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1200-jährige Urkunde erstmals in Luzern

Das älteste Dokument, auf dem der Name Luzern («luciaria») erwähnt ist, stammt aus dem 9. Jahrhundert. Nun können es die Luzerner endlich auch vor Ort betrachten – aber nur drei Tage lang.
Hugo Bischof
Fotografie der originalen Lothar-Urkunde von 840. Sie ist in lateinischer Schrift verfasst und wird nun erstmals in Luzern ausgestellt. (Bild: Chorherrenstift Luzern)

Fotografie der originalen Lothar-Urkunde von 840. Sie ist in lateinischer Schrift verfasst und wird nun erstmals in Luzern ausgestellt. (Bild: Chorherrenstift Luzern)

Es ist eine spezielle, wertvolle, aber auch viel und kontrovers diskutierte Urkunde, die nun in Luzern eintreffen soll. Die Rede ist von der Lothar-Urkunde, einem Pergament-Schriftstück aus dem Jahr 840 nach Christus.

Sie hat viel mit der Geschichte Luzerns zu tun, respektive dessen Kloster. War dieses damals frei und eigenständig? Oder war es einem anderen, grösseren Kloster untertan? So lautet eine der Fragen. Sie wurde im Lauf der Jahrhunderte unterschiedlich beantwortet.

Das wertvolle Original soll nun in Luzern zu bestaunen sein – in einer Ausstellung im Staatsarchiv. Es ist wohl das erste Mal überhaupt, dass die Luzerner es in ihrer Heimatstadt zu Gesicht bekommen. Wir schreiben bewusst «soll», denn der Transport steht erst bevor. Die Urkunde gehört nämlich dem Staat Frankreich und liegt sicher aufbewahrt in einem Archiv in der elsässischen Stadt Colmar.

«Auch ein bisschen ein Abenteuer»

Am Donnerstag, 18. Oktober, fährt André Heinzer, Mitarbeiter des Staatsarchivs Luzern, nach Colmar, um das Exponat dort abzuholen. «Es war nicht ganz einfach, die Bewilligung zu erhalten», sagt Heinzer. «In Frankreich ist alles zentralistisch organisiert. Da kann ein Archiv nicht selber entscheiden, da braucht es Unterschriften von höherer Stelle.» Etwa von Präsident Macron höchstpersönlich? Heinzer lacht: «Kann sein.»

Das Abholprozedere sei kompliziert: «Die ‹archives départementales’ wollen sich vergewissern, dass die Urkunde heil nach Luzern überführt wird.» Deshalb wird in Colmar ein Mitarbeiter des dortigen Archivs zu Heinzer ins Auto steigen und mit ihm sowie dem wertvollen Stück nach Luzern fahren. «Insofern ist das Ausstellungsprojekt für mich auch ein bisschen ein Abenteuer», sagt Heinzer. Fast schon eine geheime Mission.

Was ist das Besondere an der Lothar-Urkunde? Sie ist, wie damals üblich, auf lateinisch verfasst und bestätigt eine Schenkung von Pippin, König des Frankenreichs von 751 bis 768. Demnach sollen fünf Männer aus dem Ort «emau» künftig dem beschenkten Subjekt und nicht mehr dem König Dienste leisten.

Pippin war der Urgrossvater von Lothar, Kaiser des Frankenreichs bis 855. Während seiner Regentschaft wurde die Schenkung bestätigt – deshalb ihr Name. Entstanden ist sie auf Bitte von Sigimar, Abt des Klosters Murbach, einer 727 im südlichen Elsass gegründeten Benediktinerabtei. Ihr weltliches Besitztum reichte bis in die Bistümer Strassburg und Basel und bis ins Gebiet des heutigen Luzern.

Auch Emmen wird in der Urkunde erstmals erwähnt

Damit sind wir beim Kern der Sache. Das in der Urkunde erwähnte «monasterium luciaria» ist nichts anderes als das damalige «Kloster Luzern», ebenfalls eine Benediktiner-Abtei. «luciaria» ist somit die erste schriftliche Erwähnung von Luzern – daher die grosse Bedeutung des Schriftstücks. Aber nicht nur für Luzern ist die 840 verfasste Urkunde bedeutsam. Sondern auch für die Nachbargemeinde Emmen. Denn das darin erwähnte «emau» steht für «Emmen». Auch Emmen ist somit erstmals in der Lothar-Urkunde erwähnt.

Die fünf edlen Männer aus «emau» sind Waldo, Wulfari, Wulfin, Wuolfold und Wulbert. Sie lebten auf ihren Höfen in dem kleinen Dorf «emau an dem Flusse Reuss, im Gau Aargau». Zu ihren Pflichten gehörten Heerbann, Geleit des Landesherren, die Verpflichtung zu dessen Beherbergung, Fährpflicht auf Emme und Reuss, Eintreibung von Friedensgeldern. Dafür mussten sie künftig also dem Kloster Luzern und nicht mehr dem fränkischen König Abgaben leisten.

