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Interview

Luzerner Architekt über die Herausforderung Klimawandel: «Wir können von heissen Ländern lernen»

Von Hitzewellen sind besonders dicht besiedelte Gebiete betroffen. Städte und Architekten müssten deshalb umdenken, sagt der Luzerner Architekt und Hochschul-Dozent Luca Deon.
Stefan Dähler
Begrünte Fassaden wie bei der Siedlung Bosco Verticale in Mailand können ein Mittel gegen Hitze sein. (Bild: Luca Bruno/AP)

Begrünte Fassaden wie bei der Siedlung Bosco Verticale in Mailand können ein Mittel gegen Hitze sein. (Bild: Luca Bruno/AP)

Der Klimawandel beschäftigt Architekt Luca Deon schon seit Jahren. «Ich pflanze in meinem Garten gerne südländische Bäume um zu schauen, wie sie sich hier entwickeln», sagt Deon, der an der Hochschule Luzern in Horw als hauptamtlicher Dozent tätig ist und in der Stadt Luzern ein Architekturbüro führt. In der Region hat dieses unter anderem die Renergia Perlen oder die Überbauung Grossmatte in Luzern-Littau geplant, das erste 2000-Watt zertifizierte Areal im Kanton Luzern.

Luca Deon. (Bild: PD)

Luca Deon. (Bild: PD)

In Städten wird es im Sommer besonders heiss. Wie sollen diese auf den Klimawandel reagieren?

Luca Deon: Sie müssen dafür sorgen, dass es möglichst viele Grünflächen gibt und die versiegelten Asphaltflächen möglichst minimieren. Es braucht Parks, Alleen, begrünte Fassaden und Dächer. Denn Pflanzen beziehen Feuchtigkeit aus dem Boden, das verdunstet, wodurch ein Kühlungseffekt entsteht. Sie reinigen die Luft vor Staubpartikel. Zudem produzieren sie auch Sauerstoff.

Wie steht die Stadt Luzern diesbezüglich da?

Sie realisieren es langsam, bei Wettbewerben wird auf Ökologie wie begrünte Dächer und wenig Bodenversiegelungen geachtet.

Was gilt es städtebaulich noch zu beachten?

Es ist wichtig, Luftkorridore zwischen den Häusern einzubauen, damit der Wind für etwas Abkühlung sorgen kann. In Luzern wären die Voraussetzungen dafür günstig, wir haben die Reuss, den See und bewaldete Hügel, die Kühlung verschaffen.

Allerdings ist die Stadt Luzern im Zentrum schon grösstenteils gebaut. Was, wenn ein bestehendes Haus dem Wind im Weg steht?

Die Anpassung an den Klimawandel erfordert eine langfristige Planung. Man kann etwa in einem Zonenplan festhalten, dass solch ein Standort, wenn das Haus dereinst abgerissen wird, nicht mehr neu oder anders bebaut wird.

Welche Herausforderungen hat der Klimawandel für die Architektur zur Folge?

Das Berufsbild des Architekten wandelt sich, er erhält einen Zusatzauftrag. Es geht nicht mehr nur darum, kulturell relevant zu bauen, sondern auch energetisch effizient.

«Kühlen wird dereinst relevanter sein als Heizen, das ist bei vielen Architekten noch nicht angekommen.»

Ist dieser Wandel schon angekommen?

Dank guter Isolation ist Heizwärmeverlust bei Neubauten praktisch kein Thema mehr. Allerdings sind wir darauf getrimmt, gut zu dämmen und viel Licht in den Bau reinzulassen, was bei Hitze problematisch ist. Kühlen wird dereinst relevanter sein als Heizen, das ist bei vielen Architekten noch nicht angekommen. Weiter wäre es besser, vermehrt 2000-Watt-Bauten zu realisieren statt Bauten nach Minergie-Standards.

Wieso?

