(Bilder: Manuel Menrath)

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Luzerner Historiker forscht im hohen Norden Kanadas über die Cree-Indianer

Seine Recherchen führten den Luzerner Historiker Manuel Menrath für viele Monate an die kanadische Hudson Bay. Bei den dort lebenden Cree-Indianer ging er der Geschichte einer Kolonialpolitik nach, die nur die wenigsten kennen.

Stefan Welzel
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Manuel Menrath sitzt in seinem Büro in der Universität Luzern. Der Forschungs- und Lehrbeauftragte am Historischen Seminar trägt Baseball-Mütze und entledigt sich für das Gespräch seiner Lederjacke. Bereits das Auftreten lässt darauf schliessen: Der 45-jährige Luzerner widerlegt so ziemlich jedes Klischee, welches man vom Wissenschaftlerim Elfenbeinturm hegen könnte. Selbstverständlich ist Akten- und Quellenstudium ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit eines Historikers, doch Menrath ist ein eher ungewöhnlicher Vertreter seines Fachs.

Manuel Menrath

Manuel Menrath

Und das ist seine Geschichte, sein Alleinstellungsmerkmal: In den vergangenen Jahren ist Menrath zu Forschungszwecken mehrmals und über viele Monate hinweg nach Kanada in entlegene Indianerreservate gereist. Er wollte sich vor Ort ein Bild über Kultur und Menschen machen, über die er bald ein Buch veröffentlichen wird. Eines kann man dabei vorwegnehmen: Eine klassische wissenschaftliche Abhandlung wird es nicht geben. «Als ich in einem Reservat war, in dem sich soeben zwei zwölfjährige Mädchen erhängt hatten, wollte ich kein Buch mehr für nur eine handvoll Experten schreiben», sagt Menrath. Vielmehr sollte es eines sein, in dem «ein breites Publikum über einen bislangausgeblendeten Teil kanadischer Geschichte lesen kann». Wichtig, um den Menschen hinter diesem Projekt zu verstehen: Menrath ist nicht nur Historiker, sondern war auch Sekundarlehrer, ist Feuerwehrmann und Musiker. Ein engagierter und vielseitig interessierter Forscher, den wohl genau jene Talente in ein abenteuerliches Unternehmen stürzen liessen.

Erster Kontakt über soziale Medien

Sommer 2017: Menrath besteigt in Thunder Bay, Provinz Ontario, ein kleines Propeller-Flugzeug, um über hunderte Kilometer nördlich an die Hudson Bay und damit weit in Indianer-Land zu reisen. Über endlos scheinende Seenplatten geht es dorthin, wo man mit anderen Verkehrsmitteln gar nicht hinkommt.

Bevor Menrath den Trip antrat, hat er unter anderem über soziale Netzwerke Kontakt mit den Cree-Indianern aufgenommen. Einfach in einem Reservat auftauchen ohne sich anzukündigen hätte sein Unterfangen wohl erheblich erschwert. In Kanada werden indianische Gemeinden als First Nations bezeichnet. Es gibt insgesamt 634, die in etwa 3000 Reservaten leben und 50 verschiedene Sprachen haben. Von den rund 37 Millionen in Kanada lebenden Menschen sind eine dreiviertel Million Indianer. Menrath beschäftigt sich seit rund acht Jahren mit nordamerikanischen Indianervölkern. Seine Dissertation schrieb er über den Schweizer Geistlichen Martin Marty, der Ende des 19. Jahrhunderts in den USA die Sioux missionierte. Martys Handlungsweisen sind typisch für die Doktrin jener Zeit – man liess Indianerkinder zwangseinschulen und im christlichen Glauben erziehen. Menrath spricht von einem kulturellen Genozid, der auch in Kanada ähnliche Züge trug – und in mancher Hinsicht immer noch trägt.

Bei seinen US-Forschungsreisen begann Menrath den Fokus stetig weiter in Richtung Norden zu richten. «Wir wissen relativ viel über die US-amerikanischen Natives oder First Peoples. Aber dass es auch Indianer-Nationen in Kanada gibt, ist vielen Menschen nicht geläufig.» Die Faszination für die Weiten des Nordens und die Frage, wie die Menschen dort leben, führten ihn letztlich in die SeenplattenlandschaftOntarios. Und Menrath präzisiert: «Diese Völker sind nicht mit den Inuit zu verwechseln. Letztere wanderten erst vor rund 5000 Jahren in Nordamerika ein und damit deutlich später als die südlicher lebenden Indianer-Nationen.»

