Luzerner Bauern erhalten 130 Millionen Franken Direktzahlungen wegen Coronakrise früher

Die Coronakrise treibt auch Luzerner Landwirte in Liquiditätsengpässe. Nun erhalten sie ihre Bundesgelder früher – und erst noch mehr als zu diesem Zeitpunkt üblich.

Lukas Nussbaumer
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Wer sich trotz anderslautender Empfehlungen draussen aufhält, kann sie weder übersehen noch überhören: die Bauern, die derzeit besonders viel zu tun haben. Und zwar nicht nur die im Kanton Luzern am stärksten verbreiteten Milchbauern, die bereits ihre Wiesen mähen und das Futter in Silos transportieren. Auch Ackerbauern oder solche mit Spezialkulturen haben Hoch­saison. Es werden Kartoffeln gesetzt, und es wird Gemüse geerntet. Von Coronakrise bei den Landwirten also keine Spur?

Die Nachfrage nach Kalbfleisch ist eingebrochen. Das führt zu tieferen Preisen für Landwirte, die dadurch in finanzielle Nöte geraten können.

Die Nachfrage nach Kalbfleisch ist eingebrochen. Das führt zu tieferen Preisen für Landwirte, die dadurch in finanzielle Nöte geraten können.

Bild: PD

Mitnichten. So fehlen landesweit Hunderte von auslän­dischen Erntehelfer. Und, vom wirtschaftlichen Aspekt her noch bedeutender: Die Preise für Schlachtkühe, Mastkälber und Schweine sind so tief, dass sie kaum mehr die Kosten decken. Dazu haben die Bauern Mühe, ihre Tiere dem Metzger übergeben zu können. Schlachtbetriebe verarbeiten aktuell mangels Nachfrage der Gastrobetriebe nur noch einen Bruchteil der Tiere. Als Folge bleiben Kälber länger auf den Höfen, müssen länger versorgt werden – und ihr Fleisch ist wegen des späteren Schlachtzeitpunkts teils erst noch weniger wert. Deshalb können Bauern in Liquiditätsengpässe geraten.

Dazu kommt: Es fallen auch Einkommen aus Besenbeizen, aus Events auf Bauernhöfen oder aus dem Agrotourismus weg. Dass Bauern plötzlich über weniger flüssige Mittel verfügen, kann demnach ebenso gut eine Folge sein von fehlenden Einnahmen aus Nebenerwerbstätigkeiten im Gastro- und Tourismusbereich oder im Kontroll­wesen (siehe Kasten am Ende des Beitrags).

Das Geld fliesst früher, aber die Summe bleibt gleich

Damit schnell wieder flüssige Mittel bereitstehen, überweist die Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern die Akontozahlung der Direktzahlungen des Bundes heuer bereits am 19. Mai. Üblicherweise erfolgen die Zahlungen einen Monat später. Doch nicht nur das ist in diesem Jahr anders: Statt 50 Prozent des Betrags werden 60 Prozent ausbezahlt. Annatina Bühler, Fachbereichsleiterin Direktzahlungen bei der Dienststelle, rechnet mit rund 130 Millionen, die in etwas mehr als einem Monat überwiesen werden. Total erhalten die 4200 direktzahlungsberechtigten Luzerner Betriebe pro Jahr 214 Millionen Franken. Fast die ganze Summe stammt vom Bund. Mehr Geld als gewohnt gibt es allerdings nicht: Die zweite Tranche, also die Hauptzahlung Anfang Oktober, wird entsprechend tiefer ausfallen.

Die frühere Zahlung stellt die Dienststelle vor keine grösseren Probleme, wie Bühler sagt. «Zum Teil müssen wir etwas Druck ausüben, um die notwendigen Daten zu erhalten.» Sie und die meisten ihrer Arbeitskollegen arbeiten zu Hause, denn man sei technisch gut gerüstet für die Abwicklung der Zahlungen.

Mehr Zeit für die Rückzahlung von Krediten

Gut vorbereitet ist auch Samuel Brunner. Der Geschäftsführer der Landwirtschaftlichen Kreditkasse ist zuständig für Kre­dite und Betriebshilfedarlehen an Luzerner Landwirte. Auch damit werden Liquiditätsprobleme gelöst. So kann etwa die jährliche Abzahlungsrate für Kredite für ein Jahr gestundet werden. «Wir werden diese Mög­lichkeit in der jetzigen Situation sicher grosszügig anwenden», sagt Brunner. Auch mit zinslosen Darlehen für unverschuldet in finanzielle Not geratene Bauern hilft die Kredit­kasse aus.

Kurzarbeit bei Kontrollstelle

Vorschriften

Die Auszahlung von Direktzahlungen an Landwirte ist an Bedingungen geknüpft, deren Einhaltung regelmässig und unangemeldet kontrolliert wird. Im Kanton Luzern ist die Dienststelle Landwirtschaft und Wald zuständig. Sie führt selber keine Kontrollen durch, sondern hat diese an fünf akkreditierte Stellen delegiert. Die grösste Inspektionsstelle im Kanton Luzern ist die Qualinova AG aus Gunzwil. Sie kontrolliert mehr als 3600 Luzerner Betriebe und einige hundert in den Kantonen Uri und Obwalden. Unangemeldete Kontrollen kann sie nun auf Empfehlung der Dienststelle keine mehr  durchführen. Diese rund 500 Kontrollen werden laut stellvertretendem Geschäftsführer Lukas Kneubühler «nach Möglichkeit nachgeholt». Das gilt auch für die in diesem Jahr geplanten rund 2600 Kontrollen, die vorgängig angemeldet werden.

Diese Ausfälle und die sistierten Kontrollen im privatrechtlichen Bereich – etwa das Überprüfen der Anforderungen für Labels – haben die Qualinova-Geschäftsleitung nun dazu bewogen, Kurzarbeit zu beantragen. Für einige der 29 in Teilpensen oder im Stundenlohn angestellten Kontrolleure sei das Nebeneinkommen existenziell wichtig. Auch für die neun Festangestellten der Geschäftsstelle, die hauptsächlich mit der Kontrolladministration beschäftigt sind, hat die Qualinova Kurzarbeit beantragt.
Weiter durchgeführt werden gemäss Auftrag der Vollzugsstellen Kontrollen bei dringendem Verdacht gegen eine Verletzung der Tierschutz- oder Gewässerschutzvorschriften. (nus)

Bis jetzt wird Brunner von Anfragen nicht überrannt. Doch das könnte sich ändern, weil sich die Lage für einen Grossteil der Luzerner Bauern, die auf die Milch- und Fleischwirtschaft setzen, verschlimmern könnte. Bereits erfasst hat die Krise jene Landwirte, die im Agrotourismusbereich tätig sind oder die ihre Produkte nicht an Messen verkaufen können. Für sie stehen zudem die zinslosen Überbrückungskredite des Bundes bereit, die via Hausbank auch anderen Wirtschaftszweigen gewährt werden.

Die Kreditkasse verteilt pro Jahr rund 35 Millionen Franken an die Luzerner Bauern. Ziel ist nicht nur das Leisten von Not­hilfe, sondern auch eine Entschuldung. Die Luzerner Landwirte sind im Vergleich mit Berufs­kollegen in anderen Kantonen nämlich sehr stark verschuldet: Jeder hiesige Bauer trägt eine Schuldenlast von etwa 850'000 Franken.