.»

Siesind dererste Kirchenmusiker, der mit dem Goldenen Violinschlüssel ausgezeichnet wird. Waren Sie überrascht?
Wolfgang Sieber: Schon, ja. Es ist ein wenig wie bei Ämterwahlen in der Politik: Im Vorfeld der Vergabe des Goldenen Violinschlüssels wird in Volksmusikkreisen über Namen spekuliert und Kriterien werden genannt. Die einen sagen, es sei diesmal ein Schweizerörgeler, für die anderen muss es ein Jodler sein oder ein Komponist. Aber ein Luzerner Kirchenmusiker mit Toggenburger Wurzeln? Darüber hat niemand geredet. Und damit gerechnet habe ich schon gar nicht. Umso grösser war meine Freude, als ich vom Entscheid hörte.
 
Sie sind Kirchenmusiker. Geht das überhaupt zusammen, Kirchenmusik und Volksmusik?

Wolfgang Sieber: Dazu ein Beispiel. Vor einigen Jahren habe ich das Jodellied «Ha träumt» als Sternsingerlied für Nadja Räss und mich geschrieben. Das haben wir mehrmals aufgeführt und zum Schluss habe ich jeweils die bekannte Melodie des Lutherliedes «Vom Himmel hoch da komm ich her» als Choral in den Jodel eingebaut. Hier kommen verschiedene volkstümliche Traditionen aufeinander und ergänzen sich wunderbar. Volksmusik ist ein unheimlicher Schatz, auch bei uns in der Schweiz. Dieser darf und soll auch in der Kirchenmusik fruchtbar werden.
 
Sie scheinen keine Berührungsängste zu haben gegenüber der scheinbaren Einfachheit volkstümlicher Musik.
Wolfgang Sieber: Sobald eine Melodie zwei- oder viertaktig ist, ist sie volksmusiknahe. Diese Melodien können die Leute leicht behalten. Statt Volksmusik könnte man auch Popmusik sagen. Pop kommt von populär, das bedeutet volkstümlich. Wie in der Volksmusik gibt es auch im Pop-Genre Melodieelemente, die im Gehör haften bleiben und sich in einem Lied mehrmals wiederholen. Solche Lieder begleiten die Menschen durch ihren Alltag. Sie können sich daran festhalten wie an einem Spazierstock. Das schafft Identität und gibt Sicherheit.
 
Wie sind Sie zur Volkmusik gekommen?
Wolfgang Sieber: Mein Vater war zwar Organist und Chorleiter, die Mutter Kirchenchor-Sängerin. Volksmusik aber spielte in meinem Elternhaus kaum eine Rolle. Nach und nach bin ich durch Begegnungen mit Toggenburger Volksmusikern verschiedener Traditionen in Berührung gekommen. Diese Erfahrungen habe ich in mein Schaffen aufgenommen. Ich denke bei der Volksmusik aber nicht nur an diejenige meiner Heimat. Lieber nähere ich mich verschiedenen Regionen musikalisch an. Meistens ist das die Umgebung, in der ich mich gerade bewege und worin ich tätig bin. Zum Beispiel das Entlebuch, Nid- und Obwalden oder Schwyz. Die Annäherung an die lokale Musik geschieht vor allem über die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Die Volksmusik ist wie ein kollektives Wissen, das man mit klaren Motiven anstossen und darauf aufbauen kann.

Wie sind sie denn auf die Idee gekommen, Volksmusik und Kirchenorgel miteinander zu verbinden?
Wolfgang Sieber: Als ich vor 22 Jahren in der Hofkirche als Stiftsorganist anfing, gab es bereits Jodelmessen. Als ich die Jodler gefragt habe, ob ich sie begleiten dürfe, sagten sie: «Das brauchen wir nicht.» Natürlich hatten sie recht. Nun, der Jodlerchor besteht aus zwei Elementen: die Solojodler und diejenigen, die den Ton mehrstimmig halten - wie die singende Orgel. Die Jodler hatten grundsätzlich nichts gegen meine Vor- und Zwischenspiele. Als der Chor wieder einsetzte, habe ich einfach weitergespielt. Und das hat den Sängern gefallen. Dieses Miteinander und Ineinander von Gesang und Orgel habe ich weiterentwickelt. Dann kamen die Kantaten «Glaube, Liebe, Hoffnung» und «s Wiehnachtsliecht» zusammen mit Willi Valotti, zu der die Orgel nebst Traditionellen volkstümlichen Instrumenten zwingend dazugehörte. In einem solchen Rahmen verstehe ich die Orgel immer als Teamplayerin. Die Orgel aber ist das Werkzeug, mit dem ich meinen Beitrag zum Gelingen eines grösseren Ganzen leisten kann. Denn Organum heisst Werkzeug!

Interview von Urban Schwegler mit Wolfgang Sieber. Das Interview ist zuerst im Pfarreiblatt der Katholischen Kirche der Stadt Luzern erschienen (Nr. 19/2014, 2.-16. Oktober 2014)