Interview

Luzerner Chefbeamter: «Windräder werden Teil der Landschaft»

Das Potenzial von Windenergie ist im Kanton Luzern höher als angenommen. Jürgen Ragaller von der kantonalen Dienststelle Umwelt und Energie erklärt, was diese Erkenntnis für die Stromproduktion und die Bevölkerung bedeutet.

Christian Glaus
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Der Kanton Luzern verfügt über ein hohes Potenzial für Windenergie. Im Bild: Die Anlage Lutersarni der CKW in Entlebuch.Bild: Roger Grütter (2. November 2019)

Der Kanton Luzern verfügt über ein hohes Potenzial für Windenergie. Im Bild: Die Anlage Lutersarni der CKW in Entlebuch.Bild: Roger Grütter (2. November 2019)

Der Bund will den Anteil der erneuerbaren Energien massiv steigern, auch jenen der Windenergie. 2050 soll sieben bis zehn Prozent des Energieverbrauchs mit Windenergie gedeckt werden. Heute sind es 0,2 Prozent. Dazu ist der Bau von rund 600 Anlagen nötig. Einen massgeblichen Beitrag kann der Kanton Luzern leisten, wie dem Konzept Windenergie des Bundes zu entnehmen ist.

Luzern ist aus dem Mittelfeld aufgestiegen und gehört nun zu den acht Kantonen mit dem grössten Potenzial. Mehrere Faktoren führten dazu. Unter anderem wurden die Windstärken im Kanton Luzern vom Bund bisher zu tief eingeschätzt. Auch wurden für die Berechnung Turbinen mit höherem Ertrag berücksichtigt. Jürgen Ragaller von der kantonalen Dienststelle Umwelt und Energie erklärt, was die Heraufstufung für den Kanton Luzern bedeutet.

Gemäss Bund ist das Potenzial für Windenergie im Kanton Luzern höher als bisher angenommen. Überrascht Sie das?

Jürgen Ragaller: Nein, dass es eine Veränderung der Potenzialeinschätzung geben würde, haben wir erwartet. Wichtig ist zu erkennen, dass der Bund die Interessen der Bevölkerung, der Gemeinden, Regionen und des Kantons sowie von Windenergiepromotoren und Verbänden noch nicht berücksichtigt hat. Nicht an jedem Standort, der als geeignet erscheint, wird letztlich auch ein Windrad gebaut.

Luzern gehört nun zu den acht Kantonen mit dem grössten Potenzial. Was sind die Folgen?

Wir sind uns der daraus entstehenden Verantwortung durchaus bewusst und haben erkannt, dass wir unser eigenes Windenergiekonzept erneuern müssen. Dieses bildet eine wichtige Grundlage für die Revision des kantonalen Richtplans ab Mitte 2020. Teil der Aktualisierung des Windenergiekonzepts ist auch das Setzen eines Ausbauziels für die Windenergieproduktion. Der Kanton Luzern will den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch auf Kantonsgebiet bis 2030 auf 30 Prozent verdoppeln.

Welche Regionen gelten neu als geeignet, die Sie bisher für den Bau von Windenergieanlagen nicht in Betracht gezogen haben?

In einer ersten Analyse sehen wir vor allem ein höher eingeschätztes Potenzial im Bereich des Luzerner Mittellands. Hingegen wurden die meisten Potenzialgebiete im Bereich des Entlebuchs bereits 2011 erkannt.

Heisst das, dass künftig Windräder das Landschaftsbild im ganzen Kanton dominieren werden?

Windturbinen werden bei einem Ausbau der Windenergie ein Teil unseres Landschaftsbilds sein. Dies ist beispielsweise im Entlebuch bereits der Fall. Es geht aber nicht darum, Windräder zu einem alles dominierenden Element der Landschaft zu machen. Bei der Überarbeitung unseres Windenergie-konzepts berücksichtigen wir rund 50 Ausschluss- und Vorbehaltskriterien. Um sicherzustellen, dass nicht Einzelanlagen dominieren, streben wir an geeigneten Standorten das Errichten von Windparks mit mindestens drei Anlagen an.

Geeignete Standorte gäbe es im Napfgebiet – eine geschützte Landschaft. Können Sie sich dort einen Windpark vorstellen?

Ob im Napf ein Windpark erstellt werden kann, muss schlussendlich die Luzerner und die Berner Bevölkerung entscheiden. Ich persönlich kann mir keinen Windpark auf dem Napf vorstellen. Der Napf ist ein Berg, der das Erscheinungsbild der Napflandschaft prägt und auch schweizweit bekannt ist. Bei Vorliegen eines hohen Potentials ist aber auch hier das nationale Interesse am Landschaftsschutz gegenüber dem nationalen Interesse an der Energieproduktion abzuwägen.

Die Einschätzung des Potenzials ist das eine, dessen Nutzung das andere. Im Kanton Luzern geht es mit dem Bau von Windrädern nicht vorwärts. Woran liegt’s?

Jedes Vorhaben muss sorgfältig projektiert und schrittweise geplant werden. Dazu gehört ein vollständiger Einbezug aller Interessen und die Anwendung der raumplanerischen und baurechtlichen Verfahren. Man rechnet in der Schweiz mit einer Planungszeit von zirka acht Jahren. Ein wichtiges Hemmnis ist derzeit wirtschaftlicher Natur. Ohne substanzielle Förderung ist im heutigen finanziellen Umfeld jede Produktionsmethode von Energie unrentabel. Der Bundesrat hat dies erkannt und möchte zusätzliche Fördermittel bereitstellen.

