LUZERN: Wollen Russen die Fasnacht exportieren?

Irritationen zum Start der rüüdigen Tage: Eine russische Delegation ist in der Stadt Luzern zu Besuch und trifft sich mit Zünftlern, wie ein Schreiben belegt. Welche Rolle spielt der Regierungsrat?

Jérôme Martinu
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Bilder aus vergangenen Jahren von der Luzerner Fasnacht. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Bilder aus vergangenen Jahren von der Luzerner Fasnacht. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Der Luzerner Ärger mit dem brachliegenden Schlosshotel Château Gütsch und seinem Besitzer, dem russischen Milliardär Alexander Lebedev, ist ja eigentlich schon gross genug (Ausgabe vom 22. Februar). An dieser Stelle sollte heute eigentlich die fasnächtliche Festfreude im Zentrum unserer Berichterstattung stehen. Doch russische Exponenten werfen unerwartet auch einen Schlagschatten auf den Start der rüüdigen Tage 2014.

Gestern wurde unserer Zeitung ein Dokument mit brisant-irritierendem Inhalt zugespielt. Gemäss dieser Kopie eines am 12. Dezember 2013 verschickten Faxes (siehe Ausriss rechts) ist in diesen Tagen eine russische Delegation bei der Wey-Zunft zu Besuch. Hotelzimmer seien für die Zeit zwischen Mittwoch, 26. Februar, und Mittwoch, 5. März, gebucht, und zwar «wie von Ihnen gewünscht flexibel». Den Russen soll gemäss dem Schreiben die «fantastische Tradition» der Luzerner Fasnacht vorgestellt werden. Auch von der möglichen Anreise eines Vertreters einer Tourismusbehörde ist die Rede.

Roger Gehri, Mediensprecher der Wey-Zunft, sagte gestern auf Anfrage zum russischen Besuch bei der Wey-Zunft: «Ich kann dies zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen.» Dementieren wollte Wey-Zünftler Gehri die mysteriöse Angelegenheit auch auf wiederholtes Nachfragen aber nicht.

Reiche Russen rekognoszieren

Eine normalerweise bestens informierte Quelle* im Umfeld des Lozärner Fasnachtskomitees (LFK) wagt sich in diesem Fall nicht auf die Äste hinaus und betont, dass er die folgende Äusserung bislang nur auf Gerüchtebasis vernommen habe: «Es soll sich um eine Gruppe sehr vermögender Russen handeln, die Interesse daran haben, die Luzerner Fasnacht nach Russland zu bringen», so der Informant gegenüber unserer Zeitung. Offenbar gehe es darum, sich vor Ort ein Bild zu machen und dann zu beurteilen, welche Anlässe oder Elemente der Fasnacht man dann allenfalls auch in der russischen Heimat aufziehen könne.

Indiz dafür, dass es tatsächlich in diese Richtung gehen könnte, ist der folgende Satz aus dem Fax-Papier der Wey-Zunft: «Wir hoffen, dass sie die Inspiration und Begebenheiten (in Luzern; Anm. d. Red.) so vorfinden werden wie erwartet.»

«Was soll der Quatsch?»

Die Luzerner Fasnacht nach Russland exportieren? Und: Sind die Russen etwa dem Umfeld von Gütsch-Besitzer Lebedev zuzuordnen? Eine breitere Umfrage in Fasnachtskreisen zeigt: Es herrscht Ratlosigkeit, teilweise auch Verärgerung. «Was soll der Quatsch?», wettert etwa ein LFK-Altherr*, «wittert hier jemand etwa ein lukratives Geschäft auf Kosten unserer wertvollen Tradition? Das wäre eine völlige Verirrung.»

Auch auf offizieller Seite weiss man nichts. Der Mediensprecher des Lozärner Fasnachtskomitees, Bruno Spörri, sagt: «Wir im LFK hören das zum ersten Mal.» Das überrascht, denn normalerweise bleiben fasnächtliche Aktivitäten von Zünften und Gesellschaften nicht wirklich lange unter dem Deckel.

Guido Graf bereitet Besuch vor

Denkbar ist, dass diese spezielle Besuchsaktion mit dem Russland-Besuch der Luzerner Regierung vom November 2013 zu tun hat. Immerhin liess der damalige Regierungspräsident Guido Graf am Tag der Rückkehr verlauten: «Voraussichtlich im nächsten März kommt der Moskauer Gesundheitsminister nach Luzern.» Die Luzerner Delegation hat sich in Moskau unter anderem auch mit Georgy Golukhov getroffen, dem besagten städtischen Gesundheitsminister. Dieser habe sich sehr interessiert gegenüber dem Projekt Lucerne Health gezeigt (Ausgabe vom 21. November). Mit dem 2011 gestarteten Projekt sollen reiche Ausländer angelockt werden, die sich auf eigene Kosten in den Kliniken Hirslanden, Kantonsspital und ParaplegikerZentrum behandeln lassen.

Im Luzerner Sozial- und Gesundheitsdepartement hiess es gestern auf Anfrage (Regierungsrat Guido Graf ist ferienabwesend), dass «der Gegenbesuch in Planung ist, aber noch kein Termin dafür feststeht». Was den Besuch einer russischen Fasnachtsdelegation betrifft, so teilt die Departementsführung schriftlich mit: «Dazu ist bei uns im Departement nichts bekannt.»

*Name der Redaktion bekannt.