LUZERN/ADLIGENSWIL: Von dieser Bar hat er geträumt

Seit 20 Jahren arbeitet Barmann Benoît am Tresen. Obwohl dies ein typischer Beruf für Singles sei, ist er glücklich verheiratet – mit einer Barmaid.

Roger Rüegger
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Benoît Mény (53) bei seiner Arbeit an der Bar im Hotel Palace. (Bild: Boris Bürgisser)

Benoît Mény (53) bei seiner Arbeit an der Bar im Hotel Palace. (Bild: Boris Bürgisser)

In Vollmondnächten ist der 53-jährige Benoît Mény stets hellwach und nimmt sein Umfeld mit geschärften Sinnen wahr. Nein, es gibt kein dunkles Kapitel in seiner Familiengeschichte. Die Wachsamkeit ist berufsbedingt. Der gebürtige Elsässer ist Chef de Bar im Hotel Palace in Luzern. Seit 20 Jahren arbeitet der Adligenswiler hier als Barkeeper.

Kurz zuvor war er selber Gast im Hotel Palace. Damals arbeitete er in Zermatt. Als er die Bar im «Palace» betreten habe, sei er erschrocken. «Ich habe von einer Bar geträumt, die exakt so ausgesehen hat wie diese», sagt der Barmann, den seine Gäste nur als Benoît kennen und anreden. Auch in der Zeitung möchte er bei seinem Vornamen genannt werden. Als er erfuhr, dass der Barkeeper gekündigt hatte, rief er noch am selben Tag aus seinem Hotelzimmer den Personalchef an und bewarb sich für die Stelle. Eine Entscheidung, die er nicht bereuen sollte. Er macht seine Arbeit so gut, dass der Vater von zwei bald erwachsenen Söhnen 2011 sogar zum charmantesten Barkeeper der Zentralschweiz gewählt wurde.

Kompliment von Ray Charles

Diese Auszeichnung brachte ihm bestimmt auch seine gewinnende und bescheidene Art ein. «Die Bar ist die Plattform der Gäste», betont Benoît. Er als Gastgeber sei in erster Linie Zuhörer. Das fällt ihm nicht schwer. Er hat schon manchem Gast einen Drink gemixt, der wirklich etwas zu sagen hat. Viele berühmte Persönlichkeiten aus Politik, Showbusiness und Wirtschaft waren seine Gäste. Alle haben Benoît einen Eintrag in seinem «Livre d’Or» gemacht. Ray Charles zum Beispiel schrieb wörtlich «You are the right one».

Doch die nicht prominenten Gäste sind ihm genauso lieb. Gerne würde er mehr Luzerner begrüssen. Aber: «Den Einheimischen zu gewinnen, ist schwierig. Der Luzerner gibt dir genau zwei Chancen, wenn du diese vergibst, ist er für immer weg.» Wenn man ihn jedoch gewonnen habe, dann bleibe er treu.

Spannung in der Luft

Benoît weiss genau, was an seiner Bar zu welcher Zeit geschieht. Der Mond spiele dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. «Bei Vollmond pulsiert das Leben. Erfahrungsgemäss ist in solchen Nächten ein eher extrovertierteres Publikum unterwegs. Es sind Leute, die auf der Suche nach Abenteuer sind.» Bei Vollmond liege stets eine Spannung in der Luft. Der Chef, also Benoît, postiert sich an diesen Tagen immer selber hinter dem Tresen. «Man sollte besser keine junge Frau hinter der Bar arbeiten lassen», sagt er ohne weitere Erklärungen. Anders sei die Situation bei Neumond. «Die Gäste, die an diesen Abenden anzutreffen sind, sind ruhig, alleine, häufig melancholisch oder traurig.»

Benoît hat zweifellos einen interessanten Beruf und bisweilen einen «heissen». Denn: «Ein Barmann ist stets der Versuchung ausgesetzt», sagt er. «Wir werden auf alle möglichen Arten angesprochen, und häufig werden uns Getränke offeriert.» Alkohol bei der Arbeit trinkt Benoît selten. «Damit muss man aufpassen. Ich habe viele Tragödien erlebt.»

Am Anfang stand Schiffsreise

«Barkeeper ist eigentlich ein Job für Singles», so Benoît zum Thema Liebe. Doch Single ist er seit über 20 Jahren nicht mehr. «Es war so nicht geplant, denn ich wollte keine aus dem Gastrobereich. Sowieso keine Barmaid und schon gar nicht eine, die im selben Betrieb arbeitet wie ich.» Es kam anders. Seine Frau arbeitete als Barmaid im selben Hotel in Zermatt wie er.

Dass der Elsässer in der Schweiz lebt, war ebenfalls nicht unbedingt vorgesehen. Als junger Bar-Stewart auf einem Schiff der Rheinschifffahrts-Gesellschaft Köln-Düsseldorfer lernte er vier Hotelierspaare aus Zermatt kennen. «Wir kamen ins Gespräch, und ich erzählte ihnen, dass ich gerne in den Bergen leben und arbeiten würde», so Benoît. Einer der Hoteliers schickte ihm nach der Schiffsreise den Arbeitsvertrag.