Luzerner Firmen wollen weniger Steuern zahlen – und fordern höhere Abzüge

Grosse Firmen im Kanton Luzern und Steuerberater fordern mehr Abzugsmöglichkeiten bei den Unternehmenssteuern. Sonst gerate Luzern gegenüber den anderen Zentralschweizer Kantonen ins Hintertreffen.

Lukas Nussbaumer
Hören
Drucken
Teilen
Das Schindler-Areal in Ebikon, aufgenommen vom Dach des neuen Managementgebäudes.

Das Schindler-Areal in Ebikon, aufgenommen vom Dach des neuen Managementgebäudes.

Bild: Manuela Jans-Koch, 13. Februar 2020

Die Steuerreform des Bundes und das daran angepasste Luzerner Steuerrecht gelten seit Januar. Dennoch müsse der Kanton Luzern dringend über die Bücher, sagt André Bieri, Partner beim international tätigen Beratungsunternehmen EY (Ernst&Young) und Leiter des Bereichs Steuerberatung Zentralschweiz. Spezialgebiet des Ökonomen aus Hohenrain ist das Unternehmenssteuerrecht; der 38-Jährige hat sowohl grosse Erfahrung mit internationalen Firmen als auch mit kleinen und mittleren Unternehmen.

Für Bieri ist klar: «Luzern hat die Einführung einer wirkungsvollen Patentbox sowie eines Forschungs- und Entwicklungsabzugs verpasst. Das muss Luzern nachholen.» Mit diesen beiden Instrumenten werden innovative, forschende Firmen steuerlich entlastet. Der Kanton Luzern macht von diesen Möglichkeiten im Vergleich mit den anderen Zentralschweizer Kantonen sehr zurückhaltend Gebrauch (siehe Kasten). Eine Praxis, die laut Finanzdirektor Reto Wyss jedoch richtig ist, wie er im Interview sagt.

Abzüge für Patente und Forschung

Bundessteuerreform

Das Schweizer Stimmvolk hat die Steuervorlage des Bundes am 19. Mai 2019 mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 66,4 Prozent angenommen. Damit werden verschiedene Instrumente eingeführt, mit denen die Kantone gezielt Steuererleichterungen für Unternehmen vorsehen können. Die Erleichterungen sind konform mit den Vorgaben der OECD und dienen als Ersatz für nicht mehr akzeptierte Steuerprivilegien.

Patentbox: Einkünfte aus Patenten und vergleichbaren Rechten, die auf Forschungs- und Entwicklungskosten basieren, können mit einer Entlastung von 90 Prozent in die Berechnung des steuerbaren Reingewinns einbezogen werden. Die Kantone können geringere Patentbox-Ermässigungen vorsehen. Davon machen in der Zentralschweiz Luzern und Uri mit 10 beziehungsweise 30 Prozent Gebrauch (siehe Tabelle).

Forschungs- und Entwicklungsabzug: Zusätzlich zur Patentbox können die Kantone einen Abzug von maximal 50 Prozent des Aufwands für Forschung und Entwicklung einführen. Die Nidwaldner Regierung beispielsweise kann den festgelegten Satz von derzeit 0 Prozent via Verordnung jederzeit in Eigenkompetenz auf 50 Prozent erhöhen. Luzern und Uri verzichten auf diesen Zusatzabzug.

Firmensteuern in den Zentralschweizer Kantonen

Kanton Gewinnsteuern (in %) Entlastung Patentbox (in %) Abzug Forschung und Entwicklung (in %)
Zug 11,9 90 50
Nidwalden 12 90 0
Luzern 12,3 10 -
Uri 12,6 30 -
Obwalden 12,7 90 50
Schwyz 14,1 90 50

Anders als Wyss urteilt Bieri. Wer als innovative Firma in Zug oder Nidwalden ansässig sei, müsse aufgrund der dortigen Abzugsmöglichkeiten im Vergleich zu Luzern um bis zu drei Prozent weniger Steuern zahlen. «Das ist ein starkes Argument für ein Unternehmen, sich nicht nach Luzern zu orientieren oder den Kanton zu verlassen.» Luzern werde mit diesen Rahmenbedingungen «mittel- bis langfristig an Attraktivität für innovative Firmen verlieren».

Investiert Luzern für die Nachbarkantone?

Die sinkende Attraktivität für innovative Firmen habe finanzielle Folgen für Luzern, weil potenziell Steuereinnahmen verloren gingen oder keine neuen Erträge anfielen, prognostiziert Bieri. Und das könne schnell passieren: «Es ist für eine Firma kein Problem, in einem anderen Kanton innert weniger Wochen eine Patentbox mit entsprechender Substanz zu gründen.» Auswirken könnten sich die fehlenden Abzugsmöglichkeiten auch auf Spin-offs – die Ausgliederung von Geschäftsbereichen aus Mutterunternehmen – aus der Uni und der Hochschule Luzern, da dies in anderen Universitätskantonen viel attraktiver sei. «Ich frage mich, ob die Investitionen des Kantons Luzern in die Uni und die Hochschule eigentlich den Nachbarkantonen zugute kommen.»

