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Luzerner Hausärztin tief verschuldet – Angestellte warten auf Lohn

Finanzprobleme in Arztpraxen sind selten, heisst es bei der Vereinigung der Luzerner Hausärzte. Doch in der Stadt Luzern ist nun eine Ärztin in massive Schwierigkeiten geraten.
Chiara Stäheli
In Luzern ist eine Hausärztin in massive finanzielle Schwierigkeiten geraten. (Symbolbild Getty)

In Luzern ist eine Hausärztin in massive finanzielle Schwierigkeiten geraten. (Symbolbild Getty)

Wer arbeitet, wird entlöhnt. So zumindest lautet die Devise auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Dass man mit einer korrekten Lohnzahlung aber nicht in jedem Fall rechnen kann, zeigt das Beispiel von mehreren ehemaligen Angestellten einer Hausarztpraxis in der Stadt Luzern. Eine von ihnen ist die 32-jährige Monika Kessler *. Sie hat ein Jahr lang in ebendieser Praxis gearbeitet – und wartet seit ihrer Kündigung auf Lohnzahlungen. «Anfangs wurden noch alle Löhne korrekt ausbezahlt, doch bereits nach einem halben Jahr erhielt ich meinen Lohn nur noch in Portionen», sagt die im Kanton Luzern wohnhafte Praxis­assistentin.

Im Juni dieses Jahres hat die Ärztin ihrer Assistentin aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt. Dass ihre Chefin in einer finanziell schwierigen Lage steckt, haben die Mitarbeiterinnen bereits seit längerer Zeit geahnt. Insbesondere auch, weil die Patientenzahlen zurückgingen. Da zum Zeitpunkt von Kesslers Kündigung Lohnzahlungen in der Höhe von mehreren tausend Franken ausstanden, hat sie gemeinsam mit ihrer Chefin einen Vertrag ausgearbeitet, der unserer Zeitung vorliegt. Darin hielten die beiden Parteien fest, dass bis Ende Juni sämtliche offenen Beträge beglichen sein müssen.

Nachlassstundung läuft bis Ende September

Doch weit gefehlt: Als Anfang Juli noch kein Geld überwiesen worden war, wurde Kessler stutzig: «Ich habe dann bei meiner Chefin nachgefragt, wie es aussehe. Die Antwort war enttäuschend und auch überhaupt nicht so formuliert, wie man es von seinem Arbeitgeber erwarten würde.» Daraufhin hat Kessler ihre Forderung in einem eingeschriebenen Brief verdeutlicht. Als auch dieser keine Änderung mit sich brachte, wollte sie eine Betreibung einreichen. Das war aber nicht möglich, weil die betroffene Ärztin bereits im letzten Oktober eine Nachlassstundung erwirkt hat, welche mit einem Betreibungsverbot einhergeht. Gleichzeitig mit der erwirkten Nachlassstundung wurde ein Sachwalter eingesetzt. Dessen Aufgabe ist es, das Unternehmen hinsichtlich seiner finanziellen Lage unter die Lupe zu nehmen. Im Falle der Luzerner Ärztin hat Sachwalter Stephan Boesch diese Funktion übernommen. Er sagt: «Die Stundung läuft aktuell noch und wir befinden uns in Verhandlungen mit den Gläubigern.» Weitere Informationen zur Ausgestaltung des Nachlassvertrags könne er zu diesem Zeitpunkt nicht geben.

In einem Nachlassvertrag wird festgehalten, welcher Anteil der Schulden in welcher Form an die Gläubiger ausgezahlt wird und welche Schulden erlassen werden. Unter den zahlreichen Parteien, die auf Geld der Luzerner Ärztin warten, befinden sich nebst ehemaligen Mitarbeiterinnen auch eine Kranken- und eine Ausgleichskasse. «Spätestens bis Mitte September wird klar sein, ob die Gläubiger dem Vertrag zugestimmt haben», so Boesch weiter.

Weitere Mitarbeiterin wartet seit 2016 auf Geld

Kessler hat sich unterdessen mit ehemaligen Praxisassistentinnen in Verbindung gesetzt: «Ich habe in den letzten Monaten erfahren, dass es vieler meiner vorgängigen Arbeitskolleginnen gleich ergangen ist.» Einige würden seit Jahren auf ihr Geld warten. So auch eine weitere Praxisassistentin, die 2016 für dieselbe Ärztin gearbeitet hat. «Noch heute fehlen mir 5000 Franken», sagt sie. Je nach Ausgestaltung des Nachlassvertrages müssen die Gläubiger auf einen Grossteil des ihnen zustehenden Geldbetrages verzichten - aktuell werde ein Schuldenerlass von 80 Prozent diskutiert, so die ehemalige Mitarbeiterin: «Dann bleiben mir gerade einmal 1000 Franken - ein Fünftel von dem, was ich eigentlich zu Gute hätte.» Das ist auch für Kessler eine unbefriedigende Aussicht: «Mit der Nachlassstundung habe ich keine Chance, den vollen Betrag, der mir zustehen würde, zu erhalten. Stattdessen muss ich damit rechnen, dass ich einen Grossteil des Geldes nicht mehr sehen werde.»

Die Alternative zum Nachlassvertrag ist für die Beteiligten jedoch auch nicht besser: Wenn sich die Parteien nicht auf einen Vertrag einigen können, kommt es zum Konkurs der Firma. Kessler und ihre Leidensgenossinnen erhielten in diesem Fall noch weniger Geld, als ihnen mit einem Nachlassvertrag zusteht. Denn laut Boesch muss die Nachlassdividende zwingend höher sein als die Dividende im Konkursfall.

Ärztin sagt, sie habe keine Zahlungsschwierigkeiten

Auf die Situation angesprochen, streitet die betroffene Ärztin die Vorwürfe vehement ab, bestätigt hingegen die Nachlassstundung. Weshalb sie dieses erwirkt habe, sagt sie nicht – Zahlungsschwierigkeiten habe sie keine. Eine Argumentation, die Kessler nur zu gut von ihrer ehemaligen Arbeitgeberin kennt: «Sie hat zwei Seiten. Indem wir publik machen, was meinen Vorgängerinnen und mir widerfahren ist, möchte ich künftige Praxisassistentinnen schützen.» Es sei ihr ein Anliegen, angehende Arbeitnehmerinnen dafür zu sensibilisieren, nicht einfach gutgläubig jede Stelle anzutreten. Ähnlich sieht das auch jene ehemalige Mitarbeiterin, der die Ärztin ebenfalls Geld schuldig ist: «Es gab in dieser Arztpraxis bereits zahlreiche arbeitsgerichtliche Auseinandersetzungen. Diese Ärztin erwischt immer wieder Mitarbeiterinnen, die nichts von ihrer Vorgeschichte wissen und dann ins gleiche Dilemma laufen», sagt sie. Mittlerweile sei aber in Arzt- und Praxisassistenzkreisen in Luzern bekannt, worauf man sich mit einer Anstellung bei ebendieser Ärztin einlasse.

Finanzprobleme bei Ärzten sind selten

Eine Nachfrage bei der Vereinigung der Luzerner Hausärzte zeigt: Finanzielle Probleme in Arztpraxen sind selten. «Es kommt nicht häufig vor, das ein Arzt finanziell in eine derart schwierige Lage kommt, dass er Zahlungen nicht mehr tätigen kann», sagt der Ruswiler Hausarzt Mario Beck, der für die Kommunikation bei der Vereinigung der Luzerner Hausärzte zuständig ist. Es bestehe kein durchgängiges Risiko.

*Name der Redaktion bekannt

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