LUZERNER ARBEITSGERICHT: Polin wirft Kirchenverein Ausbeutung vor

Lena Berger
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Eine Polin beschuldigte einen christlichen Verein für Nachbarschaftshilfe, sie finanziell ausgebeutet zu haben. Die Frau sprang bei Notfällen ein und kochte oder putzte für Hilfsbedürftige (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Eine Polin beschuldigte einen christlichen Verein für Nachbarschaftshilfe, sie finanziell ausgebeutet zu haben. Die Frau sprang bei Notfällen ein und kochte oder putzte für Hilfsbedürftige (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Ins Gericht bringt die Frau ihren Rollkoffer mit – als würde sie verreisen. Nur dass sich in ihrer Tasche keine Badeanzüge und Sommerkleider befinden, sondern bergeweise Akten und Papiere. Für die 60-Jährige geht es heute um vieles. Vor allem geht es ihr um Gerechtigkeit.

Als Gegenpartei begrüsst der Richter am Luzerner Arbeitsgericht die Vertreterin eines christlichen Vereins für Nachbarschaftshilfe und dessen Anwalt. Sie sei finanziell ausgebeutet worden, wirft die Frau der gemeinnützigen Organisation vor. Eine Anschuldigung, die schwer wiegt. Besonders, weil es sich um eine kirchliche Institution handelt.

Die Polin hat zwei Jahre als hauswirtschaftliche Angestellte für die Hilfsorganisation gearbeitet. Wenn in einer Familie die Mutter plötzlich krank wurde, sprang sie ein, um für die Kinder zu kochen. Brach sich ein Senior bei einem Sturz ein Bein, kam sie zum Wochenputz vorbei. «Ich habe diese Arbeit gerne gemacht. Anderen zu helfen, war für mich eine persönliche Erfüllung», sagt sie.

Und doch steht sie heute vor Gericht. Gleich mehrere Prozesse hat die Frau seit der Kündigung angestrengt, weit über 300 000 Franken will sie von ihrem ehemaligen Arbeitgeber haben. Für die stundenlangen Bereitschaftsdienste habe sie keinen Lohn bekommen, Überstunden, Arbeitsgeräte und Spesen seien nicht bezahlt worden – und auch keine Nachtzuschläge. Die Liste der Vorwürfe ist noch weit länger. Als die Klägerin zu reden beginnt, ist sie kaum zu stoppen.

«Der Verein steht für christliche Werte. Darauf habe ich vertraut. Aber ich bin auf tragische Art und Weise finanziell ausgenutzt worden», sagt die Polin, die ein grosses türkises Kreuz um den Hals trägt. Sie habe nicht mal genug Geld gehabt, um sich Kleider und Essen zu kaufen. Sie stellt nicht nur arbeitsrechtliche Forderungen, sie will auch Genugtuung für die psychischen Schäden, die sie aufgrund der Arbeit erlitten habe. Es soll Kunden gegeben haben, die ihr gegenüber gewalttätig geworden sind. Vorbereitet worden sei sie auf solche Situationen nicht, es sei eine extreme Belastung gewesen.

Es ist einer dieser Fälle, von denen man hört und denkt: So eine Sauerei! Da wird eine arme ausländische Arbeitskraft schamlos ausgenutzt, und das auch noch von der Kirche. Aber der Eindruck bleibt nur so lange eindeutig, bis man auch die andere Seite gehört hat. Denn je länger die Verhandlung dauert, desto gewagter werden die Berechnungen der Frau. Mal fordert sie 700 Franken für angebliche Überstunden, dann plötzlich 9000 Franken. Die Verwirrung ist komplett.

Würden der Polin tatsächlich 300 000 Franken – zusätzlich zum bereits bezahlten Lohn – zustehen, hätte die hauswirtschaftliche Angestellte einen Stundenlohn zugute, bei dem so mancher Arzt neidisch werden könnte. Und das bei einer mutmasslichen Arbeitszeit von 25 Stunden pro Woche. Für «aussichtslos» befand denn auch das Bundesgericht einige der Forderungen. Das höchste Gericht der Schweiz hatte die Plausibilität der Anträge zu prüfen, als es um die Frage ging, ob der Frau auf Staatskosten ein Anwalt zur Seite gestellt werden muss. Sie steht heute alleine vor Gericht.

Der Anwalt des Vereins betont, es habe sich um ein unregelmässiges Arbeitsverhältnis gehandelt. Die Mitarbeiterinnen wurden spontan angefragt, wenn gerade jemand in eine Notlage geraten war. «Überstunden stehen nur zur Diskussion, wenn eine fixe Arbeitszeit vereinbart und diese überschritten wurde – das ist hier nicht der Fall», so der Anwalt. Bereitschaftsdienste habe es nicht gegeben, denn die Mitarbeiterinnen hätten Einsätze jederzeit aus privaten Gründen ablehnen dürfen. «Dass die Klägerin in finanzielle Engpässe gekommen ist, hat nichts mit uns zu tun.»

Dass es in diesem Fall überhaupt zu einem Gerichtsverfahren kommt, hat auch damit zu tun, dass nie ein Arbeitsvertrag aufgesetzt wurde, der sämtliche Details regelt. Die Polin fühlte sich dadurch verunsichert. Sie ging in eine Buchhandlung und kam nach «stundenlangem Wälzen arbeitsrechtlicher Bücher» zum Schluss, dass sie über den Tisch gezogen wird – weshalb sie sich jetzt mit aller Vehemenz zur Wehr setzt. Ob die zusammengetragenen Einzelinformationen über das Schweizer Arbeitsrecht sie allenfalls auf den Holzweg geführt haben, wird sich zeigen. Das Urteil steht noch aus. Die Frau kündigt jedenfalls am Schluss der Verhandlung an, dass sie weiter um ihr Recht kämpfen werde. Der Verein schliesst Arbeitsverträge inzwischen nur noch schriftlich ab.

Lena Berger

Hinweis

Wir berichten in loser Folge über Verhandlungen an Luzerner Gerichten. Weitere Beiträge der Serie finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/gericht