Minergie ist per se keine schlechte Sache. Im Fokus steht aber nur, dass ein einzelnes Haus möglichst wenig Energie verbraucht. Die 2000-Watt-Betrachtungsweise ist gesamtheitlich nachhaltiger, es wird auch das Verkehrskonzept einer Überbauung einbezogen oder, dass bei einem Rückbau möglichst wenig Sonderabfälle anfallen.

Wie baut man hitzeresistent?

Man sollte auf grosse Fenster, wie sie heute oft gebaut werden, verzichten. Generell sollte man in gewisser Hinsicht wieder so bauen wie früher, beispielsweise dicke Mauern aus demselben Material, versehen mit Lufteinschlüssen zur Dämmung. Solche Wände geben nachts mehr Wärme ab. Bei zu dichten und gedämmten Bauten besteht das Problem, dass die Hitze kaum mehr entweicht, wenn sie mal im Gebäude ist respektive im Inneren durch Menschen und Geräte produziert wird. Weiter können wir von heissen Ländern lernen, wie sie mit «Low-tech-Lösungen» effiziente Bauten erstellen, zum Beispiel durch natürliche Ventilation und Thermik.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im arabischen Raum baut man oft Windtürme auf den Dächern, die den Wind ins Gebäude leiten und dafür sorgen, dass die Luft im ganzen Haus zirkuliert. In südländischen Städten stehen Häuser oft im Schatten anderer Gebäude, eine sinnvolle Eigenverschattung kann berechnet werden. Der Nachteil ist hier natürlich, dass weniger Sonnenlicht reinkommt, doch man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben.

Stadt Luzern reagiert auf Klimaerwärmung

Die Stadt Luzern erarbeitet aufgrund einer Motion der Grünen derzeit eine Klima-Anpassungsstrategie. Diese soll im Frühjahr 2020 veröffentlicht werden. Zudem ist im Sicherheitsbericht, der im September vorgestellt wird, das Thema Klimawandel als Fokusthema definiert. «Langfristig werden Massnahmen in den Bereichen Raumplanung und Bauen, Grünräume und Biodiversität, Wassermanagement und Naturgefahren sowie Gesundheit geplant», sagt Sozial- und Sicherheitsdirektor Martin Merki (FDP). Ein Beispiel könnten begrünte Fassaden und Dächer sein, die man bereits in anderen Städten kennt. Weitere Themen seien helle Materialien für Fassaden und Strassenbeläge, die sich weniger stark aufheizen. Zudem achte man bei Bebauungsplänen bereits darauf, dass genügend Grünflächen vorhanden sind und der Wind zirkulieren kann.

Zudem sei die Sensibilisierung der Bevölkerung ein Thema. «Dabei geht es vor allem um verletzliche Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, Kleinkinder, Schwangere oder es geht auch um Leute, die bei der grossen Hitze draussen arbeiten», sagt Merki. In den Pflegezentren achte das Personal vor allem darauf, dass die Bewohnerinnen und Bewohner genügend Flüssigkeit zu sich nehmen, weil bei älteren Menschen das Durstempfinden reduziert sei. Der Alltag im Heim werde bei hohen Temperaturen angepasst. Der Menüplan enthalte leichtere Kost und auf Aktivitäten mit grosser körperlicher Anstrengung werde verzichtet. Es sei zudem denkbar, bei entsprechendem Bedarf den Zivilschutz als Unterstützung aufzubieten, so Merki.

Generell informiert die Anlaufstelle Alter an der Obergrundstrasse (Telefon 041 208 77 77) auf Anfrage über das richtige Verhalten bei Hitze. Bei allen Beratungsgesprächen würden Wasserflaschen mit angehängten Informationen angegeben, was bei den älteren Menschen gut ankomme. Bei der Stadtgärtnerei und dem Tiefbauamt werde darauf geachtet, dass Arbeiten im Freien nach Möglichkeit sehr früh am Morgen beginnen und um 12 Uhr enden, so Merki. Den Mitarbeitern stünden Sonnencrème, Kopfbedeckungen und zusätzliches Trinkwasser zur Verfügung.

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