Interview
Luzerner Experte: «Die Chinesen wollen eine Alternative zum westlichen System anbieten – ein Sozialismus chinesischer Prägung»

China baut seinen Einfluss auch bei uns schleichend aus, sagt Politikberater Remo Reginold: Das Reich der Mitte schaffe Fakten, die wir irgendwann als selbstverständlich anschauen würden. Doch China biete auch die Chance, unsere eigene Identität zu stärken.

Robert Knobel
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China ist zurzeit omnipräsent. Das «Reich der Mitte» baut seinen Einflussbereich weltweit aus. Was bedeutet dies für Europa und die Schweiz? Diese Frage steht im Zentrum einer Veranstaltung des Sicherheitspolitischen Forums Zentralschweiz am Montagabend. Wir sprachen mit dem Luzerner Politikberater Remo Reginold vom Swiss Institute for Global Affairs (SIGA).

Remo Reginold.

Remo Reginold.

China ist dabei, die USA als Weltmacht abzulösen. Was bedeutet das für uns?

Remo Reginold: Wir müssen uns darauf einstellen, dass die chinesische Wirtschaft, Kultur und Sprache in jeder Beziehung präsenter sein werden als heute. Die Chinesen wollen eine Alternative zum westlichen System anbieten – ein Sozialismus chinesischer Prägung.

Will uns China etwa vom Weg der liberalen
Demokratie abbringen?

Der Prozess geschieht schleichend. China ist sehr gut darin, Fakten zu schaffen, die wir irgendwann als selbstverständlich anschauen. Nehmen wir den Ausbau der Überwachungstechnologie. Das wird heute im Westen sehr kritisch beurteilt. Doch die Technologie hilft auch, die Kriminalität zu bekämpfen. Früher oder später werden wohl auch wir diese Mittel nutzen. Ein weiteres Beispiel: Der Aufbau eines 5G-Netzes in der Schweiz ist ohne Huawei nicht denkbar. Die Chinesen schlagen uns auch mit unseren eigenen Waffen: Wir haben einen Hang zum technologischen Komfort und sind stark auf die Work-Life-Balance bedacht. Das nutzen sie durchaus gekonnt, um ihren Einfluss auszubauen.

Sollte die Schweiz versuchen, den chinesischen Einfluss einzudämmen?

Unser politisches und gesellschaftliches Wertesystem wird durch China herausgefordert. Wir werden mit Fragen konfrontiert, vor denen wir uns bisher gerne gedrückt haben – weil nie jemand unser System in Frage stellte. Insofern kann die Entwicklung auch eine Chance sein, unsere eigene Identität kritisch zu überprüfen und zu stärken.

Wie sollen wir unsere Identität stärken, wenn Schweizer Firmen von Chinesen aufgekauft werden?

Dank des föderalistischen und direktdemokratischen Systems ist es für Chinesen in der Schweiz schwieriger, staatliche Firmen und kritische Infrastrukturen aufzukaufen. Genau das ist unsere Chance, der chinesischen Einflussnahme die Stirn zu bieten. Man muss aber auch sehen: Es gibt keinen chinesischen «Masterplan», ausländische Firmen systematisch aufzukaufen. Bei fast allem, was die Chinesen tun, geht es um Opportunitäten, die dann situativ in eine grössere Strategie eingebaut werden können.

Wie ist das zu verstehen?

Wenn man irgendwo eine Chance sieht, dann packt man sie. Natürlich gibt es dabei auch Rückschläge. Aber diese werden als Teil des «Spiels» in Kauf genommen. So gesehen sind sich die Chinesen und Donald Trump gar nicht so unähnlich. Wir im Westen assoziieren China oft mit Ideologie und langfristig definierten Strategien. Doch dieses Bild stimmt so nicht. Es wird viel mehr dem Zufall überlassen als wir glauben.

China ist hauptverantwortlich für den Anstieg des CO2-Ausstosses – und investiert viel Geld in erneuerbare Energie. Ist China nun
Klimasünder oder -retter?

Ganz klar Letzteres. Es gibt kaum ein Land, das eine konsequentere Energiestrategie hat als China. Dies allerdings erst seit kurzem. Und auch hier geht es weniger um Umweltschutz als um Opportunitäten – etwa bei der Elektromobilität. Während die Europäer nur zögerlich reagieren, richtet China gleich mit der ganz grossen Kelle an. Die bei uns noch kaum bekannte Automarke BYD hat Tesla schon längst hinter sich gelassen.

In Luzern ist China vor allem am Schwanenplatz präsent. Wie sollen die Luzerner damit umgehen?

Sie sollten versuchen, die chinesische Mentalität besser zu verstehen. Und warum nicht Mandarin lernen?

Wieso sind die Chinesen eigentlich gerade von der Schweiz so fasziniert?

Chinesen reisen überall hin, nicht nur in die Schweiz. Insofern ist es eher eine oberflächliche Faszination. Aus Sicht der Chinesen sind die paar hundert Jahre europäische Dominanz nichts im Vergleich zur 5000-jährigen zusammenhängenden Geschichte Chinas.

Sicherheitspolitisches Forum Zentralschweiz: Referat von Remo Reginold, «Chinas Strategie im Fokus». Montag, 20. Januar, 19 Uhr im Luzerner
Kantonsratssaal. Eintritt frei. Mehr Informationen hier.