LUZERN: Zahnarzt lässt Maler auf seiner Rechnung sitzen

Ein Zahnarzt hat im letzten Jahr seine Praxis umbauen lassen – ein Teil der Handwerker hat er aber bis heute nicht bezahlt. Kein Einzelfall, sagen Berufsverbände. Die Zahlungsmoral lässt in der ganzen Zentralschweiz zu wünschen übrig. Nur ein Kanton schert aus.

Drucken
Teilen
In Uri bleiben die wenigsten Rechnungen liegen, aber auch hier nimmt die Zahl der säumigen Zahler zu. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 15. Dezember 2016))

In Uri bleiben die wenigsten Rechnungen liegen, aber auch hier nimmt die Zahl der säumigen Zahler zu. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 15. Dezember 2016))

Lena Berger
lena.berger@zentralschweizamsonntag.ch

Es ist ein seltsames Bild, das sich an diesem Morgen im Krienser Bezirksgericht bietet. Ein Mann sitzt ganz alleine vor der Richterschranke. Weder sein Anwalt noch die Gegenpartei sind zu Beginn der Verhandlung aufgetaucht. «Er wurde wortwörtlich sitzen gelassen», schiesst es einem durch den Kopf.
Der Mann ist ein Maler, ein Kleinunternehmer aus der Region Luzern. Vor etwas mehr als einem Jahr hat er in einer Zahnarztpraxis, die umgebaut wurde, die Malerarbeiten gemacht. Heute wünschte er sich, er hätte diesen Auftrag nie angenommen. Denn er hat nie einen roten Rappen dafür gesehen. Die Rechnung über 6000 Franken blieb trotz Betreibung offen. Und nun lässt sich besagter Zahnarzt noch nicht mal dazu herab, vor Gericht aufzutauchen. Dem Richter teilte er mit, die Teilnahme sei ihm aus «wirtschaftlichen Gründen» nicht möglich.

«Ausdruck einer unglaublichen Arroganz»

Immerhin, der Anwalt des Malers taucht mit einiger Verspätung doch noch auf. Zudem wird der Bauplaner befragt, der die Offerte für die Malerarbeiten einholte. Diese belief sich auf 5000 Franken. Der höhere Rechnungsbetrag entstand, weil zwingende Zusatzarbeiten anfielen, wie der Bauplaner erzählt. Der Zahnarzt aber ist der Meinung, mit dem Maler gar keinen Vertrag abgeschlossen zu haben und ihm nichts zu schulden. Als «Zumutung» bezeichnet es der Anwalt des Malers, dass ein Handwerker gezwungen werde, vor Gericht zu gehen, um für seine Arbeit bezahlt zu werden. Dass der Beklagte noch nicht mal auftauchen würde, sei Ausdruck seiner «unglaublichen Arroganz». «Es ist ihm, auf Deutsch gesagt, scheissegal», so der Anwalt. Der Maler selbst schien geknickt. «Ich weiss nicht, wie es so weit kommen konnte. Ich habe mich in diesem Menschen getäuscht.»

Um den gerichtlichen Weg einschlagen zu können, musste der Maler einen Kostenvorschuss von 800 Franken leisten. Dieses Geld soll ihm der Zahnarzt jetzt aber zurückzahlen. Der Richter gibt dem Handwerker nämlich Recht und verurteilt den Dentalmediziner dazu, die rund 6000 Franken zuzüglich einem Zins von 5 Prozent zu überweisen. Weiter soll er die 1080 Franken Gerichtskosten und 2000 Franken Anwaltskosten übernehmen.
Gerade für Kleinbetriebe kann die sinkende Zahlungsmoral ihrer Kunden zu einem grossen Problem werden. «Vor allem, wenn es noch Mitarbeiter gibt, die bezahlt werden müssen», sagt Gerold Michel, Präsident des Malerunternehmerverbands luzernermaler. Gerade bei kleineren Betrieben werde immer mal wieder versucht, die Bezahlung zu umgehen – Gutgläubigkeit und Vertrauen würden ausgenutzt. Kommt hinzu, dass sich viele nicht wehren, weil sie den bürokratischen Aufwand fürchten, den ein Gerichtsfall auslöst. «Praktisch jedem Handwerker, den ich kenne, ist so etwas in seiner Geschäftslaufbahn schon mal passiert.» Michel empfiehlt, Aufträge und Nachaufträge vor der Ausführung schriftlich von der Bauherrschaft bestätigen zu lassen. Auch bei den Luzerner Schreinern stellt Geschäftsführer Andreas Schädler fest, dass die Zahl der Rechnungen, die offen bleiben, zunimmt. «Wegen 6000 Franken allein kommt man vielleicht nicht in die Bredouille. Aber bei kleinen Betrieben kann dies der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.»

Urner sind die zuverlässigsten Zahler

Dass Rechnungen nicht oder zu spät bezahlt werden, ist in der ganzen Zentralschweiz zunehmend verbreitet. Dabei ist der Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Kantonen gut sichtbar. So werden in den Kantonen Luzern, Zug und Schwyz mehr Zahlungsbefehle ausgestellt als in den anderen Kantonen der Zentralschweiz – auch im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. Die verantwortungsvollsten Schuldner der Schweiz sind die Urner. Rund 18 Prozent der Unternehmerrechnungen werden dort zu spät bezahlt. Das ergab eine Studie des Wirtschaftsinformationsdienstes Bisnode D & B. Vor allem im Tessin und in der Westschweiz ist die Zahlungsmoral schlechter: Mehr als die Hälfte der Rechnungen werden dort zu spät oder gar nicht beglichen.

Die überdurchschnittlich gute Zahlungsmoral in Uri erklärt sich Beat Schuler, Leiter des regionalen Betreibungsamtes in Erstfeld, folgendermassen: «In kleinen Kantonen kennen sich Unternehmer und Kunde vielfach persönlich.» Deshalb werde ein engerer Kundenkontakt gepflegt, als das in städtischeren Kantonen der Fall sei. «Die Hemmschwelle, eine Rechnung nicht oder zu spät zu bezahlen, ist dadurch sicher sehr viel höher.» Das wiederum führt dazu, dass die Firmen selber über genügend Liquidität verfügen, um die eigenen Rechnungen zu bezahlen. Wenn eine Rechnung offenbleibt, suchen die Firmen in kleinen Kantonen oft das direkte Gespräch mit dem Schuldner. Vielfach können so Lösungen gefunden werden. «Dieser persönliche Kontakt fehlt in städtischen Regionen. Deshalb muss dort auch öfter gemahnt oder betrieben werden», so Schuler. Ein anderer Aspekt, der die gute Zahlungsmoral in Uri begünstigt, sei der Respekt vor einer Betreibung. «Es ist hier verpönt, eine Betreibung zu bekommen, man mag den Betreibungsbeamten nicht.» Deshalb seien die Urner Privatpersonen bemüht, Rechnungen rechtzeitig zu begleichen. Dies steht im Gegensatz zu den Städtern, bei denen die Anonymität grösser ist. In den letzten Jahren wurde die Zahlungsmoral im Allgemeinen aber immer schlechter. Der schweizweite Trend betrifft die Zentralschweiz, wenn auch nicht so stark wie andere Regionen. «Ein Grund für die negative Entwicklung ist der lockere Umgang mit Kreditkäufen in der heutigen Gesellschaft», vermutet Beat Schuler.

Jessica Bamford
jessica.bamford@urnerzeitung.ch