Wir müssen erneuerbare Energien fördern, doch wenn ein Projekt konkret wird, stösst es auf Ablehnung. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

So pauschal stimmt das nicht. Tatsächlich wehren sich manche Kreise generell gegen Windenergie. Es gibt aber auch gut abgestützte Projekte, die akzeptiert auf gutem Weg zur Realisierung sind. Umfragen haben sogar gezeigt, dass 75 Prozent der Anwohner von Windparks in der Schweiz die Windenergienutzung befürworten.

Trotzdem: Anwohner und Landschaftsschützer bekämpfen geplante Anlagen oft vehement – und teils auch erfolgreich. Was braucht es, damit die Akzeptanz steigt?

Es ist in der Regel nur ein kleiner Teil der Anwohner, der einen Windpark bekämpft. Nichtsdestotrotz müssen sich nun alle Seiten bewegen, damit der Ausbau möglich wird.

«Windstrom ist von besonderer Bedeutung für das Energiesystem, da die Produktionsspitzen vor allem im Winter anfallen, einer Zeit mit hohem Bedarf und niedriger Produktion von Solarstrom.»

Ein Projekt in Fischbach ist seit Jahren blockiert, in Kulmerau ist eines gescheitert. Gibt es auch Projekte, die voranschreiten?

Beim Projekt in Fischbach zeichnet sich möglicherweise eine Deblockierung ab. Zudem gibt es im Kanton diverse weitere Projekte, die – in verschiedenem Projektierungsstand – auf Kurs sind.

Ist ein Ausbau realistisch, wenn man bedenkt, dass der Bau neuer Anlagen seit Jahren stockt?

Unsere Gesellschaft erkennt immer deutlicher, dass es höchste Zeit ist, wirksame Klimaschutzmassnahmen zu ergreifen. Dazu gehört ein zügiger Umbau unseres Energiesystems und der Ausbau der neuen erneuerbaren Energien.

Das Potenzial von Sonnenenergie ist hoch und ebenfalls noch nicht ausgeschöpft, die Akzeptanz von Solaranlagen ist aber grösser. Macht es da überhaupt Sinn, Energie für den Bau neuer Windräder aufzuwenden, die dann sowieso nur bekämpft werden?

Die Produktionsspitzen von Windenergie liegen im Herbst und im Winter. In dieser Zeit geht die Solarstromproduktion zurück, während der Strombedarf vergleichsweise hoch ist. Damit ist der Windstrom besonders kostbar und wird in Zukunft vermutlich auch zu marktgerechten Preisen rentabel produziert werden können.

Jürgen Ragaller (51) leitet seit 2018 die Abteilung Energie und Immissionen der kantonalen Dienststelle Umwelt und Energie. Der Zürcher ist ursprünglich Biologe und hat sich das Fachwissen im Bereich Energie und Umwelttechnik in einem Zweitstudium angeeignet.

Spannungsfeld der Windenergie

Die Centralschweizerische Kraftwerke AG (CKW) ist der grösste Stromkonzern der Zentralschweiz. Das Unternehmen hat derzeit ein einziges Windprojekt am Laufen: Es ist an jenem auf dem Lindenberg beteiligt, wo vier Windräder erstellt werden sollen. Ein Projekt in der Nähe von Triengen wurde wegen des Widerstands aus der Bevölkerung gestoppt.

Windenergieanlagen könnten nur dank Förderbeiträgen des Bundes wirtschaftlich betrieben werden, erklärt Paul Hürlimann, Leiter neue Energien der CKW, auf Anfrage. Ein Rechenbeispiel: Jeder Stromverbraucher zahlt pro Kilowattstunde Strom einen Netzzuschlag von 2,3 Rappen. Davon stehen 1,5 Rappen für die Förderung erneuerbarer Energien zur Verfügung. «Die Produktionskosten eines Windparks sind durch Fördergelder zu 50 bis 75 Prozent gedeckt», erklärt Hürlimann. Die restlichen Einnahmen ergeben sich aus dem Verkauf des Stroms am Markt.

Dass in den letzten Jahren in der gesamten Schweiz keine neuen Windparks erstellt wurden, liege unter anderem am langwierigen Planungsprozess von acht bis zehn Jahren, so Hürlimann. Er ortet aber noch ein weiteres Problem: «Langfristige Verzögerungen ergeben sich auch durch Konflikte infolge unterschiedlichster Interessen im Zusammenhang mit einem Windprojekt.» Die unterschiedlichen Interessengruppen wie Anwohner oder Schutzverbände müssten zu einem Kompromiss zu Gunsten einer umweltfreundlichen Energieproduktion bereit sein, sagt Hürlimann. Hier seien Politik und Behörden gefordert, «sich aktiv in eine sachliche Diskussion zur Windenergie einzubringen». Die Rolle der Windenergie in der Energiestrategie des Bundes müsse geschärft und die Vor- und Nachteile transparent aufgezeigt werden. Doch auch die Stromkonzerne können laut Hürlimann einen Beitrag leisten: «Auf Projektebene lohnt sich ein Prozess, bei welchem alle relevanten Ansprechgruppen mitarbeiten. So machen wir es aktuell bei unserem Projekt auf dem Lindenberg.» (cgl)