Luzerner Bauern fürchten die Afrikanische Schweinepest
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Luzerner Bauern fürchten die Afrikanische Schweinepest

Der Bund stuft die Gefahr für Schweine durch die Afrikanische Schweinepest als gross ein. Im Kanton Luzern wird nun der Ernstfall simuliert.

Text: Susanne Balli / Grafik: Oliver Marx
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Während die Welt aufgrund des Coronavirus besorgt nach China schaut, tritt eine gefährliche Tierseuche in den Hintergrund. Dabei ist die Afrikanische Schweinepest (ASP) so nahe an der Schweiz wie noch nie. Der Bund schätzt die Gefahr, dass die für Schweine tödliche Krankheit auch in der Schweiz auftreten kann, als gross ein und hat die höchste Gefahrenstufe ausgerufen. So werden derzeit konkrete Massnahmen zum Schutz der Schweizer Tierbestände getroffen.

Der Kanton Luzern ist seit Längerem dabei, sich für die Afrikanische Schweinepest zu rüsten. «Wir nehmen die Gefahr, dass die Tierseuche in die Schweiz kommen könnte, sehr ernst. Grundsätzlich müssen wir damit rechnen, dass ein erster Fall in der Schweiz nachgewiesen wird. Das Virus  könnte schon morgen irgendwo sein», sagt Kantonstierarzt Martin Brügger.

Im Kanton leben mehr Schweine als Menschen

Die Alarmbereitschaft hat besonders im Kanton Luzern ihre Berechtigung. Denn Luzern wäre von einem Ausbruch der ASP stark betroffen. Gemäss Agrardatenerhebung werden im Kanton Luzern rund 30 Prozent aller Schweine der Schweiz gehalten. Gemäss Lustat Statistik waren es im Jahr 2018 434 523 Schweine. Zum Vergleich: Die ständige Wohnbevölkerung des Kantons Luzern lag 2018 bei 409 557 Personen.

Suisseporcs, das Dienstleistungs- und Kompetenzzentrum der Schweizer Schweinebranche mit Sitz in Sempach, schätzt die wirtschaftliche Gefahr für Schweinebauern durch die ASP bei einem Ausbruch denn auch als sehr gross ein, wie Raphael Helfenstein, Agrotechniker HF bei Suisseporcs, sagt. Die Schweizer Schweinehaltung generiert laut Helfenstein eine jährliche Wertschöpfung auf Stufe Produktion von rund 900 Millionen Franken. Rund 268 Millionen Franken oder 27 Prozent des Gesamtproduktionswertes der Luzerner Landwirtschaft werden mit der Schweinehaltung erwirtschaftet. Im Extremfall würde ein Ausbruch der ASP für die Schweinehalter im Kanton Luzern einen enormen Wertschöpfungsverlust bedeuten», sagt Helfenstein.

Auch für die einzelnen Schweinehalter wäre ein Ausbruch der ASP «für ihre wirtschaftliche Existenz dramatisch. Für einen Zucht-Mastbetrieb würde ein Ausbruch eineinhalb bis zwei Jahre Totalausfall der Einnahmen bedeuten», sagt Helfenstein. Zwar sei der Tierwert bei einem Totalausfall zu 90 Prozent versichert aus der kantonalen Tierseuchenkasse. «Der Betriebsausfall ginge aber vollumfänglich zu Lasten des Betriebsleiters und seiner Familie.»

Grafik: Die wichtigsten Verbreitungswege

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Bauernverband befürchtet Imageschaden

Auch Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands sagt, der Verband sehe in der ASP «eine reelle Gefahr, die man nicht wegreden kann». Er befürchtet bei einem Nachweis der Krankheit in der Schweiz einen grossen Imageschaden für das Schweinefleisch. «Derzeit entwickelt sich die Preisbildung in diesem Bereich erfreulich. Wir haben grossen Respekt davor, dass durch die ASP der Verkauf und Konsum von Schweinefleisch stark zurückgehen könnten, auch wenn das Fleisch eines infizierten Tieres bedenkenlos gegessen werden kann», sagt Heller.

Umso wichtiger ist es für den Kanton Luzern, im Ernstfall gut gerüstet zu sein. Derzeit setzt der Kanton das ASP-Früherkennungsprogramm bei Wildschweinen um, und der Veterinärdienst arbeite die Details zur Umsetzung der technischen Weisungen des Bundes zur ASP – zusammen mit den Abteilungen Jagd, Landwirtschaft und Wald der Dienststelle Landwirtschaft – aus.

Luzern hat bereits vor zirka vier Jahren ein Früherkennungsprogramm etabliert. Dieses wird aktuell im Rahmen des Früherkennungsprogramm des Bundes weitergeführt. Bei einem Ausbruch der ASP im Wildschweinbestand sind in den technischen Weisungen insbesondere drei Massnahmen vorgesehen: Einrichtung eines Rückzugsraums für die Wildschweine, um eine weitere Übertragung zu verhindern, Auffinden und Beseitigen der Wildschweinkadaver – und falls erforderlich – eine intensive Bejagung der Wildschweine.

Ernstfall wird derzeit simuliert

Um den Ernstfall bei einem Ausbruch bei Hausschweinen zu simulieren, läuft laut Kantonstierarzt Martin Brügger zur Zeit eine theoretische Seuchenübung im Kanton Luzern. «Alle Beteiligten, die irgendwie involviert sind, spielen das Szenario durch», so Brügger. Dabei gehe es aber nicht um die Frage, wie ein Betrieb mit einem ASP-Fall saniert werde, sondern um alle notwendigen Massnahmen rundherum, wie zum Beispiel die Organisation des Tierverkehrs oder von Schlachtungen in den zu bildenden Schutz- und Überwachungszonen.

