Luzerner alt Kantonsrätin landet nach einer Anti-Corona-Mahnwache in der Arrestzelle

Weil sie eine Anti-Corona-Mahnwache auf dem Luzerner Bahnhofplatz trotz mündlicher Wegweisung nicht verlassen wollte, wurde Heidi Joos verhaftet. Es kam zu einem Handgemenge. Der Fall wird untersucht.

Roman Hodel
Drucken
Teilen

Aufgewühlt sei sie, auch Tage nach dem verhängnisvollen Pfingstwochenende – und das beim Handgemenge mit der Polizei verletzte Auge schmerze noch immer. Heidi Joos sagt: «Niemals hätte ich damit gerechnet, dass ich eine Nacht in einer Zelle verbringen muss, nur weil ich mich für meine Rechte gewehrt habe.»

Normalerweise wehrt sich die 65-Jährige als Geschäftsführerin des Verbands Avenir50plus für die Rechte von älteren erwerbslosen Menschen. Momentan beschäftigt die Luzerner alt Kantons- und Grossstadträtin (Poch) jedoch ein anderes Thema deutlich häufiger: Corona. Mehrfach hat sie sich dazu in den Leserbriefspalten dieser Zeitung geäussert. Vor allem die Einschränkung der Grundrechte ist ihr ein Dorn im Auge. Deshalb hat sie im Mai mehrfach an entsprechenden, unbewilligten Mahnwachen auf dem Luzerner Bahnhofplatz teilgenommen und kassierte dafür in einem Fall eine 100-Franken-Busse.

Auch am Pfingstsamstag war Joos vor Ort. Sie plante einen stillen Protest laut einem offenen Brief, den sie am Mittwoch an den Regierungsrat, Stadtrat, die Parlamente und Medien gemailt hat. Hierfür habe sie eine Bewilligung einholen wollen, doch die Stadtverwaltung habe ihr beschieden, dass dies als Einzelperson nicht nötig ist. Als Joos gegen 14 Uhr auf dem Bahnhofplatz eintraf, sah sie sich dann aber einem «unverhältnismässig hohen Polizeiaufgebot» ausgesetzt, so sagt sie es. Die eigentliche Mahnwache fand auf einem der Polizei nicht bekannten, anderen Platz statt. Hier ein Foto, das Joos an jenem Nachmittag aufgenommen hat:

«Guantanamo-Mütze» über den Kopf gestülpt

Beim Rolltreppenabgang zum Bahnhof-Shopping wurde Joos von der Polizei aufgefordert, ihre Ausweispapiere und ihr Handy auszuhändigen. Letzteres weil sie einen Polizisten fotografiert hatte. Joos weigerte sich mit Verweis auf die fehlende Rechtsgrundlage. Schliesslich wurde sie mündlich weggewiesen. Joos bestand aber auf einer schriftlichen Wegweisung. Die Polizei habe nun mit der Verhaftung gedroht. Dann eskalierte die Situation. Laut Joos’ Darstellung sei sie «unter Anwendung von Gewalt» in Handschellen gelegt worden. Dies zeigt auch ein Leservideo, das «PilatusToday» zugespielt wurde:

Im Polizeiauto habe man ihr zudem eine «nach Hund riechende Guantanamo-Mütze» über den Kopf gezogen. Beim Handgemenge zog sie sich eine Verletzung am Auge zu.

Heidi Joos sagt zur Situation:

«Ich habe geschrien wie am Spiess und mich gegen die Verhaftung gewehrt.»

Ihre Reaktion sei vom «Reptilienhirn ohne Dazutun des Verstandes» produziert worden, schreibt sie dazu im offenen Brief.

Joos verbrachte die Nacht in einer Arrestzelle, «nicht grösser als vier Quadratmeter» – erst am Pfingstsonntag wurde sie entlassen. Die Seniorin erhebt schwere Vorwürfe gegen diesen «unverhältnismässigen Polizeieinsatz», wie sie sagt: «Die Polizei hat mich ohne Rechtsgrundlage verhaftet und mir in Gewahrsam nicht einmal den Kontakt mit einem Anwalt oder Angehörigen erlaubt.» Ausserdem hätten die Polizisten weder Abstands- noch Hygienevorschriften laut Covid-19 beachtet. «Dabei gehöre ich zur Risikogruppe.»

Auch eine Polizistin wurde beim Einsatz verletzt

Die im offenen Brief erwähnten Vorwürfe sind von strafrechtlicher Relevanz, wie Christian Bertschi, Kommunikationschef der Luzerner Polizei schreibt. Die Staatsanwaltschaft habe eine Untersuchung eingeleitet. Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, könne die Luzerner Polizei keine weiteren Auskünfte erteilen. Nur so viel: Am Pfingstsamstag löste die Polizei eine unbewilligte Demonstration gemäss Covid-19-Bestimmungen des Bundes auf. «Dabei wurde eine Person wegen Hinderung einer Amtshandlung sowie Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte vorübergehend festgenommen», so Bertschi. Eine Polizistin sei bei diesem Einsatz verletzt worden.

Mehr zum Thema