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«Zwinglis Helm» ist eine Luzerner Fälschung – nach 171 Jahren kommt er zurück

Als der Reformator Ulrich Zwingli 1531 bei Kappel am Albis fiel, erbeuteten die Luzerner seinen Stahlhelm. Später verlangten die Zürcher die Trophäe zurück. Das erzählt zumindest die Legende. Denn inzwischen ist klar: Die Zürcher sind einer Fälschung aufgesessen. Diese kehrt nun vorübergehend nach Luzern zurück.
Simon Mathis
So präsentierte das Landesmuseum «Zwinglis Helm» – bis vor Kurzem jedenfalls. (Bild: Landesmuseum Zürich)

So präsentierte das Landesmuseum «Zwinglis Helm» – bis vor Kurzem jedenfalls. (Bild: Landesmuseum Zürich)

Verwundet liegt Ulrich Zwingli am Fusse eines Baumes. Zentralschweizer Soldaten umkreisen ihn bedrohlich. So stellt eine Lithografie den berühmten Zürcher Reformator in seiner letzten Stunde dar. Wie genau Zwingli starb, wird gerade neu erforscht. Was wir sicher wissen: Im Oktober 1531 zog Zwingli in die Schlacht. Als bewaffneter Priester beteiligte er sich am Zweiten Kappelerkrieg an der Zuger Grenze bei Kappel am Albis. Etwa 2000 Zürcher standen damals 5000 Kriegern der fünf Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug gegenüber.

Die «altgläubigen» Katholiken bezwangen die «neugläubigen» Reformierten. 500 Zürcher fielen. Unter ihnen Ulrich Zwingli. Seine Leiche wurde wahrscheinlich verbrannt oder gevierteilt. «Die Luzerner wussten, dass Zwingli eine Identifikationsfigur war», erläutert Christoph Lichtin, Direktor des Historischen Museums Luzern. Um einen Totenkult zu verhindern, liessen sie die Gebeine des Reformators verschwinden.

Ulrich Zwingli vor seinem Tode, an einen Baum lehnend und umringt von Zentralschweizern. Lithografie von Hans Bendel (1814 - 1853). (Bild: Landesmuseum)

Ulrich Zwingli vor seinem Tode, an einen Baum lehnend und umringt von Zentralschweizern. Lithografie von Hans Bendel (1814 - 1853). (Bild: Landesmuseum)

Ein «Fake-Helm» als Kriegsbeute

Aber nicht alle Spuren Zwinglis verschwanden. Mindestens eine Hinterlassenschaft blieb zurück: sein Stahlhelm. Angeblich zumindest. 1605 findet sich im Luzerner Zeughaus plötzlich ein Helm, beschriftet mit «Zwinglis Eisenhut». Stolz wird er als Kriegsbeute ausgestellt, als Zeichen für die siegreiche Schlacht gegen die Reformierten. Mittlerweile ist klar, dass der Helm nicht Zwingli gehört haben kann.

«Zwingli als Priester hätte einen Helm diesen Typus’ gar nicht getragen», sagt Lichtin.

Ausserdem sei verdächtig, dass der Helm 70 Jahre lang unbekannt blieb. Noch ein weiteres Detail gibt Lichtin zu bedenken: Bis 1605 waren im Zeughaus 32 «Ysenhüt» verzeichnet. Danach waren es auf einmal 31 Eisenhüte – plus ein Helm vom Zwingli. «Das macht einen schon misstrauisch», so Lichtin.

Trotzdem wird das Historische Museum Luzern den Helm ab 6. April vorführen, und zwar als Teil der neuen Ausstellung «Rocky Docky. 450 Jahre Altes Zeughaus Luzern». Das Landesmuseum Zürich hat den Helm als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

«Der Helm Zwinglis ist ein typisches Beispiel für Kriegsbeute, die seit 1569 hier ausgestellt wurde», sagt Christoph Lichtin. Mit solchen Gegenständen wollte man der Nachwelt zeigen: «Schaut her, was wir für Helden waren.» Der Helm ist zwar nicht echt, spielt aber trotzdem eine wichtige Rolle in der Luzerner Erinnerungskultur – zumal die Geschichte ab hier noch wilder wird.

Wir spulen vor ins Jahr 1798. Die Unruhen in Folge der französischen Revolution stürzten die Zentralschweiz ins Chaos. Um sich für den Franzoseneinfall zu wappnen, stürmten mehrere tausend Nidwaldner und Schwyzer die Stadt Luzern.

Schwyzer und Nidwaldner auf alkoholreichem Raubzug

Ihre erste Station war allerdings nicht das Zeughaus, sondern – vorbildlich katholisch – die Hofkirche. Danach ging’s ins Restaurant. Als die Männer das Zeughaus erreichten, waren sie bereits ordentlich angeheitert. Die Schwyzer und Nidwaldner plünderten das Gebäude und steckten alle Waffen ein, die sie greifen konnten. Unter dem Diebesgut befand sich auch der Helm, der angeblich Zwinglis Kopf zierte.

Als sie vom Diebstahl erfuhren, machten sich die zwei Söhne des Zeugherrn Segesser sofort auf, das wertvolle Stück zurück zu bringen. Sie fanden den Helm tatsächlich, mussten ihn den Marodeuren jedoch abkaufen. Die Segesser verhinderten damit ein historisches Kuriosum. Man stelle sich vor: ein katholischer Nidwaldner, der gegen die französische Truppen kämpft – geschützt vom angeblichen Helm des berühmten Schweizer Reformators. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass das Loch im Helm nicht von einer Kriegshandlung, sondern von diesem unkoordinierten Raubzug stammt.

Jetzt kehrt das Relikt zurück

Nach dieser unrühmlichen Episode gelangte der Helm in den Privatbesitz der Segesser und galt als verschollen. Ein Brief änderte dies. 1819 wollten die Zürcher Zwinglis Helm in einer Chronik abbilden und baten um eine zeitgenössische Abbildung. Als die Familie Segesser eine aktuelle Zeichnung zurück schickte, dämmerte es den Zürchern: «Aha, den Helm gibt’s also doch noch.»

Nach der Niederlage 1847 musste die Luzerner Regierung den Helm schliesslich herausrücken. Seither befindet er sich auf Zürcher Boden, und seit 1898 besitzt das Landesmuseum den Helm. Und nun, nach 171 Jahren, kehrt der Helm zurück nach Luzern. Zumindest vorübergehend, wie das Landesmuseum betont.

Der angebliche Helm, den Zwingli auf dem Schlachtfeld in Kappel trug. (Bild: Landesmuseum)

Der angebliche Helm, den Zwingli auf dem Schlachtfeld in Kappel trug. (Bild: Landesmuseum)

Besucherzahlen waren 2018 rückläufig

Das Historische Museum Luzern zählte im vergangenen Jahr 39'877 Besucher, das Natur-Museum Luzern 46'080. Die Besucherzahlen sind ganz leicht zurückgegangen, das blendende Wetter war eine Herausforderung. Die erfolgreichste Ausstellung war «Queen Victoria in der Schweiz»; allein sie lockte beinahe 21'000 Besucher ins Historische Museum.

Dies gaben die beiden Museen am Dienstag bekannt. Zur geplanten Zusammenlegung der beiden Museen gab es an der Pressekonferenz keine Neuigkeiten. Man müsse nun prüfen, wo das neue Museum entstehen könne. Die Machbarkeitsstudie liege im Frühjahr vor.

2019 plant das Natur-Museum unter anderem Ausstellungen zum ersten Mammutfund der Schweiz und zum Nobelpreisträger Carl Spitteler.

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