Interview

Luzerner Ethik-Professor über selbstfahrende Autos: «Es müssten immer noch Menschen für die Fehler einstehen»

Peter G. Kirchschläger, Ethik-Professor an der Uni Luzern, wurde vom Bundesamt für Strassen (Astra) in die Arbeitsgruppe «Mobility 4.0» gewählt. Im Interview spricht er über Chancen und Gefahren der Automatisierung der Mobilität. 

Fabienne Mühlemann
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Peter G. Kirchschläger, Ethik-Professor an der Uni Luzern

Peter G. Kirchschläger, Ethik-Professor an der Uni Luzern

Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 7. April 2020

Peter G. Kirchschläger, Sie befassen sich in Ihrer Forschung mit selbstfahrenden Fahrzeugen. Welche Bedeutung hat das Auto in Ihrem Alltag?

Fast keine. Ich versuche, praktisch nur mit den öffentlichen Verkehrsmitteln mobil zu sein.

Das Astra hat Sie in die Arbeitsgruppe «Mobility 4.0» gewählt. Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich dort?

Meine Aufgabe ist es, die ethische Perspektive zum Thema Automatisierung von Mobilität in die Arbeitsgruppe einzubringen. Ich zeige zum Beispiel auf, warum die Verantwortung für selbstfahrende Fahrzeuge immer beim Menschen bleiben muss. Wenn also ein solches Auto einen Unfall verursacht, macht es keinen Sinn, es als Strafe zu verschrotten. Es müssen immer noch Menschen für die Fehler einstehen – sei es der Fahrzeuganbieter oder die Softwareentwickler.

Warum soll diese Verantwortung beim Menschen bleiben, obwohl das Auto den Unfall verursacht?

Selbstfahrende Fahrzeuge können zwar ethische Regeln lernen und diese befolgen, wie zum Beispiel einen Menschen nicht zu überfahren. Maschinen sind aber nicht moralfähig. Sie befolgen auch Regeln, wenn diese unrechtmässig wären.

Das müssen Sie genauer erklären.

Stellen wir uns vor, man gibt einem selbstfahrenden Fahrzeug beispielsweise nur die Regel mit, dass es Passagiere so schnell wie möglich von einem Ort zu einem anderen bringen soll. Dann könnte es sein, dass es Menschen überfahren würde, um möglichst effizient seinen Auftrag zu erfüllen. Es würde darin kein ethisches Problem sehen. Ausser, wenn Menschen ihm diese Prinzipien vermitteln. Daher können die Fahrzeuge selber keine Verantwortung tragen.

Ab wann ist automatisiertes Fahren dann ethisch vertretbar?

Wenn die Menschenwürde und die Menschenrechte respektiert werden. Konkret bedeutet dies, dass das Recht auf Leben, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, aber auch das Recht auf Privatsphäre und auf Datenschutz garantiert sein müssen. Zudem müssen bei der Produktion dieser Technologie die Menschenrechte eingehalten werden. Sprich: Es müssen menschenwürdige Arbeitsbedingungen herrschen und es darf keine Kinderarbeit geben.

Hinter der Automatisierung der Mobilität verbergen sich bestimmt noch mehr Risiken.

Neben den eben genannten Risiken muss die Infrastruktur – hier kommt 5G ins Spiel – so gebaut werden, dass die Gesundheit von Menschen nicht gefährdet wird. Auch darf dabei nicht auf technische Lösungen von Diktaturen zurückgegriffen werden.

Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?

Huawei ist ein der chinesischen Regierung sehr nahestehendes Unternehmen. Wenn Huawei die technische Infrastruktur von 5G in der Schweiz zur Verfügung stellen darf, ist das riskant. So könnte die Schweiz von der chinesischen Regierung überwacht werden. Denn diese führt gerade ein digitales Überwachungssystem auf dem gesamten chinesischen Territorium ein. Ein solcher Auftrag an Huawei würde also eine Bedrohung für die Freiheit der Menschen in der Schweiz bedeuten.

Zur Person

Peter G. Kirchschläger (43) ist seit 2017 Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt in der ethischen Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz. Dabei forscht er zur Automatisierung von Mobilität aus ethischer Perspektive. Die Arbeitsgruppe «Mobility 4.0» vom Bundesamt für Strassen Astra hat die Aufgabe, Forschungsbedarf zu Schwerpunktthemen des Astras zu ermitteln und das Forschungsprogramm umzusetzen.
Peter G. Kirchschläger (43) ist seit 2017 Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt in der ethischen Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz. Dabei forscht er zur Automatisierung von Mobilität aus ethischer Perspektive. Die Arbeitsgruppe «Mobility 4.0» vom Bundesamt für Strassen Astra hat die Aufgabe, Forschungsbedarf zu Schwerpunktthemen des Astras zu ermitteln und das Forschungsprogramm umzusetzen.

Welche Chancen hingegen ergeben sich durch die Automatisierung im Strassenverkehr?

Es sollte zu deutlich weniger Unfällen kommen, weil bei selbstfahrenden Fahrzeugen Trunkenheit am Steuer, Stress, Müdigkeit, Emotionen oder Ablenkung als Ursachen ausgeschlossen werden können.

Trotzdem könnte es zu Unfällen kommen, weil die Technologie versagt.

Ja. Automatisierung bedeutet nicht, dass es zu gar keinen Unfällen mehr kommen würde. Das ist fast unmöglich. Aber die Unfallzahl sollte um etwa 80 Prozent gesenkt werden können. Zusätzlich sollte es zu weniger Staus kommen, weil die Fahrzeuge automatisch einen verkehrsärmeren Weg einschlagen.

Was würde dies für die Umwelt bedeuten?

Da die Fahrzeuge mit einer tieferen Durchschnittsgeschwindigkeit, aber dafür konstant fahren, müssten sie nicht mit schweren Motoren und umfassenden Sicherheitskonzepten ausgerüstet werden. Und es bräuchte viel weniger Fahrzeuge für mehr Fahrkilometer, denn die Fahrzeuge würden gemeinsam verwendet werden. Dadurch würden sie nicht so lange irgendwo ungenützt auf einem Parkplatz stehen. All das würde die Umwelt schonen.

Wird der Verkehr irgendwann vollautomatisiert sein, so dass der Fahrzeuglenker gar nicht mehr eingreifen muss?

Wenn ich den heutigen Forschungsstand im technischen, rechtlichen und ethischen Bereich betrachte, halte ich dies für realistisch. In diesem Fall würden aber viele bezahlte berufliche Aufgaben wegfallen. Das müsste meiner Meinung nach gezielt angegangen und eine Lösung dafür gesucht werden. Denn durch den Verlust des Arbeitsplatzes haben viele Menschen kein Einkommen mehr. Es würden sich also vor allem Fragen der Existenzsicherung ergeben. Wenn ethische Chancen genützt und Risiken ausgeschlossen oder bewältigt werden, dann wäre die Vollautomatisierung aus meiner Sicht vertretbar.

Hinweis: Das Interview wurde schriftlich geführt.

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