An dieser Stelle schweift der Luzerner ein erstes Mal – und das ziemlich umfassend – in die Geschichte Kanadas ab. Man merkt schnell, wie sehr der Wissenschafter darum bemüht ist, seine Erfahrungen in den historischen Kontext zu stellen. Er kommt dabei immer wieder auf die sogenannten «Treaties» zu sprechen, Verträge, die weisse Einwanderer mit Indianern im 19. und frühen 20. Jahrhundert machten – sehr zu deren Nachteil. Die Ausgangslage fusste bereits auf einer interkulturellen Schieflage. «Diese Verträge waren sehr einseitig und zugunsten der Kolonialisten gestaltet. Das Problem fing damit an, dass die Indianer gar nicht oder nur unzureichend lesen konnten und verstanden haben, was sie da eigentlich unterschreiben. Hinzu kam, was bis heute gilt: Sie haben ein gänzlich anderes Verständnis von Eigentum. Land ist für sie wie Luft oder Wasser, das man nicht besitzen kann. Sie kannten ursprünglich nicht einmal ein Wort für Privatbesitz», erklärt Menrath. Für den Historiker stellt sich die Frage: Wie fair können Verträge sein, wenn die eine Seite gar nicht in der Lage ist, die Tragweite des Papiers zu erfassen.

Den Trip aus eigener Tasche finanziert

Wie sich dieses Verständnis von Land, Eigentum und Nutzung desselben bei Indianern ausgestaltet – das und viel mehr lernte Menrath im alltäglichen Leben mit den Cree. Es sollten mit die eindrücklichsten sechs Monate seines Lebens werden «in dieser abgelegenen, aber wunderschönen Gegend rund um diese riesige Meeresbucht». Menrathschrieb eine Protagonistin aus einem Dokumentarfilm über kanadische Indianer an und erhielt – mit monatelanger Verzögerung – auch Antwort. Der 2000-Dollar teure Flug bringt ihn in die First-Nation-Siedlung «Fort Severn» an der Hudson Bay. Menrath bezahlte den Trip aus eigener Tasche. Kurz davor erhielt er den renommierten Förderpreis Opus Primum der deutschen Volkswagenstiftung, welcher ihm die nötigen Mittel für seine Forschungsreise bescherte. Im Reservat angelangt, tastet er sich vorsichtig an die Cree heran. «Meine ersten Gedanken waren: Was werden sie in mir sehen? Einfach einen weiteren weissen Mann, der sie als Objekt wissenschaftlicher Studien betrachtet wie früher Ethnologen oder Theologen?»

Doch dann hat Menrath «eine Gastfreundschaft angetroffen, die ich so noch nie erlebt und auch nicht erwartet habe». Als ihm einmal das Essen ausgeht – ein Restaurant gibt es dort nicht – lädt ihn der Chief der Siedlung zu sich ein. Ein erstes Mal erfährt Menrath, wie die Indianer funktionieren. «Es ist eine Gemeinschaft, die alles teilt. Bei solch harten Bedingungen hast du einen Tag Glück beim Jagen, beim nächsten weniger. Derjenige, der es hat, teilt es auch.» Auf die Jagd gehen viele Indianer bis heute. Sie erlegen Elche und Biber, gehen Fischen. Ganzheitlich Selbstversorger sind viele aber nicht. Die weit verbreitete Abhängigkeit vom kanadischen Sozialstaat, in die sie über die vielen Jahrzehnte der erzwungenen Anpassung gerutscht sind, führt vor allem bei jungen Indianern zu einer Abkehr von althergebrachten Lebensweisen. Werden Jagdgebiete aufgrund der Ausbeutung von Bodenschätzen durch Regierung oder Unternehmen tangiert oder gar zerstört, tut dies sein Übriges. «Ich war mit Chris Koostachin, dem Deputy-Chief von Fort Severn, jagen und fischen. An gewissen Stellen musste er keine zehn Sekunden warten und der erste Fisch hat schon angebissen», so Menrath. Wenn jedoch in der Nähe eine Goldmine angelegt wird, «ist es dann schnell vorbei mit Fischen».