Involviert in die Übung sind Vertreter des Bundes und des Kantons aus dem Veterinärwesen, Tierärzte und Vertreter der Schlachtbetriebe sowie der gesamten Schweinebranche. Mit dem theoretischen Durchspielen des Ernstfalls werde geschaut, ob alle nötigen Hilfsmittel im Kampf gegen die Tierseuche vorhanden seien, damit rasches Handeln gewährleistet sei. Laut Brügger dauert die Übung bis Mitte Februar und wird dann ausgewertet.

Die grösste Gefahr, dass die ASP in die Schweiz eingeschleppt wird, geht laut Brügger vom Menschen aus, weil die alleinige Ausbreitung durch Wildschweine pro Jahr nur sehr langsam von Osten her voranschreite. «Aus unserer Sicht sind für den Kanton Luzern nicht die Wildschweine das Problem», sagt er. Denn es gibt nach wie vor nur vereinzelt Wildschweine im Kanton Luzern. Zwar will das Astra entlang der Autobahn A 2 drei Wildtierpassagen umsetzen. Eine Wildtier-Unterführung ist derzeit bei Knutwil in Bau. «Wildtierübergänge könnten jedoch beim Auftreten von ASP-Fällen wieder geschlossen werden.»

Hingegen könnte die ASP jederzeit durch den Menschen in den Kanton eingeschleppt werden. Zum Beispiel durch illegalen Import von infiziertem Fleisch oder auch unabsichtlich. «Dies zeigen die ASP-Fälle in Belgien, das weit entfernt ist von anderen betroffenen Ländern.» Es würde reichen, den Erreger ins Land einzuschleppen, indem beispielsweise ein Lastwagenchauffeur aus einem Gebiet mit ASP Reste eines kontaminierten Schinkensandwiches aus dem Fenster wirft und dieses von einem Wildschwein gefressen wird. Dieses «Sandwichszenario» wäre laut Brügger durchaus ein möglicher Übertragungsweg.

Hygienemassnahmen verhindern Ausbreitung

So gross die Gefahr durch ASP ist, betont Brügger: «Eine Verschleppung in einem Betrieb mit Hausschweinen kann mit relativ einfachen Mitteln vermieden werden. Die von den Schweinehaltern üblicherweise durchzuführenden Hygienemassnahmen reichen bereits, um eine mögliche Ausbreitung zu verhindern.» So sei es zum Beispiel wichtig, beim Betreten eines Schweinestalls saubere Kleider und Stiefel zu tragen und fremden Menschen ohne entsprechende Hygienemassnahmen keinen Zutritt in den Schweinestall zu gewähren. Schweine, die Auslauf haben, können zudem mit einem doppelten Zaun geschützt werden, um allfällige Kontakte mit Wildschweinen auszuschliessen.

Hintergrund: Die ASP ist tödlich für Haus- und Wildschweine 

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist eine Viruserkrankung, die Haus- und Wildschweine befällt und bei diesen Tieren meist innerhalb kurzer Zeit tödlich endet. Der Mensch ist durch das Virus nicht gefährdet. Die Tiere haben Symptome wie hohes Fieber, Hautblutungen, Durchfall, Aborte, Fressunlust und schlechte Mastleistung. Es kommt zu plötzlichen Todesfällen im Bestand. Es gibt weder einen Impfstoff gegen das Virus noch Behandlungsmöglichkeiten. Ist ein Schwein im Stall befallen, muss der ganze Bestand getötet werden.

Das ASP-Virus ist extrem widerstandsfähig und überlebt über mehrere Monate, zum Beispiel in Wurst- und Fleischwaren, Kadavern, Blut oder auch in der Umwelt. Das Virus kann über mehrere Übertragungswege in einen Schweinebestand gelangen. Zum Beispiel über das Verfüttern von Speiseresten von kontaminierten Fleisch- und Wurstwaren. Es kann aus dem Ausland auch in die Schweiz zu Schweinen gelangen über kontaminierte Transportfahrzeuge, Futter, Stroh, Kleidung, Schuhe, Stiefel sowie Jagdausrüstung und -trophäen. Zudem können infizierte Wildschweine in Kontakt mit Hausschweinen kommen.

Gemäss dem aktuellsten Radarbulletin des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) bleibt das ASP-Geschehen in Westpolen, wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, beunruhigend. Die Zahl der ASP-infizierten Kadaver ist seit Bekanntwerden des ersten Falles deutlich gestiegen. Die meisten Fälle der ASP in Europa wurden im Dezember in Polen, Ungarn Bulgarien und Rumänien verzeichnet. Weitere betroffene Länder sind unter anderem Litauen, Lettland und die Slowakei. Belgien, wo auch ASP-Fälle nachgewiesen wurden, scheint die Lage mittlerweile unter Kontrolle zu haben.

Besorgniserregend ist laut BLV aber auch die Situation in Asien. Besonders hart getroffen hat es China, wo wegen der Tierseuche Millionen von Schweinen getötet werden mussten. Mittlerweile ist das Virus auch in Indonesien angekommen. Der Inselstaat ist mittlerweile das elfte asiatische Land neben China, Laos, Kambodscha, der Mongolei, Myanmar, Nordkorea, Ost-Timor, den Philippinen, Südkorea und Vietnam, das von ASP betroffen ist.

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