Luzerner Kantischüler wehren sich gegen Durchführung der schriftlichen Maturaprüfungen – das sagen Lehrer, Parteien und Kanton

Für den Entscheid, die schriftlichen Maturaprüfungen durchzuführen, hagelt es für den Kanton Luzern Kritik. Dieser verteidigt seinen Entscheid.

Fabienne Mühlemann
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Ausgangslage

Lange war unklar, wie die Maturanden ihr letztes Jahr am Gymnasium abschliessen werden. Am Freitagnachmittag kam der Entscheid des Kantons Luzern. Die schriftlichen Prüfungen an den Luzerner Gymnasien finden wie geplant statt. Auf mündliche Prüfungen wird verzichtet. Die epidemiologische Lage im Kanton Luzern lasse die Durchführung von Prüfungen im Vergleich zu anderen Kantonen zu, lautete die Begründung. Das Luzerner Vorgehen steht noch unter dem Vorbehalt des definitiven Beschlusses des Bundesrates, der am 29. April vorliegen soll. 

Das sagen die Schüler

Nun hagelt es Kritik von verschiedenen Seiten. Am Montag hat der Verband Luzerner Schülerorganisationen (VLSO) ein Schreiben an die Schulleitungen von sieben Luzerner Kantonsschulen versandt und sie darin aufgefordert, die Meinung der Schüler bei der Bildungsdirektion bekannt zu machen. «Wir plädieren für keine Prüfungen, sondern eine Matura auf der Basis der umfangreichen Erfahrungsnoten», heisst es im Schreiben. Diese Forderung begründet die VLSO folgendermassen:

  • Gesundheitliches Risiko: Mit der Durchführung der Prüfungen würde man die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Welle unnötig erhöhen. Das sei, insbesondere für Schüler, welche mit Risikopatienten zusammenleben, nicht zumutbar.
  • Ungleiche Voraussetzungen: Trotz grosser Anstrengung sei es nicht immer möglich gewesen, den Stoff durch Fernunterricht in gleichem Masse zu behandeln. Die Maturaklassen hätten daher nicht die gleichen Voraussetzungen wie die Schüler der letzten Jahre und seien für die Prüfungen «nur ungenügend vorbereitet».
  • Unterschiede zwischen den Kantonen: Obwohl das Matura-Zeugnis ein schweizweit anerkanntes Dokument ist, soll es nun unter vollkommen unterschiedlichen Bedingungen ausgehändigt werden. «Es besteht eine erhebliche Diskrepanz und Ungerechtigkeit zwischen den Kantonen», heisst es im Schreiben der VLSO.

Letzte Woche hatte die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren beschlossen, den Entscheid über eine Durchführung der schriftlichen Prüfungen den Kantonen zu überlassen. So wurden in Zürich oder Bern zum Beispiel alle Maturaprüfungen abgesagt, im Kanton Thurgau sollen die mündlichen und schriftlichen Prüfungen stattfinden.

In Luzern hat eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Kantonsschule Alpenquai deswegen eine Petition gestartet. «Ich bin der Meinung, dass es hier einen nationalen Entscheid braucht», sagt Amira Hafideddine, die zusammen mit einer Kollegin die Petition lanciert hat. Sie fordern darin, dass die Maturaprüfungen schweizweit für alle Maturanden abgesagt werden. «Die Schüler haben in den sechs Jahren am Gymnasium bewiesen, dass sie bereit für die Zeit danach sind. Deshalb sollte die Erfahrungsnote in einer solch ausserordentlichen Lage zählen», sagt Hafideddine. Ausserdem sei der Entscheid spät gefallen, denn die erste Prüfung finde bereits am 14. Mai statt. «Man lernt nicht gleich effizient, wenn man nicht weiss, ob die Prüfungen nun stattfinden oder nicht.» Zur Petition geht es hier.

Das sagen die linken Parteien

Urban Sager, SP-Kantonsrat

Urban Sager, SP-Kantonsrat

Bild: PD

Auch die Politik hat sich eingeschaltet. So kritisieren SP, Grüne, Juso und Junge Grüne in einer Medienmitteilung den Entscheid, die schriftlichen Maturaprüfungen durchzuführen. «Die Luzerner Regierung hat es in den letzten zwei Wochen verpasst, die Meinungen der Schülerorganisationen, des Mittelschullehrverbands oder der Schulleitungen fundiert einzuholen», sagt SP-Kantonsrat Urban Sager auf Anfrage. Es irritiere, dass der Entscheid offenbar vom Kanton alleine gefällt wurde.

Es sei eine schwierige Situation, doch die brauche pragmatische Lösungen. «Es wird krampfhaft versucht, den Schein der Normalität aufrecht zu halten. Doch im Moment herrscht keine Normalität», sagt Sager. Auch dass bei den LAP die schriftlichen Prüfungen nicht stattfinden, verursache eine Ungleichheit. «Es wäre sinnvoll und konsequent, alle Abschlüsse auf Sekundarstufe 2 unter denselben Bedingungen durchzuführen.» Die Linken würden daher begrüssen, wenn der Bund am Mittwoch einen einheitlichen nationalen Entscheid fällt. «Ansonsten fordern wir den Regierungsrat auf, den Entscheid nochmals zu überdenken», sagt Sager.

