LUZERN: Zentral- und Hochschulbibliothek: Keiner will in die Jury

Das Neubauprojekt für die Zentral- und Hochschulbibliothek ist noch keinen Schritt weiter. Der Wettbewerb kann nicht gestartet werden – zur Freude der Architekten.

Roseline Troxler
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Die Zentral- und Hochschulbibliothek in Luzern, aufgenommen in Richtung Hirschmattstrasse. (Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Die Zentral- und Hochschulbibliothek in Luzern, aufgenommen in Richtung Hirschmattstrasse. (Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Der Auftrag ist zwar bereits vor knapp zwei Jahren erfolgt, doch gegangen ist bis heute nichts. Ende 2012 hat der Kantonsrat die Regierung angewiesen, ein Neubauprojekt für die Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) inklusive Kantonsgericht auszuarbeiten. Der Wettbewerb dazu sollte im ersten Quartal 2014 starten. Doch dem ist nicht so. Franz Müller, stellvertretender Kantonsbaumeister, sagt auf Anfrage unserer Zeitung: «Wir sind bei der Zusammenstellung der Jury noch zu keinem Ergebnis gekommen.» Der Stand der Arbeiten für ein Neubauprojekt sei aus diesem Grund noch derselbe wie im Frühling dieses Jahres.

Boykottaufrufe zeigen Wirkung

Bereits im Februar hat Regierungsrat Marcel Schwerzmann Schwierigkeiten bei der Suche nach Jurymitgliedern eingeräumt. Grund dafür waren vor allem die Verzichtaufrufe der Fachverbände. So hatten der Bund Schweizer Architekten (BSA), der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) und andere Fachverbände der Zentralschweiz ihre Mitglieder dazu aufgerufen, nicht am Wettbewerb teilzunehmen und auch nicht in der Jury Einsitz zu nehmen.

Das Vorhaben wurde vom SIA als überdimensioniert angesehen. Es rechtfertige es nicht, dafür die ZHB abzureissen. Der BSA betont, dass der Wert der ZHB und des mit ihr verbundenen städtebaulichen Ensembles unter der Fachwelt völlig unbestritten sei.

Verzögerung wegen Abstimmung?

Doch nicht nur die Boykottaufrufe könnten der Grund für die Verzögerung sein. Möglicherweise spielt hier auch die Abstimmung vom 28. September eine Rolle. Denn dann stimmen die Stadtluzerner über die Initiative zur Rettung der ZHB ab. Diese verlangt, dass das 63-jährige Gebäude so unter Schutz gestellt wird, dass ein Abbruch nicht möglich ist.

Wartet der Kanton die städtische Abstimmung also bewusst ab, bevor er mit der Planung des Neubaus beginnt? Der stellvertretende Kantonsbaumeister Franz Müller beantwortet diese Frage nicht und sagt lediglich: «Wir haben versucht, eine Jury zu bilden, was uns bis heute noch nicht gelungen ist. Und ohne Jury können der erforderliche Wettbewerb und die anschliessende Ausarbeitung des Projektes nicht gestartet werden.»

Gmür ärgert sich über Architekten

Die Idee für ein Neubauprojekt der ZHB mit integriertem Kantonsgericht stammt von der Stadtluzerner Kantonsrätin Andrea Gmür-Schönenberger, welche eine entsprechende Motion eingereicht hat. Gmür, welche neu auch die CVP der Stadt Luzern präsidiert, sagt: «Es ärgert mich, dass der Wettbewerb für ein Neubauprojekt nicht gestartet werden kann.» Gmür kann nachvollziehen, dass man geteilter Meinung sein kann, ob es einen Neubau für die ZHB braucht. «Es gibt mir aber sehr zu denken, dass kein demokratischer Prozess mehr möglich ist und die Architekturverbände zum Boykott aufgerufen haben.» So würden die Stadtluzerner über den Erhalt der ZHB abstimmen, ohne eine Alternative zu kennen.

Obwohl Gmür bedauert, dass es mit dem Projekt nicht vorangeht, sagt sie: «Ich glaube nicht, dass der Kanton das Projekt bewusst verzögert. Es wurden sehr viele Anfragen für die Zusammenstellung einer Jury gestartet. Alle waren erfolglos. Der Kanton könnte aber einem renommierten Architekten einen Direktauftrag erteilen, sodass zumindest ein Projekt – wenn auch kein juriertes – vorliegen würde.»

«Regierungsrat hat es verschlafen»

Anders als Gmür übt der Buttisholzer CVP-Kantonsrat und Bauunternehmer Hans Aregger harsche Kritik am Kanton. Aregger hatte in einer Motion, die Ende 2011 überwiesen worden ist, den Abriss der ZHB und die Realisierung eines Neubaus gefordert. «Mein Vorstoss wurde vor mehr als zwei Jahren überwiesen», ärgert sich Aregger. «Der Regierungsrat hat es verschlafen, seither ein Projekt auszuarbeiten. Er hätte sofort eine Vorstudie in Auftrag geben und mit der Stadt verhandeln sollen.»

Aregger kritisiert auch den Boykottaufruf der Architekturverbände. In diesem Zusammenhang versteht er nicht, weshalb die Regierung keine ausländischen Architekten für die Jury angefragt hat. Er glaubt: «Die Regierung wartet nun offensichtlich die Abstimmung vom 28. September ab, bis sie das Projekt weiter vorantreibt.»

Im Gegensatz zu Gmür und Aregger freuen sich die Architektenverbände. Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) ist zufrieden, dass der Wettbewerb nicht gestartet werden konnte. Patrik Bisang, Präsident des SIA Zentralschweiz, sagt: «Sicher haben der SIA und auch die anderen Planerverbände damit eines ihrer Ziele erreicht. Dass das Wettbewerbsverfahren bis jetzt nicht durchgeführt werden konnte, ist aber das Verdienst aller Neubaugegner.» Auch Norbert Truffer, Obmann der Ortsgruppe Zentralschweiz des Bunds Schweizer Architekten (BSA), zeigt sich erfreut, sagt aber: «Das Ziel war nicht, den Architekturwettbewerb per se zu boykottieren, sondern die Verhinderung der negativen städtebaulichen Folgen für das Vögeligärtli.»