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LUZERN: Zahl der Betreibungen auf Rekordstand

Im Kanton wurden 2014 fast 9 Prozent mehr Betreibungen registriert als im Vorjahr. Die Betreibungsämter sorgen sich vor allem um Tieflöhner und jene, die über ihre Verhältnisse leben.
Alexander von Däniken
Symbolbild Keystone / Gaetan Bally

Symbolbild Keystone / Gaetan Bally

Ob Steuern, Krankenkassenprämien oder Kredite: Wer die Rechnungen nicht mehr bezahlt, muss auf Geheiss des Gläubigers den Gang zum Betreibungsamt antreten. Und die Ämter stellen immer mehr Zahlungsbefehle aus. Das Betreibungsamt der Stadt Luzern zum Beispiel hat letztes Jahr 24 682 Betreibungen bearbeitet – 13,9 Prozent mehr als 2013. Werden die Schulden auch nach erhaltenem Zahlungsbefehl nicht bezahlt, kommt es bei Privatpersonen zur Pfändung. Auch hier meldet das städtische Betreibungsamt für 2014 eine Zunahme: 10 348 Pfändungsvollzüge, ein Plus von 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie aus dem Geschäftsbericht der Stadt Luzern hervorgeht.

Geldforderungen übers Internet

Daraus zu schliessen, immer mehr Stadtluzerner stünden in der Kreide, ist laut Betreibungsamtsleiter Daniel Holliger aber zu einfach: «Vier Fünftel aller Gläubiger sind sogenannte Grossgläubiger, also etwa Krankenkassen, Verkehrsbetriebe oder Steuerämter. Wir stellen fest, dass die Grossgläubiger rigorose Betreibungsbegehren stellen.» Das hänge auch damit zusammen, dass der Ämtergang und der Papierkrieg einfachen elektronischen Mitteln gewichen sind. Seit 2011 können Betreibungsbegehren in elektronischer Form über eine Schnittstelle des Bundesamts für Justiz eingereicht werden. Allein innerhalb eines Jahres hat das städtische Betreibungsamt 62,1 Prozent mehr solcher elektronischer Betreibungsbegehren bearbeitet.

Kosten steigen, Tieflöhne kaum

Gleichzeitig wird laut Holliger die Luft für die Working Poor, also die berufstätigen Personen mit sehr geringem Einkommen, immer dünner. «Die Abos der SBB werden immer teurer, die Krankenkassenprämien steigen praktisch jährlich um mehrere Prozent, während die tiefen Löhne – wenn überhaupt – nur schwach ansteigen.» Ein Indiz dafür sei auch, dass es heutzutage tendenziell zu mehr Pfändungen komme, während die Zahl der per Zahlungsbefehl erledigten Fälle stabil bleibe oder gar abnehme.

Am meisten gepfändet wird der Lohn, wobei jeweils ein Teil des Lohns direkt dem Gläubiger überwiesen wird. Das ist für die Betreibungsämter oft die einzige Lösung. «Versteigerungen von Wohnungsinventar sind vergleichsweise aufwendig, und Autos sind oft geleast, weshalb auf eine Einpfändung verzichtet wird», so Holliger.

Die steigende Zahl von Betreibungen beschränkt sich nicht nur auf die Stadt Luzern. Kantonsweit haben die Betreibungsämter letztes Jahr 95 126 Zahlungsbefehle bearbeitet – fast 9 Prozent mehr als 2013 und über 26 Prozent mehr als im Jahr 2000 (siehe Tabelle). In anderen Zentralschweizer Kantonen stieg die Zahl der Betreibungen innerhalb von fünfzehn Jahren noch stärker an, so in Schwyz, Obwalden, Uri und Zug.

Kein Polster für Notfälle

Armin Budliger ist Präsident des Verbandes der Betreibungsbeamten der Kantone Luzern, Nidwalden, Obwalden und Uri. Er sagt, die Ursache für die Working Poor sei vor allem ein städtisches Problem. Aber er ortet noch andere Ursachen: «Einen gewissen, aber nach unseren Erfahrungen nicht unbedeutenden Einfluss hat die konjunkturelle Entwicklung.» Dass die Kurve teilweise sogar antizyklisch verläuft, sich also bei guter Wirtschaftslage Personen verschulden, hängt laut Budliger damit zusammen, dass sich die Bevölkerung in «guten Zeiten» einen hohen Lebensstandard leistet, keine Reserven bildet und – sobald eine unvorhergesehene grössere finanzielle Ausgabe ansteht – das nötige Geld nicht vorhanden sei.

Mehr Aufklärung gefordert

Die Hauptursache der Zunahme an Betreibungshandlungen ist laut Budliger der stattfindende Mentalitätswandel im Sinne der Redensart «mehr Schein als Sein»: «Damit hängt sicher auch ein gewisser gesellschaftlicher Druck zusammen – schliesslich will niemand dem anderen ‹hinterherhinken›.» Man lebe über seine finanziellen Möglichkeiten. «Diesbezüglich müsste ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden. Dies kann jedoch nur erreicht werden, indem bereits junge Mitbürgerinnen und Mitbürger über die teilweise verheerenden Konsequenzen einer Verschuldung aufgeklärt werden.»

Die Arbeitslast der Betreibungsämter habe stark zugenommen, erklärt Budliger weiter. «Auf dem Arbeitsmarkt ist die Nachfrage nach gut qualifiziertem Personal sehr gross. Um dieses Problem zu entschärfen, gibt es seit einigen Jahren Lehrgänge, die mit einem eidgenössischen Fachausweis abgeschlossen werden können.»

Alexander von Däniken

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