Was die anderen Parteien zur Durchführung der schriftlichen Maturaprüfungen sagen, lesen Sie in diesem Artikel.

Das sagt der Verband Luzerner Mittelschullehrer VLM

 Markus Elsener, Präsident VLM

Markus Elsener, Präsident VLM

Bild: Nadia Schärli

Neben den Schülern und den Linken hat sich auch der Verband Luzerner Mittelschullehrerinnen und Mittelschullehrer zu Wort gemeldet. «Obwohl der Verband vom pädagogischen Wert und dem zu Recht hohen gesellschaftlichen Stellenwert der Maturitätsprüfungen überzeugt ist, steht er der Durchführung in diesem Corona-Krisenjahr sehr kritisch gegenüber», heisst es in einer Mitteilung des Verbands.

Neben den von den Schülern bereits genannten Punkten weist der VLM auch auf die Belastung für die Lehrpersonen hin. «Der Fernunterricht hat für die Lehrer eine massive Mehrbelastung bedeutet», sagt Markus Elsener, Präsident des VLM, auf Anfrage. Nun komme hinzu, dass bei der Durchführung der Prüfungen deutlich mehr Aufsichtspersonen vor Ort sein müssten, damit die Schutzmassnahmen eingehalten werden können. «Wegen der Coronakrise könnte es zudem mehr Krankheitsfälle geben, und das bedeutet mehr Nachprüfungen», sagt Elsener.

Das Ziel des VLM sei nicht zu jammern, man wolle schlicht auf die Situation hinweisen. «Weil ausserdem noch nicht kommuniziert ist, wie die Probleme mit der Notenberechnungen gelöst werden, herrscht auch in diesem Bereich eine grosse Verunsicherung.» Der VLM fordert daher eine nationale Lösung – und ansonsten die Absage der Maturaprüfungen 2020.

Das sagt der Kanton

Aldo Magno, Leiter Dienststelle Gymnasialbildung

Aldo Magno, Leiter Dienststelle Gymnasialbildung

Bild: Eveline Beerkircher

Aldo Magno, Leiter Dienststelle Gymnasialbildung, versteht die Bedenken und die Empfindungen der Beteiligten. Doch bei der hitzigen Diskussion gehe etwas vergessen. «So hat zum Beispiel eine Auswertung in einem Kanton gezeigt, dass gegenwärtig bei einem Verfahren, das nur auf Erfahrungsnoten basiert, 11 Prozent der Maturanden durchfallen würden. Erfahrungsnoten alleine garantieren also kein faireres Verfahren», sagt Magno.

«Schlussprüfungen erfüllen wesentliche Funktionen. Ein Verzicht darauf ist aus unserer Sicht dann vertretbar, wenn die epidemische Lage das erfordert», begründet er den Entscheid zur Durchführung. Welche Schutzmassnahmen genau vorgenommen werden müssten, werde derzeit noch geklärt. «Wir halten uns an die BAG-Schutzbestimmungen und warten ab, ob am Mittwoch noch mehr kommt. Im Moment sind das die Abstandsregel, Hygiene und der Schutz von Risikogruppen», sagt Magno.

Auf die Beschwerde der Schüler, dass durch den Fernunterricht Nachteile für die Prüfung entstehen, reagiert Magno so: «Maturitätsprüfungen prüfen das Programm der letzten vier Semester. Die Kandidaten können sicher sein, dass nicht isoliert Prüfungsinhalte abgefragt werden, die in der Phase des Fernunterrichts gelehrt wurden. Ein faires Verfahren, welche dem Fernunterricht Rechnung trägt, ist garantiert.» Und was meint der Dienststellenleiter dazu, dass die schriftlichen Lehrabschlussprüfungen abgesagt wurden, die schriftliche Matura jedoch nicht? «Die Berufsbildung wird vom Bund geregelt. Aber auch dort ist es so, dass die Branchen, sofern leistbar, praktische Prüfungen für die EFZ/EBA durchführen. Also gab es auch da keinen generellen Totalverzicht», sagt Magno.

Bezüglich der Kritik der Linken, dass nicht alle Meinungen für den Entscheid eingeholt wurden, sagt Magno: «Wir haben die Luzerner Haltung mit der Haltung der Zentralschweizer Kantone abgestimmt. Ausserdem standen wir im engen Austausch mit den Rektorinnen und Rektoren der Luzerner Kantis. Mehr lag zeitlich gar nicht drin.» Der Kanton hätte gerne den Entscheid des Bundes abgewartet. 

«Aber mit dem Vorpreschen grosser Kantone geriet Luzern in Zugzwang und musste seine Position kundtun. Am Donnerstag wurden wir geflutet mit Anfragen.»

Wie die Prüfungen genau gewertet würden, könne er noch nicht sagen. «Wir arbeiten an einer Lösung. Diese wird bis am Donnerstag vorliegen. Gerne warten wir den Entscheid von Bern ab und setzen die vom Bund genehmigte Lösung für Luzern um.»

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