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Frauenanteil in der Politik: «Die Bewegung der Gleichstellung stagniert»

Frauen sind in politischen Ämtern deutlich untervertreten. Ihr Anteil könnte im Kanton Luzern aber steigen – zumal so viele Frauen bei den Kantonsratswahlen antreten wie noch nie. Die Luzerner Politologin Gesine Fuchs glaubt aber nicht an einen Selbstläufer.
Roseline Troxler
Anlass des Netzwerks Frauen Luzern – Politik im Kantonsratssaal. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 28. Januar 2019)

Anlass des Netzwerks Frauen Luzern – Politik im Kantonsratssaal. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 28. Januar 2019)

Am 8. März ist der internationale Frauentag. Just an diesem Tag findet in der Stadt Luzern ein Podium des überparteilichen Komitees «Nicht ohne uns» statt. Es setzt sich dafür ein, dass die Grüne Politikerin Korintha Bärtsch in den Luzerner Regierungsrat gewählt wird und nach vier Jahren wieder eine Frau in der Regierung Einsitz nimmt (mehr Informationen dazu weiter unten).

Korintha Bärtsch ist die einzige Kandidatin – neben acht Männern. Anders sieht es bei den Interessenten für den Kantonsrat aus. Es kandidieren 315 Frauen – so viele wie noch nie. Politologin Gesine Fuchs von der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit forscht und lehrt seit Jahren zur politischen Partizipation von Frauen und zur Gleichstellungspolitik.

Wie steht es um die politische Partizipation von Frauen in der Schweiz?

Gesine Fuchs: Die Bewegung der Gleichstellung stagniert seit 2000. Noch immer sind erst ein Viertel bis ein Drittel der politischen Ämter von Frauen besetzt.

Der Frauenanteil könnte sich im Luzerner Kantonsparlament nun aber erhöhen, zumal der Anteil der Kandidatinnen bei 39,3 Prozent liegt – so hoch wie noch nie.

Dass so viele Personen und darunter so viele Frauen kandidieren, ist erfreulich. Tatsache ist aber, dass sich der Frauenanteil in den letzten zwanzig Jahren kaum erhöht hat.

Wie sieht es mit der Frauensolidarität aus: Wählen Frauen denn auch Frauen?

Hierzu gibt es für die Schweiz leider keine repräsentative Statistik. Dass die Solidarität von Frauen spielen kann, zeigte sich allerdings bei der gescheiterten Bundesratswahl der Gewerkschafterin Christiane Brunner im März 1993. Sie löste eine Protestwelle der Frauen aus. Bei den darauffolgenden Wahlen wurden viele Männer auf den Listen gestrichen und durch Frauen ersetzt. Ihr Anteil in den Parlamenten stieg an.

Bei den Regierungsratswahlen gibt es mit Korintha Bärtsch nur eine Kandidatin. Wo sehen Sie die Gründe?

Interessierte Frauen müssen zunächst mal aktiv in einer Partei werden, und dann auch dort für ein Amt nominiert werden. Hierfür brauchen sie die Unterstützung der Männer. Ausserdem fehlt es teils an transparenten Nominationsprozedere. Quotenregelungen können helfen.

Im Kanton Luzern gibt es das Netzwerk «Frauen Luzern – Politik», bei dem Frauen verschiedenster Parteien sich für mehr Frauen in der Politik einsetzen: Ist ein solcher Ansatz zielführend?

So ein überparteilich abgestütztes Netzwerk ist eine gute Sache. Denn bei der Vertretung der Frauen handelt es sich nicht um das Anliegen einer Partei, sondern es geht darum, die Demokratie zu leben.

Braucht es eine Veränderung von unten oder von oben?

Jede bedeutsame Veränderung kommt von unten, von der Basis. Aber ein glaubwürdiges Bekenntnis der Spitze kann dennoch helfen.

Welches sind mögliche Hürden für Frauen, sich politisch zu engagieren?

Frauen trauen sich weniger zu als Männer. Sie haben heute einen grösseren Druck, gut ausgebildet, erfolgreich im Job sowie im Privatleben zu sein. Ein politisches Engagement konkurrenziert diese Ziele. Ausserdem braucht es auch Männer, die den Frauen politische Ämter zutrauen. Eine Hürde zeigt sich zudem im Majorzwahlsystem. So ist der Frauenanteil bei Proporzwahlen wie beim Kantonsrat deutlich höher als bei Majorzwahlen, die etwa beim Regierungsrat zur Anwendung kommen.

Welchen Herausforderungen stehen gewählte Politikerinnen gegenüber?

Studien zeigen, dass auch in Europa noch immer viele Parlamentarierinnen von sexistischen Beleidigungen betroffen sind. Dies entmutigt und behindert viele Frauen im Amt.

Morgen ist der internationale Frauentag: Braucht es diesen Tag heute überhaupt noch?

Natürlich. Wir brauchen schliesslich auch immer noch einen 1. Mai. Die tatsächliche Gleichstellung ist noch nicht erreicht. Der 8. März ist ein Kampf- und Feiertag. Es ist wichtig, dass wir überdenken, wo wir stehen – auch im internationalen Vergleich. Heute herrscht die Meinung vor, dass wir auf Kurs sind, insbesondere weil die Frauen gut ausgebildet und selbstbewusst sind. Das Vertrauen auf eine automatische Entwicklung ist aber ein Trugschluss. Stereotypen und Strukturen verhindern noch immer eine tatsächliche Gleichstellung.

Die Luzerner Politologin Gesine Fuchs. Bild: PD

Die Luzerner Politologin Gesine Fuchs. Bild: PD

Hinweis: Gesine Fuchs (51) ist Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Sie lehrt und doziert am Institut für Sozialpolitik, Sozialmanagement und Prävention. Zu ihren Forschungsprojekten gehört unter anderem eine nationale Studie zur Lohngleichheit.

Frauen diskutieren über Rollen und Stereotypen

Das Frauenkomitee «Nicht ohne uns», das breit abgestützt ist, will nach vier Jahren Männerregierung im Kanton Luzern wieder eine Frau im Regierungsrat. Es unterstützt die Kandidatur der Grünen Korintha Bärtsch. Das Komitee veranstaltet morgen ein Podium. Es diskutieren Stephanie von Orelli, Chefärztin des Stadtspitals Triemli und Waid Zürich, Barbara Terpoorten, Schauspielerin und Regisseurin, Patricia Wolf, Professorin Innovationsmanagement und ehemalige Leiterin des Zukunftlabors CreaLabs der Hochschule Luzern, sowie Korintha Bärtsch. Moderiert wird das Podium von Flurina Valsecchi, stellvertretende Chefredaktorin unserer Zeitung. Der Anlass beginnt um 19.30 Uhr im Kirchensaal MaiHof, Weggismattstrasse 9, Luzern. Nach dem Gespräch gibt es einen Apéro. (rt)

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