Luzerner kämpft gegen hohe Selbstmordrate unter LGBT-Jugendlichen

Homo-, bi- und transsexuelle Jugendliche sind bis zu fünfmal mehr suizidgefährdet als heterosexuelle Teenager. Warum das so ist, wurde in der Schweiz bis jetzt nicht erforscht. Das will ein Professor der Hochschule Luzern nun ändern.

David von Moos
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Belastende Ablehnung in der Gesellschaft: LGBT-Jugendliche sind besonders suizidgefährdet.

Belastende Ablehnung in der Gesellschaft: LGBT-Jugendliche sind besonders suizidgefährdet. 

Symbolbild: Roland Schlager/APA

Die internationale Forschung belegt, dass homo-, bi- und transsexuelle Jugendliche (LGBT-Jugendliche) häufiger unter Selbstmordgedanken leiden als andere. Dieses Phänomen soll nun in der Schweiz genauer unter die Lupe genommen werden.

Es gebe zwar Daten zur Suizidversuchsrate bei LGBT-Jugendlichen, aber keine Studie dazu, was die genauen Hintergründe dafür seien, sagt Andreas Pfister, Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. «Weshalb, ist aus meiner Sicht unverständlich.» Es gehe schliesslich um wichtige gesellschaftliche Fragen:

«Es ist mir ein Anliegen, dass Kinder und Jugendliche unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Genderidentität ohne Belastung aufwachsen können.»

Pfister interessiert sich weniger für Zahlen als viel mehr für die Schicksale, die dahinter stehen. «Entscheidend ist nicht zuletzt das gesellschaftliche, soziale und persönliche Umfeld von LGBT-Jugendlichen», erklärt er. Oftmals würden diese in der Gesellschaft Abwertungen erfahren, was sehr belastend sei. «Dies in einer an sich schon anspruchsvollen Entwicklungsphase, der Jugend, die von Umbrüchen und der Identitätsfindung geprägt ist.» Nun gehe es darum, diese besonders selbstmordgefährdete Gruppe und ihr Umfeld genauer unter die Lupe zu nehmen.

Immer mehr Jugendliche sind suizidgefährdet

Die Selbstmordrate bei jungen Menschen in der Schweiz ist alarmierend hoch. Suizid ist in der Schweiz neben Krebs und Unfällen eine der häufigsten Todesursache der 15- bis 29-Jährigen, wie aus den Zahlen des Bundesamtes für Statistik hervorgeht. Jede Woche begehen in der Schweiz rund zwei Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene Suizid. Die Zahl der Suizidversuche liegt noch höher.

Leistungsdruck im Kinderzimmer angelangt

Auch psychische Krankheiten belasten Junge immer stärker. Druck und Überforderung betreffen heute nicht mehr nur den Alltag von Erwachsenen.

Bereits Kinder und Jugendliche leiden zunehmend unter Stress – mit oft gravierenden Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Das auch die Organisation Pro Juventute erkannt und die landesweite Kampagne «Weniger Druck. Mehr Kind.» lanciert.

Hilfe bei Suizidgedanken

Wer mit einem Menschen in Kontakt ist, der psychische Probleme hat oder suizidgefährdet ist, ist gut beraten, die Gefühle ernst zu nehmen und die Situation anzusprechen. Zuhören kann bereits eine Hilfe sein. Hier gibt es professionelle Hilfe:

Dargebotene Hand – Gespräch und Beratung: www.143.ch und Telefonnummer 143. Beratung für Kinder und Jugendliche von Pro Juventute: www.147.ch und Telefonnummer 147. Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: www.u25-schweiz.ch (dvm)

Studienleiter Andreas Pfister, Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Studienleiter Andreas Pfister, Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Bild: PD

Auf die Jugendlichen eingehen

Dazu will Pfister mit seinem Team das Problem aus verschiedenen Perspektiven beleuchten – zum Beispiel aus Sicht der Jugendlichen, nahen Angehörigen, Kolleginnen und etwa Ansprechpersonen in der Schule. «Es braucht dringend eine Studie, die mehr Hinweise darauf gibt, was man in der Praxis konkret machen könnte, um Suizidversuche zu verhindern.» Pfister hofft, dass die geplante Studie dereinst auch international auf Interesse stösst. Schliesslich soll sich mit dem generierten Wissen die Suizidprävention nicht nur in der Schweiz verbessern.

Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun. Um herauszufinden, wie es zu diesen Suizidversuchen kommt und welche Prozesse die Betroffenen durchlaufen, sucht Pfister LGBT-Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren, die einen Suizidversuch hinter sich haben. Dass es alles andere als einfach ist, mit Fremden rund eine Stunde über den erlebten Selbstmordversuch zu sprechen, ist sich Pfister bewusst: «Diese Jugendlichen müssen stabil genug sein. Hier wurden wir bereits in der Vorstudie von Psychiatern und einer klinischen Psychologin beraten und begleitet.» Der Ort und Zeitpunkt des Interviews könne frei gewählt werden, damit das Interview in einem Umfeld stattfinde, in dem sich die Jugendlichen wohl fühlten. Als Vergleichsgrösse würden auch heterosexuelle Jugendliche einbezogen. Dazu kämen Interviews mit Personen aus dem Umfeld der Jugendlichen.

Berührende Schicksale rütteln auf

Einige Gespräche mit LGBT-Jugendlichen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollten, hat der Forscher im Rahmen einer Vorstudie schon geführt. Es sei intensiv gewesen, den Erzählungen der Jugendlichen zuzuhören. «Beeindruckt hat mich der Mut der Jugendlichen, ihre Geschichte detailliert zu erzählen. Da gab es zum Beispiel einen jungen Transmann, der vom Vater ständig zu hören bekam, dass aus ihm nie ein richtiger Mann werden würde.»

Damit die Studienergebnisse optimal in der Praxis genutzt werden können, hat Andreas Pfister ein Begleitteam zusammengestellt aus Leuten aus der Suizidprävention, LGBT- Community, den Sozialwissenschaften und der Medizin. «Weil wir von Anfang an diese praxiserfahrenen Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen beiziehen, wird es einfacher sein, aus der ganzen Forschungsarbeit praktische Massnahmen abzuleiten.»

Ende März bekommt Pfister vom Schweizerischen Nationalfonds Bescheid, ob die Studie mit einer Laufzeit von vier Jahren finanziell gefördert wird. «Falls ja, könnten wir am 1. Oktober 2020 beginnen und mit den Fondsgeldern die Kosten für eine Doktoratsstelle, die wissenschaftliche Assistenz sowie die Unterstützung durch ausgewiesene Fachleute von Partnerinstitutionen decken.» Um wie viel Geld es sich handelt, lässt Pfister offen.

Weitere Informationen: Schweizer Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer*: www.pinkcross.ch

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