Noch sei der Zug für Luzern nicht abgefahren, sagt Bieri. Mit der Erhöhung der Entlastung bei der Patentbox auf 90 Prozent und der Einführung eines Forschungs- und Entwicklungsabzugs von 0 Prozent mit der Flexibilität zur Erhöhung auf 50 Prozent analog Nidwalden könne Luzern den Anschluss an die Nachbarkantone wieder herstellen. Doch wie? Politisch lässt sich für tiefere Firmensteuern keine Mehrheit finden. Bieri: «In einem ersten Schritt geht es darum, das Bewusstsein zu schaffen für die Situation, in der sich Luzern befindet.» In einem zweiten Schritt brauche es Wirtschaftsvertreter und Unternehmer, die Kantonsräte zum Einreichen von Vorstössen bewegen können.

Komax, Schindler und GWF fordern Entlastungen

Die Forderungen von André Bieri stossen bei grossen Firmen sowie der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) auf Resonanz, wie unsere Umfrage zeigt. So sagt Adrian Derungs, Direktor der IHZ mit den Mitgliederkantonen Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden: «Ich unterstütze die Forderungen aus Luzern. Während Obwalden, Schwyz und Zug den zulässigen Spielraum der Steuerinstrumente ausnützen, verzichtet Luzern darauf. So verliert Luzern im Vergleich mit den anderen Zentralschweizer Kantonen.» Und Derungs sagt weiter:

«Ein bisheriger ‹Trumpf› im nationalen und internationalen Steuerwettbewerb wird von Luzern verspielt.»

Wie ernst Firmen die Steuersituation nehmen, zeigt das Beispiel von Komax. Der Marktführer in der automatisierten Kabelverarbeitung hat über 70 Millionen Franken in die Erweiterung des Hauptsitzes in Dierikon investiert. «Die Patentbox im Kanton Luzern bietet in ihrer heutigen Ausgestaltung keine optimalen Bedingungen für Unternehmen wie das unsrige, das sehr stark in Forschung und Entwicklung investiert», sagt Komax-CFO Andreas Wolfisberg. Günter Schäuble von Liftbauer Schindler in Ebikon bläst ins gleiche Horn. «Wir würden die Einführung eines zusätzlichen Abzugs für Forschung und Entwicklung begrüssen, da Luzern ein wichtiger Standort für unsere Forschung und Entwicklung ist.» Das gilt auch für die GWF Messsysteme AG in Luzern, wie Verwaltungsratspräsident Florian Strasser betont. «Die heutige Ausgestaltung der Patentbox mit einer Entlastung von 10 Prozent schafft für eine innovative Firma, wie wir es sind, keine optimalen Bedingungen.»

Kommentar

Luzerner Regierung soll Anreize schaffen für innovative Firmen

Der Kanton Luzern befindet sich in Bezug auf steuerliche Abzugsmöglichkeiten für innovative Firmen zentralschweizweit am Ende der Rangliste. Deshalb muss die Luzerner Regierung die Entwicklung der Firmen und ihre Steuererträge gut im Auge behalten – und gegebenenfalls schnell reagieren.
Lukas Nussbaumer
Interview

Kann sich Luzern die Zurückhaltung bei den Steuerentlastungen leisten?

Der Kanton Luzern war bei den Unternehmenssteuern seit 2012 die Nummer 1 in der Schweiz. Nun, mit der im Januar in Kraft gesetzten Bundessteuerreform, haben andere Kantone ihre Firmensteuern teils massiv gesenkt, so dass sich Luzern derzeit auf Platz 4 wiederfindet. Finanzdirektor Reto Wyss nimmt Stellung zu Forderungen nach Steuererleichterungen.
Lukas Nussbaumer

Luzern arg im Hintertreffen: Steuerexperte schlägt Alarm

Luzern liegt bei der Steuerbelastung im Vergleich mit den Nachbarkantonen künftig fast überall hinten. Nun fordert der einflussreichste Zentralschweizer Steuerexperte tiefere Abgaben. SVP und FDP zeigen sich offen, CVP und die Linke raten von Änderungen ab.
Lukas Nussbaumer

Luzerner Kantonsrat streicht höhere Firmensteuern

Der Kantonsrat spricht sich klar gegen höhere Firmensteuern aus. Und er will die Vermögenssteuern weniger stark anheben, als dies die Luzerner Regierung geplant hat – ein Erfolg für CVP, SVP und FDP.
Lukas Nussbaumer