LUZERN/BERGÜN: Luzerner Pfadi wehrt sich gegen skurriles Foto-Verbot

Im Bündner Bergdorf Bergün gilt seit neustem ein bizarres Verbot: Touristen dürfen keine Ferien-Fotos mehr schiessen. Eine Pfadi aus Luzern, die dorthin ins Lager fährt, fürchtet nun massive Mehrkosten.

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Sie haben offenbar Grund zum Lachen: Die Teilnehmer der Gemeindeversammlung in Bergün nach der Verabschiedung des Fotografieverbots. Ob dieses Bild zum Dokument wird als das letzte Foto aus Bergün? (Bild: Keystone/Handout Gemeinde Bergün, 29. Mai 2017)

Sie haben offenbar Grund zum Lachen: Die Teilnehmer der Gemeindeversammlung in Bergün nach der Verabschiedung des Fotografieverbots. Ob dieses Bild zum Dokument wird als das letzte Foto aus Bergün? (Bild: Keystone/Handout Gemeinde Bergün, 29. Mai 2017)

Es hört sich an wie ein Aprilscherz, ist es aber nicht: Das Bergdorf Bergün in Graubünden hat am Montagabend ein «gemeindeweites und herzliches» Fotografierverbot erlassen. Der Grund dafür lässt erahnen, dass es sich beim Verbot vor allem um einen Werbegag handelt: Menschen, die gerade nicht im pittoresken Bergdorf weilen, sollen von Fotos aus Bergün nicht unglücklich gemacht werden, schrieb der Gemeinderat in einer Mitteilung. Dennoch sei das Verbot tatsächlich rechtskräftig. Es wurde von der Gemeindeversammlung mit 46 zu 2 Stimmen beschlossen. Zuwiderhandlungen werden mit fünf Franken gebüsst.

Für die Pfadi Reuss aus Luzern könnte dies ein Problem darstellen. «Genau dorthin fahren unsere Wölfe ins Lager!», schreibt sie auf Facebook. Ein Lager ohne Fotos oder mit zahlreichen Bussen wollen die Wölflileiter nicht akzeptieren. Jetzt haben sie sich deshalb an Gemeindepräsident Peter Nicolay (FDP) gewandt. «Mit grossem Entsetzen haben wir vom Fotografierverbot erfahren», schreiben sie im Brief, den sie am Dienstag abgeschickt haben. Darin bitten sie um eine Fotografierbewilligung während ihres Lagers Mitte Juli.

«Würde unser Budget massiv sprengen»

Am Lager nehmen ungefähr 30 Kinder und 10 Erwachsene teilnehmen. Gemäss Berechnungen der Pfadi entfielen über die Lagerhausmiete somit etwa 750 Franken Kurtaxen an die Gemeinde. «Bergün profitiert von unserer Anwesenheit!», argumentieren die Pfadfinder und weisen darauf hin, dass das nicht die Fotos aus Bergün, sondern das Fehlen ebendieser die Leiter, Wölfli und alle Eltern «sehr unglücklich» machen würde.

Ob das Anliegen beim Bergdorf auf offene Ohren stösst? Pfadi-Abteilungsleiter und Verfasser des Briefes Jonathan Aliverti (Pfadiname Beo) ist guten Mutes: «Wir glauben schon, dass es klappt.» Gegenüber dem «Blick» sagte Gemeindepräsident Nicolay, dass man etwa für Hochzeiten gratis Ausnahmebewilligungen einholen könne. «Wir hoffen deshalb, dass wir auch so eine bekommen.» Falls nicht, könnte das illegale Fotografieren die Wölfli teuer zu stehen kommen: «Pro Lager machen wir etwa 1500 Fotos. Müssten wir für jedes einzelne eine Busse von fünf Franken zahlen, kämen wir auf zusätzliche 7500 Franken – das würde unser Budget bei weitem sprengen», sagt Aliverti.

Feriengäste haben «nichts zu befürchten»

Eine Anfrage beim Gemeindepräsidenten bestätigt die Hoffnungen der Pfadi: «In solchen Fällen gewähren wir eine Ausnahmebewilligung», sagt Nicolay. Doch wie ernst ist es Bergün grundsätzlich mit dem Verbot? Bereits am Dienstag wurden nämlich Verbotstafeln aufgestellt. In der Medienmitteilung heisst es aber nur, die Gemeinde «behält sich vor», bei Widerhandlungen Bussen zu erteilen. Das heisse, dass von der angedrohten Busse «nichts zu befürchten ist», wie die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Luzern auf Anfrage mitteilt. Auch laut Nicolay würde die Gemeinde «nicht sehr weit» gehen, wenn jemand die Busse nicht bezahlen würde.

Bergün begründet das Verbot damit, dass Ferienfotos auf Social Media die Betrachter unglücklich machten, wenn diese gerade nicht am abgebildeten Ort sein könnten. In Bergün bestünde die Gefahr im besonderen Masse, weil das Dorf besonders schöne Landschaften zu bieten habe. Das Bussgeld soll dem Alpenschutz zufliessen.

Falls das Verbot strikte angewendet wird, gibt es vier kontinuierlich sprudelnde Einnahmequellen: Die Webcams auf www.sky-cam.ch/berguen generieren Fotos in Abständen zwischen einer und fünf Minuten.
 

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Auch ihnen droht nun das Fotografierverbot: Die Pfadi Reuss will Mitte Juli nach Bergün ins Lager. (Bild: PD/Padi Reuss)

Auch ihnen droht nun das Fotografierverbot: Die Pfadi Reuss will Mitte Juli nach Bergün ins Lager. (Bild: PD/Padi Reuss)

Hier ist alle zehn Minuten eine Busse fällig: Webcam von Bergün auf www.sky-cam.ch/berguen/ (Bild: Screenshot: luzernerzeitung.ch)

Hier ist alle zehn Minuten eine Busse fällig: Webcam von Bergün auf www.sky-cam.ch/berguen/ (Bild: Screenshot: luzernerzeitung.ch)