Luzerner entwickelt App zur Therapie von Lungenkranken: «Wir können Tausenden Menschen helfen» 

Der Escholzmatter Jonas Duss entwickelte mit seinem Team eine App zur Therapie von Lungenkranken. Mit der App «Kaia COPD Therapie» können sich User zu Hause selbst therapieren.

Pascal Linder
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Rund 400'000 Menschen in der Schweiz leiden an der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit COPD. Bei COPD-Patienten führt körperliche Anstrengung zu Atemnot. Der 29-jährige Jonas Duss aus Escholzmatt ist Geschäftsführer der Firma Kaia Health in den USA. Mit seinem Team entwickelte er nun eine App, mit der sich COPD-Patienten zu Hause selber therapieren und somit ihre körperliche Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität steigern können.

Auf der App «Kaia COPD Therapie» wird eine sogenannte pulmonale Rehabilitation vermittelt. Normalerweise wird diese Art von Therapie stationär durchgeführt und von Ärzten, Physiotherapeuten und weiteren Fachpersonen begleitet. Für Betroffene ist genügend Bewegung im Alltag unerlässlich. Auf der App werden Kraft, Ausdauer- und Mobilisationsübungen, wie auch Entspannungsübungen demonstriert.

Bild: PD

Zudem gibt es einen Wissensteil, wo zum Beispiel gezeigt wird, wie man einen Inhalator richtig anwendet. Somit können sich die Patienten zu Hause mit Hilfe der App selbst therapieren. Verschiedene Alltagstipps aus der App sollen das Leben der Betroffenen massiv erleichtern.

«Klinische Studien bestätigen die Wirksamkeit unserer App», erklärt Duss. Die konsequente Verwendung der App führe zu einer deutlich besseren körperlichen Leistungsfähigkeit. Eine Pilotstudie in Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital St.Gallen zeigt, dass sich bereits nach 20-tägiger Nutzung der App Erfolge einstellen. Gemäss dieser Studie fühlten sich die Patienten nach 20 Tagen besser in der Lage, mit der Krankheit umzugehen, waren weniger schnell müde und fühlten sich emotional stabiler.

App erkennt Bewegungen

Jonas Duss

Jonas Duss

Bild: PD

Bei den Physioübungen erhalten die Patienten direkte Rückmeldung von der App: Hierfür lässt man sich von der Handykamera beim Training filmen. Mittels Motion-Tracking-Technik erkennt die App, wenn der Patient eine Übung falsch ausführt, und informiert ihn dementsprechend. Die Intensität der Übungen wird stets an der Leistungsfähigkeit der Patienten angepasst. «Der Mensch als ganzheitlicher Therapeut kann nicht vollständig ersetzt werden, aber unsere App erkennt viele Haltungsfehler bei den Patienten», sagt Duss. Die Firma Kaia Health gilt als einer der globalen Marktführer in digitalen Therapien. Im Vergleich zu Konkurrenzprodukten würden ihre Motion-Tracking-Algorithmen auch auf älteren Betriebssystemen funktionieren, betont Duss.

Patienten therapieren sich in der Quarantäne

Kaia COPD Therapie ist als Medizinprodukt zertifiziert. Die App werde ähnlich wie ein Medikament von Krankenkassen und Ärzten verschrieben. Häufig decke die Krankenkasse die Kosten für die App. Duss sagt:

«Durch unsere App sind die potenziellen Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem enorm»

Mit der App könnten Leute erreicht werden, die sonst nicht zur Physiotherapie oder zur pulmonalen Rehabilitation gehen würden. COPD-Patienten gehören zur Risikogruppe beim Coronavirus. «Unsere App richtet sich an Risikopatienten, die unter den jetzigen Umständen ihr Leben riskieren, wenn sie rausgehen», so Duss. Im Zuge der Coronakrise mussten viele Physio- und Arztpraxen schliessen. Darum sei es umso wichtiger, dass sich die Patienten zu Hause in Quarantäne selbst therapieren könnten, sagt Duss. Er und sein Team konnten einige Physiotherapeuten für sich gewinnen: «Therapeuten, die momentan auf Kurzarbeit sind, motivieren und coachen unsere Patienten via App», erzählt er.

Die Nachfrage auf die COPD-App sei seit dem Ausbruch von Corona deutlich gestiegen. Auch eine andere App aus dem Hause Kaia Health boomt derzeit. «Unsere App ‹Kaia back pain› gegen Rückenschmerzen wurde an einem Tag 40 Prozent mehr genutzt, als normalerweise.» Duss führt dies auf die schlechten ergonomischen Bedingungen im Homeoffice zurück. Dadurch bekämen viele Rückenschmerzen.

«Die positiven Rückmeldungen der User motivieren mich»

Jonas Duss ist bestrebt täglich sein Bestes zu geben. Er investiere viel Zeit und Herzblut in das Projekt. Von den Usern bekäme er jeweils direkte Rückmeldung, was er als äusserst wertvoll betrachtet. «Meine grösste Motivation ist es zu wissen, dass wir mit unserer App tausenden Menschen helfen, ihre Lebensqualität und die Lebenserwartung zu erhöhen», sagt Duss

Drang zur Unabhängigkeit

Duss studierte in Zürich an der ETH Maschinenbau. «Ich hatte schon immer den Drang, unabhängig zu sein», sagt der 29-jährige Geschäftsführer von Kaia Health. Sein Vater hätte schon eine eigene Tierarztpraxis geführt. Die Idee zur COPD-App ist zusammen mit einem Freund im Rahmen eines Universitätsprojekts entstanden. Die beiden haben diese zuerst mit Usern und klinischen Partnerschaften in der Schweiz konzeptualisiert und dann mit Kaia Health in Deutschland und den USA weiterentwickelt.

New York im Ausnahmezustand

Das Unternehmen Kaia Health sitzt in München und in New York. Jonas Duss wohnt und arbeitet in New York. Der Escholzmatter erzählt von der Ausnahmesituation in Big Apple: «Es ist komisch, dass alle Strassen leer sind und nun alle Masken tragen. An dieses Bild muss man sich erst einmal gewöhnen». Man höre derzeit deutlich mehr Sirenen in der Stadt. Obwohl ihm das Leben in New York gefällt, vermisst Jonas Duss manchmal seine Luzerner Heimat: «Ich vermisse Luzern mal mehr, mal weniger». Besonders im Winter vermisse er die Skipisten in der Schweiz. In New York müsse er immer in einen Flieger steigen, wenn er einmal Skifahren will. «Früher oder später komme ich zurück», so der Jungunternehmer.

Hinweis: Die App findet man im Apple App Store und im Google Play Store unter dem Namen «Kaia COPD Therapie».