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Interview

Luzerner Autor erklärt: So viel Arbeit steckt in einem Schulbuch

Lehrmittel lösen immer wieder heftige Diskussionen aus, etwa weil sie zu wenig neutral seien. «Wer ein Geschichtsbuch macht, weiss, dass es Kritik geben wird», sagt Peter Gautschi von der Pädagogischen Hochschule Luzern.
Alexander von Däniken
Peter Gautschi, Leiter des Instituts für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der PH Luzern. (Bild: Eveline Beerkircher)

Peter Gautschi, Leiter des Instituts für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der PH Luzern. (Bild: Eveline Beerkircher)

Wenn jemand weiss, welche Arbeit hinter Lehrmitteln steckt, dann Peter Gautschi. Der 59-Jährige leitet das Institut für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Gautschi hat mehrere analoge und digitale Lehrmittel entwickelt, betreibt Unterrichtsforschung und ist Honorarprofessor an der PH in Freiburg im Breisgau. Zahlreiche Geschichtslehrmittel, bei denen Gautschi mitwirkte, wurden ausgezeichnet, so auch «Zeitreise» oder die Tablet-App «My Bourbaki Panorama».

Peter Gautschi, wie schwierig ist es als Projektleiter oder Autor, den politischen Neutralitätsansprüchen von links und rechts gerecht zu werden?

Politische Neutralitätsansprüche werden im Entwicklungsprozess von Schulgeschichtsbüchern kaum an uns herangetragen. Das ist vorher passiert, bei der Ausarbeitung von Lehrplänen. Diese Lehrpläne gilt es dann mit Lehrmitteln umzusetzen, und zwar so, dass bedeutsame Themen redlich dargestellt werden. Mit diesem Angebot müssen wirkungsvolle Lernprozesse möglich werden. Das sind hohe Ansprüche. Dass es gerade bei umstrittenen Themen wie Religion oder Politik oder bei innovativen Lernarrangements Kritik gibt, liegt in der Natur der Sache.

Also ist die Kritik am Zürcher Lehrbuch «Gesellschaften im Wandel» normal?

Wer ein Geschichtsbuch macht, weiss, dass es Kritik geben wird. Man kann es nie allen Recht machen. Die einen kritisieren die Bedeutsamkeit ausgewählter Themen, die andern zweifeln an der Redlichkeit der Darstellung, und Dritte finden, dass nicht alle wichtigen Inhalte aufgenommen wurden. Zudem ist absolute Neutralität bei Geschichte eine Illusion, da sie stets eine Rückschau vom Jetzt in die Vergangenheit ist, wobei sich das «Jetzt» immer wieder verändert. Aus meiner Sicht präsentiert «Gesellschaften im Wandel» bedeutsame Themen und stellt sie redlich dar. Und vollständig ist sowieso kein Schulgeschichtsbuch.

Auch Ihre Werke wurden schon kritisiert.

Bei «Vergessen oder Erinnern» beklagte sich die Türkei, dass die Verbrechen an den Armeniern 1915 als Völkermord bezeichnet wurden. Bei «Hinschauen und Nachfragen» kritisierten uns viele, weil wir zeigten, dass Menschen in der Schweiz im Zweiten Weltkrieg durchaus Handlungsspielraum hatten. Und nicht einfach keine Wahl.

Das wurde zum Beispiel durch den Fall des Flüchtlingshelfers Paul Grüninger ja auch bestätigt.

Genau, aber damals war diese Geschichte noch wenig bekannt.

Also benötigen Autoren ein grosses Fachwissen. Wie kommen Sie zu den Informationen?

Niemand schreibt ein seriöses Schulgeschichtsbuch alleine, sondern im Team. Dann werden die Texte durch Fachexperten kritisch begutachtet. Bei der Quellenwahl und -gewichtung kann es durchaus heftige Diskussionen geben. Überhaupt ist die Kontrolle sehr engmaschig und umfasst sieben Phasen. Neben den Autoren- und den Expertenkorrekturen gibt es eine Schulerprobung mit Lehrern. Auch der Verlag überprüft danach die Qualität akribisch, mit Redaktoren, einem Fach- und einem Sprachlektorat. Die letzte Phase ist das Genehmigungsverfahren in den Kantonen; zum Beispiel via Lehrmittelkommission.

Wie lange dauert so ein Prozess?

Je nach Umfang dauert es ab erstem Konzept zwischen vier und acht Jahren, bis ein Lehrmittel im Schulalltag eingesetzt werden kann. Das ist für die Lehrmittelverlage auch sehr teuer, zumal sie nie wissen, ob und in welchen Kantonen das Lehrmittel zum Einsatz kommt.

«Zeitreise» ist neben Luzern in 5 anderen Kantonen im Einsatz, in 13 weiteren wird es empfohlen. Was ist das Ziel solcher Lehrmittel?

Schülern soll wichtiges historisches Wissen sowie Können zum Umgang mit Geschichte vermittelt werden. Sie sollen historisch Lernen und auch Identitäten aufbauen. Dabei kann das Lehrmittel nur ein Angebot machen. Über den Lernerfolg entscheiden ganz wesentlich auch die Lehrer, zum Beispiel wie sie die «Zeitreise» einsetzen.

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