Und genau das oder Ähnliches passiert immer wieder. Erst vor rund einem halben Jahr hat der kanadische Premierminister Justin Trudeau eine der kontroversesten Entscheidungen seiner Amtszeit getroffen. Sein Kabinett billigte die Erweiterung der Trans Mountain Pipeline, die Bitumenöl aus den Ölsandfeldern Albertas an die Pazifikküste bringen soll. Zwar gibt sich Trudeau als Freund der Indianer-Nationen. Doch kommen gewichtige wirtschaftliche Aspekte ins Spiel, haben die Bedenken und Bedürfnisse der First Nations, deren Reservate sich in den entsprechenden Gebieten befinden, stets das Nachsehen. Immerhin hat Trudeau als erster Regierungschef Kanadas ein abgelegenes Indianer-Reservat besucht und sich immer wieder als aufgeschlossen gegenüber den Interessen der First Nations gezeigt. Dennoch: «Ich habe mit verschiedenen Grand Chiefs gesprochen. Sie waren alle dergleichen Meinung. Trudeau meine es zwar gut, aber letztlich seien es oft nur leere Worte», sagt Menrath. Nicht selten hört man in Kanada aber auch den Vorwurf, Indianer seien zu lethargisch und lobbyieren zu wenig für ihre Anliegen. Menrath relativiert: Für das Parlament in Ottawa seien die First Nations eher ein Randthema, mehr Folklore als Partnerschaft auf Augenhöhe. «Doch viele Indianer sind auch selbstkritisch. Nach rund 150 Jahren Unterdrückung und der nun faktischen Abhängigkeit vom Staat, sind sie oft gar nicht mehr in der Lage, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen.» Verwahrlosung, Desillusionierung und Depression sind verbreitet. Viele kämpfen mit Identitätsverlust, Drogen und Alkoholproblemen. 2016 versuchten sich im Cree-Dorf Attawapiskat 100 von insgesamt 1000 Jugendlichen umzubringen. Eine Nachricht, die auch im «weissen» Kanada für Schlagzeilen sorgte.

Eintauchen in die Denkweise der Cree

Aber Menrath betont immer wieder die vielen schönen Seiten indianischer Mentalität und Lebensweise. «Ich habe trotz all den Problemen kaum einmal in meinem Leben Menschen kennen gelernt, die über so viel Humor verfügen und derart oft miteinander lachen.» Die Herzlichkeit der Indianer traf dabei auf einen Forscher, der nicht mit Notizblock und Messgerät wissenschaftlich-nüchtern seinen Fragen nachging. Menrath wollte und musste eintauchen in Leben und Denkweise seiner Gastgeber. «Dabei half wohl auch, dass ich weder Kanadier noch US-Amerikaner bin, sondern von weit her angereist bin. Sie sahen mich eher als neutralen Besucher an. Das weckte die Neugier.» Schnell lernte Menrath, dass er sich Zeit nehmen muss. «Direkte Fragen und dabei dem Gegenüber in die Augen schauen, das gehört nicht zur indianischen Kultur.» Also musste er oft warten, bis die Menschen von sich aus erzählten. Der Deputy-Chief in Sandy Lake, Robert Kakegamic, sagte zu Menrath: «Du bist der richtige ‹Wemistigosh›, weil du unsere Geschichte und Kultur kennenlernen willst, um das alles deinen Leuten in Europa zu erzählen.» «Wemistigosh» heisst Holzboot-Mensch, weil die ankommenden weissen Siedler in solchen die Flüsse befahren haben. Menrath spielte auch in der Dorf-Band mit und freundete sich mit den Bewohnern an. «Als Zeichen, dass sie mich gerne auf meinen Weg begleiten, haben sie mir traditionelle Kleidung geschenkt. Kakegamic kniete vor mir nieder und legte mir Mokassins an. Das war ein sehr bewegender Moment.»

Manuel Menrath (Mitte), Chief Bart Meekis (links) und Deputy-Chief Robert Kakegamic.

Manuel Menrath (Mitte), Chief Bart Meekis (links) und Deputy-Chief Robert Kakegamic.

Die richtige Kommunikationsweise war für Menrath der Schlüssel, um mit den Indianern eine vertrauensvolle Basis herzustellen. Doch tauchten auch Sprachbarrieren auf, vor allem wenn er sich mit den Ältesten über die Geschichte der First Nations unterhalten wollte. Dann waren Übersetzer essenziell. Hinzu kommt: Viele indianische Begriffe sind am Leben in der Natur orientiert oder an die Herkunft gekoppelt. Wörter wie Strasse, Bahnhof, Lampe oder Ähnliches existierten ursprünglich nicht. So gibt es auf Cree ein einziges Wort für einen komplexen Jagdvorgang, mit welchem zwei Jäger im Gebiet eines mäandrierenden Flusses einen Elch erlegen wollen. Ein Volk trägt den Zungenbrecher-Namen «Kitchenuhmaykoosibinninuwug», was so viel heisst wie «Menschen des grossen Forellensees».

