Nach heimlichen Aufnahmen in Garderoben in der Region Luzern – Forensiker: «Kinder haben das Recht auf Aufklärung»

Ein Mann hat in der Region Luzern heimlich 80 Buben in Garderoben gefilmt. Shlemen Hanno, Leitender Arzt der Luzerner Psychiatrie, erklärt, wie die Eltern nun am besten reagieren.

Yasmin Kunz
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Shlemen Hanno ist Forensiker und spricht über den Mann, der die rund 80 Buben aus der Region heimlich gefilmt hat. (Bild Pius Amrein, Luzern, 20. Mai 2016).

Shlemen Hanno ist Forensiker und spricht über den Mann, der die rund 80 Buben aus der Region heimlich gefilmt hat. (Bild Pius Amrein, Luzern, 20. Mai 2016).

Ein 21-jähriger Schweizer hat über ein Jahr hinweg heimlich Buben gefilmt. Aufgenommen hat er die Kinder in Garderoben von Schwimmbädern und Turnhallen. Betroffen sind total fünf Schulklassen aus Horw und Neuenkirch und vier Juniorengruppen vom SC Emmen (Artikel am Ende des Interviews).

Der mutmassliche Täter – für ihn gilt die Unschuldsvermutung – hat die Bilder zum heutigen Kenntnisstand der Luzerner Staatsanwaltschaft weder ins Netz gestellt noch ist es zu sexuellen Übergriffen gekommen. Trotzdem beschäftigt der Vorfall die Eltern, die Lehrer und die Kinder. Shlemen Hanno (43) ist Leitender Arzt des forensischen Dienstes an der Luzerner Psychiatrie (Lups) in Kriens. Er erklärt, was die betroffenen Kinder nun brauchen.

Der Vorfall hat einige Eltern, Lehrer und Kinder verunsichert. Soll ich mein Kind noch in den Sportverein oder ins Hallenbad schicken, mögen sie sich fragen. Was sagen Sie dazu?

Shlemen Hanno: Ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Sporttrainern halte ich für fehl am Platz. Die überwiegende Mehrzahl der Personen, die sich ehrenamtlich für einen Verein engagieren, sind ehrlich und pflichtbewusst. Zentral ist nun, dass Eltern und Lehrer dieses Thema benennen und mit verunsicherten Kindern darüber sprechen. Die Schüler haben das Recht, aufgeklärt zu werden.

Wie geht das?

Es ist eine Gratwanderung, altersentsprechend aufzuklären, ohne dabei Angst zu schüren. Schutz erreicht man aber nur durch Aufklärung, Ängste hingegen sind ein schlechter Ratgeber. Für den Schutz und zur Stärkung des Selbstvertrauens der Kinder können die Medien ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, indem sie neutral berichten und nicht Ängste schüren. Wichtig ist, die Kinder darin zu bestärken, Gefühle wahr- und ernst zu nehmen. Dazu muss man ihnen Raum geben.

Der Mann, der gemäss der Luzerner Staatsanwaltschaft geständig ist, fiel im Sportclub nie negativ auf. Wie konnte es soweit kommen?

Vorerst möchte ich festhalten, dass ich den vorliegenden Fall nur aus den Medien kenne. Allgemein lässt sich allerdings sagen, dass ein solches Verhalten oftmals im Verborgenen – meist im Internet – stattfindet. Darum ist es sehr schwierig für Angehörige, Warnsignale oder Neigungen zu erkennen.

Welches wären denn solche Warnsignale?

Rückzug, übermässiger Internetkonsum sowie Abbruch von sozialen Beziehungen. Solche Anzeichen sollen ernst genommen und angesprochen werden.

Der Beschuldigte ist erst 21 Jahre alt. Ist das nicht extrem jung?

Sexuelle Präferenzen bilden sich bereits in der Kindheit und verfestigen sich in der Adoleszenz, also im jungen Erwachsenenalter.

Aufgrund dieser sexuellen Präferenzen hat er die Buben in der Garderobe gefilmt. Warum macht er das?

Die Beweggründe für ein solches Verhalten können sehr unterschiedlich und individuell sein.

Der mutmassliche Täter hat die Bilder wahrscheinlich nur für sich beansprucht und es ist – wie bisher bekannt – auch nicht zu sexuellen Übergriffen gekommen. Redet man da trotzdem von Pädophilie?

Bei der Pädophilie handelt es sich um eine psychiatrische Diagnose. Dafür müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. So müssen etwa über einen längeren Zeitraum – von mindestens sechs Monaten – sexuell erregende Fantasien, sexuelle Bedürfnisse oder Verhaltensweisen vorliegen, die sich auf Kinder, zumeist in der Vorpubertät oder auch jünger, beziehen.

Ist die nächste Hemmschwelle das Verbreiten der Fotos via einschlägige Foren oder gar ein sexueller Übergriff?

Die Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Es sind wenig Daten vorhanden, die Hinweise geben, welche Konsumenten von illegaler Pornografie die Hemmschwelle überschreiten. Es gibt einige Untersuchungen, die zeigen, dass etwa ein Prozent von ihnen im Verlauf eine Progression zu schwereren Delikten durchläuft.

Damit es nicht soweit kommt, braucht der Mann Hilfe. Was eignet sich?

Im beschriebenen Fall ist noch zu wenig bekannt, um konkrete Empfehlungen abzugeben. Eine Therapie könnte womöglich das Verhaltensmuster des Mannes ändern. Ziel wäre es, eine Änderung auf der Verhaltensebene zu erreichen und zugleich die gesunden Verhaltensmuster zu stärken. Im Rahmen der genauen Untersuchung des Falls und eines möglichen Gutachtens wird diese Frage ausführlich behandelt werden. Aufgrund dieser Basis werden dann in der Regel Empfehlungen abgegeben.