Luzerner Chef soll seine Assistentin zum Sex gezwungen haben – Freispruch

Ein 64-jähriger Chef einer Luzerner Firma musste sich wegen sexueller Nötigung vor dem Luzerner Kriminalgericht verantworten. Er hatte Sex mit seiner Assistentin – gegen ihren Willen, wie die Frau an der Verhandlung aussagte.

Roger Rüegger
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Auf einer Geschäftsreise nach Deutschland haben ein heute 64-jähriger Schweizer und seine ehemalige Assistentin (38) im selben Hotel übernachtet. Nach mehrstündiger Autofahrt assen die beiden gemeinsam zu Abend und bezogen danach separate Zimmer. Später begab sich die Frau zu ihrem Vorgesetzten. Es kam zu sexuellen Handlungen.

Was sich in der Nacht vom 21. November 2013 genau zugetragen hatte, ist unklar. Die Frau beschuldigt den Mann, sie gegen ihren Willen zum Beischlaf genötigt zu haben. Rund zehn Monate später zeigte sie den Mann an. Die Staatsanwaltschaft beantragte am Luzerner Kriminalgericht gestern eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten wegen versuchter Vergewaltigung und mehrfacher sexueller Nötigung. Der Beschuldigte verteidigte sich bei der Beweisaufnahme:

«Es war Sex zwischen zwei Erwachsenen. Ich glaubte, dies sei im gegenseitigen Einverständnis geschehen. Und das glaube ich auch heute noch.»

Laut Anklage hat der Geschäftsführer einer Luzerner Firma die Frau im Hotelzimmer aufgefordert, ihm ihre Brüste zu zeigen. Dann packte er sie an ihrer Jacke. Die Frau, die von den Richtern als Auskunftsperson mit Opferstellung befragt wurde, stiess die Hand des Mannes weg und sagte, sie wolle das nicht. Der Beschuldigte soll entgegnet haben, sie solle sich nicht so anstellen und sie danach rasch ausgezogen haben. Wie er sie entkleidet habe, könne sie nicht detailliert schildern, meinte die Frau.

Er habe ihr gedroht, ihr Umfeld und die Familie zu zerstören, wenn sie von dem Vorfall jemandem erzähle. Der Mann gab zu, einen Fehler gemacht zu haben, jedoch kein Verbrechen:

«Der Chef geht mit der Assistentin ins Bett, ein dümmeres Vergehen gibt es nicht.»

Ein schlechtes Gewissen habe er nicht, verheimlichen müsse er auch nichts. Er habe keine Partnerin.

Drei Tage später kam es in der Firma zu weiteren sexuellen Handlungen. Laut Anklage wollte der Beschuldigte wieder die Brüste der Frau sehen. Er soll ihr gedroht haben, sie wisse ja, wie die Zukunft aussehen könne. Dann soll er ihr gegen ihren Willen den Pullover und die Hosen ausgezogen haben und sie auf ein Pult geschubst haben. Dann verliess er das Büro und kam mit zwei Kissen retour, damit die Frau es bequemer habe. Auf die Frage der Richter, warum sie die Gelegenheit nicht zur Flucht genutzt habe, antwortete sie, der Beschuldigte habe sie abgefangen, bevor es ihr gelungen sei.

Während Jahren ein gutes berufliches Verhältnis

Laut dem Verteidiger begaben sich der Beschuldigte und die Frau einige Zeit nach der ersten Geschäftsreise erneut zu einem mehrtägigen Meeting: «Wenn sich die beiden Vorfälle so zugetragen hätten, wie die Frau sie schildert, wäre sie nicht wieder mit ihm mitgegangen.» Er beantragte einen Freispruch.

Der Beschuldigte und die Frau hatten während drei Jahren ein sehr gutes berufliches Verhältnis, wie beide betonten. Als die Firma im Sommer 2013 eine Strukturveränderung vornahm, wurde die Frau versetzt. Ihre Stelle wurde durch eine qualifiziertere Kollegin besetzt. Sie hatte ihren Traumjob verloren.

Angesichts der schwere der Vorwürfe stellten ihr die Richter unangenehme Fragen. Warum sie sich niemandem anvertraut habe oder ob sie persönliches Interesse am Urteil habe. Die Frau sagte, sie habe sich geschämt und hoffe auf Gerechtigkeit.

Das Kriminalgericht sprach den 64-Jährigen schliesslich frei. «Die Aussagen des Beschuldigten waren glaubwürdiger als jene der Frau. Ihre Argumente waren teilweise schwer nachvollziehbar», teilte die Gerichtspräsidentin mit.