Der heilige Benedikt überwacht den Bau des Klosters im Hof. Gemälde aus dem Zyklus der Luzerner Kapellbrückenbilder. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Der heilige Benedikt überwacht den Bau des Klosters im Hof. Gemälde aus dem Zyklus der Luzerner Kapellbrückenbilder. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Die Lothar-Urkunde wurde im Lauf der Zeit unterschiedlich interpretiert, oft falsch, bemängeln Experten. Dabei spielt das lateinische Wort «monasterium» (Kloster) eine besondere Rolle. Die wunderschöne, verschnörkelte lateinische Schrift ist schwierig zu entziffern. «monasterium» kann leicht auch als «monasterio» gelesen werden. Ein winziger Unterschied, aber mit gravierenden Folgen. Denn im Akkusativ («monasterium») schenkt jemand das Kloster jemand anderem. Das würde bedeuten, dass das Kloster Luzern und im übergeordneten Sinn auch der Ort Luzern damals nicht frei waren. Im Dativ («monasterio») hingegen wird dem Kloster etwas geschenkt. Das würde bedeuten, dass Luzern zur Zeit der Klostergründung frei, also reichsunmittelbar war.

Entscheidet ein lateinischer Fallfehler über den Zeitpunkt der Befreiung Luzerns von fremden Fesseln? «Darüber ist im Lauf der Jahrhunderte ein Gelehrtenstreit entbrannt», sagt André Heinzer. «Mit einer Ausnahme einig waren sich Historiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dass das Kloster Luzern seit dem 9. Jahrhundert von der Abtei Murbach abhängig gewesen sein musste.» Johannes Dierauer schrieb 1887 gar leicht despektierlich von einer «Filiale Murbachs». Aber begann diese Abhängigkeit bereit zu Zeiten Pippins, im 8. Jahrhundert, oder eben erst im unmittelbaren Vorfeld der Lothar-Urkunde im 9. Jahrhundert? Nicht mehr halten liess sich die Theorie einer ins 6./7. Jahrhundert zurückreichenden freien oder unfreien Stadt Luzern, wie sie von Chronisten im 16. Jahrhundert vertreten worden war.

Eine weitere, plausible Theorie besagt, dass das Kloster Luzern erst im beginnenden 12. Jahrhundert Murbach unterstellt wurde. Denn die in der Lothar-Urkunde beschriebene Bitte des Murbacher Abtes, Kaiser Lothar möge die Schenkung seines Urgrossvaters Pippin bestätigen, besage noch nichts über ein Abhängigkeitsverhältnis. Wenn wir schon bei Pippin sind: Auf spätestens 768, das Todesjahr dieses Königs, datiert das Kollegiatsstift St. Leodegar im Hof (Hofkirche) die Gründung des Benediktinerklosters Luzern (Ausgabe vom 29. März). Die Chorherren feiern entsprechend heuer ihr 1250-Jahr-Jubiläum – unter anderem mit der Ausstellung der Lothar-Urkunde im Staatsarchiv.

Warum nicht dauerhaft in Luzern?

Die Lothar-Urkunde hat selbst eine kleine Vorgeschichte. Erstmals urkundlich bestätigt wurde Pippins Schenkung in Aachen am 22. August 816 von Kaiser Ludwig dem Frommen. Dieses Original ist unauffindbar. Auch das Original der am 25. Juli 840 in Strassburg durch Kaiser Lothar besiegelten Urkunde war lange Zeit, schon vor 1476, verschollen. Eine Kopie davon blieb aber in einem Archiv in Colmar erhalten. Davon liess der bischöfliche Notar von Basel eine mit Fehlern behaftete Abschrift anfertigen. Sie befand sich 1843 im Stadtarchiv Luzern, das damals teilweise im Wasserturm untergebracht war. Später tauchte das Original dann in Colmar wieder auf.

Frankreich besitzt die Urkunde, weil das französische Murbach deren Verfassung anregte, diese ausgestellt erhielt und später im klostereigenen Archiv ablegte. Das Kloster Murbach war somit Eigentümer der Urkunde, jetzt ist es in der Rechtsnachfolge der französische Staat. Könnte Luzern nicht mit gleichem Recht Anspruch darauf erheben? Das sei eine hypothetische Frage, meint André Heinzer, denn rechtlich liegen die Vorteile klar bei Frankreich.«Aber natürlich: Es wäre schön, ein für Luzern derartig symbolträchtiges Stück dauerhaft im eigenen Archiv in Luzern zu wissen.»

Staatsarchiv Luzern, Schützenstrasse 9, Luzern: Ausstellung Lothar-Urkunde. Freitag, 19. Oktober, 18 bis 19 Uhr; Samstag, 20. Oktober, und Sonntag, 21. Oktober, jeweils 13.30 bis 17 Uhr. Eintritt frei. www.chorherrenstift.ch, www.staatsarchiv.lu.ch

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