Die Kommunikationskultur der First Nations ist traditionell mündlich, im Schriftverkehr mit den Behörden tun sich viele Indianer sehr schwer. «Solche Widersprüche sind den nicht-indianischen Kanadiern meist nicht bewusst», sagt Menrath. Das seien Merkmale der Folgen eines kulturellen Genozids. Ziel war es früher, die Indianer «in der neuen Kolonialgesellschaft aufgehen zu lassen. Mit rassistischem Überlegenheitsgefühl redete man davon, diesen angeblich primitiven Völkern lediglich zu helfen und sie in die Moderne zu holen». Doch immerhin: Kanada hat sich 2008 offiziell für die Vergehen in den Internaten, in die junge Indianer zwangseingeschult und oft misshandelt wurden, entschuldigt und sie weitgehend historisch aufgearbeitet. Die Opfer wurden entschädigt. Dennoch liegt immer noch viel Arbeit vor der Mehrheitsgesellschaft als auch den First Nations, um eine Situation herzustellen, die für viele Indianer eine Zukunftsperspektive jenseits von Sozialhilfe bietet.

Musikalbum mit Poesie eines Indianer-Chiefs

Menrath reiste nach seinem ersten Halbjahrestrip erneut und wiederholt in die Indianerreservate. Und trotz zahlreicher emotionaler Momente und abenteuerlicher Eindrücke: Zurück in der Schweiz arbeitete Menrath stets auf wissenschaftlicher Basis an seinem Buch. «Aber ich versuche die menschliche und alltägliche Seite des Lebens der Cree widerzugeben. Es soll ein Spiegel der Gegenwart werden, historisch fundiert erklärt.»

Im Sommer 2020 geht Menrath wieder nach Kanada. «Ich werde mit einem Chief in Fort Albany an der James Bay zusammenarbeiten. Dieser hat Gedichte verfasst. Ich werde sie in einem Berliner Studio vertonen und ein Musikalbum produzieren.» Hier blitzt er wieder auf – der ungewöhnliche Historiker: Menrath bleibt sich, der unkonventionellen Herangehensweise und seiner Vielseitigkeit treu.

Manuel Menrath hält am Mittwoch, 20. November, im Luzerner Neubad einen Vortrag: «Kanada: reich durch Völkermord?». 20 Uhr, Eintritt: 10 Franken.

Kanada und die Geschichte der Indianer

8000-2000 v. Chr: Erste Menschen besiedeln das Gebiet des heutigen Kanadas.

16. Jahrhundert: Der französische Seefahrer Jacques Cartier erkundet auf mehreren Exkursionen zwischen 1534 bis 1542 den Sankt-Lorenz-Strom. Bald entsteht ein reger Pelzhandel zwischen Indianern und Europäern.

17. Jahrhundert: Samuel de Champlain legte 1608 den Grundstein für die spätere Stadt Québec und 1611 für Montreal. 1670 wird die britische Hudson’s Bay Company gegründet und übernimmt bald die Vorherrschaft im Pelzhandel mit den Indianern.

18. Jahrhundert: Siebenjähriger Krieg (1756-1763) zwischen England und Frankreich. Die Briten siegen. Aus Neufrankreich wird die britische Provinz Québec.

1867: Die Provinzen Ontario, Québec, Nova Scotia und New Brunswick schliessen sich zur kanadischen Föderation zusammen. Das Land verwaltet sich selbst, bleibt aber verfassungsrechtlich an Britannien gebunden.

1871-1921: Insgesamt elf nationale Verträge, sogenannte Treaties, sollen die Beziehungen zwischen Kanada und den indianischen Nationen regeln. Die Kolonialherren haben dabei vor allem Siedlungsland und Bodenschätze im Auge. Die Indianer werden als Hindernisse betrachtet und in Reservate eingewiesen.

1876: Der Indian Act regelt den rechtlichen Status der Indianer samt rassischer Klassifizierung. Indianer sind damit deutlich niedriger gestellt als Weisse. Dieses Gesetz dient auch als Grundlage für die «Zwangsassimilierung» in Internaten, den sogenannten Residential Schools. 150000 indigene Kinder durchlaufen dieses «Zivilisierungssystem» bis zur Schliessung der letzten Residential School 1996.

1960: Die Indianer erhalten das kanadische Wahlrecht und somit die Staatsbürgerschaft.

1982: Kanada wird mit dem Constitution Act auch verfassungsrechtlich unabhängig.

2007: Die Generalversammlung der UNO verabschiedet die Erklärung der Rechte für indigene Völker (UNDRIP). Kanada ist neben den USA, Australien und Neuseeland einer der vier Staaten, die nicht zustimmen.

2008: Der kanadische Staat entschuldigt sich bei den betroffenen, zwangsinternierten Indianern für die Vergehen in den Internaten. Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission wird gegründet, um dieses düstere Kapitel der kanadischen Geschichte aufzuarbeiten.

2015: Die Wahrheits- und Versöhnungskommission veröffentlicht ihren Abschlussbericht und benennt das Residential School-System als kulturellen Völkermord.

2016: Die Regierung des Liberalen Justin Trudeau anerkennt die Erklärung der Rechte für indigene Völker schliesslich an.