Der Täter spricht von Spiel, das Luzerner Kantonsgericht von Vergewaltigung: Vater droht 54 Monate Haft

Ein Vater wird der mehrfachen Vergewaltigung beschuldigt. Er streitet die Anschuldigungen ab. Der Staatsanwalt fordert 54 Monate Haft.

Sandra Monika Ziegler
Drucken
Teilen

Ein heute 42-Jähriger stand am Dienstag wegen mehrfacher Vergewaltigung vor dem Luzerner Kantonsgericht. Die mutmasslichen Straftaten fanden zwischen März 2010 und November 2013 statt. Das Luzerner Kriminalgericht verlangt eine Haftstrafe von 4 Jahren und 6 Monaten. Der Verteidiger einen Freispruch mangels Beweisen.

Im Urteil des Kriminalgerichtes steht zu den Anschuldigungen Folgendes: Der Beschuldigte hat die über 20 Jahre jüngere Tochter seiner damaligen Ehefrau zum Sex gezwungen. Die Übergriffe fanden meist mittags im Bett im Elternzimmer statt. Die Mutter war nie in der Wohnung anwesend.

Stiefvater hat Vertrauen ausgenützt

Der Geschlechtsverkehr hat 20 bis 30 Minuten gedauert. Weil das Mädchen sein Gestöhn nicht mehr hören konnte, hat es Musik dazu gehört. Danach ist sie ins Badezimmer geeilt, um sich zu duschen. Das Gericht hält im Urteil fest: Der Beschuldigte stillte egoistisch und rücksichtslos seine sexuellen Bedürfnisse, indem er seine Stellung als Vertrauens- und Respektsperson missbrauchte.

Dazu setzte er das Mädchen ständig unter Druck und machte es so gefügig. Wenn sie nicht so wollte wie er oder ihm eine männliche Bekanntschaft verschwieg, nahm er ihr zur Strafe das Handy weg. Geheiratet hatten der Angeklagte und die Mutter des Opfers 2007. Die Kleinfamilie lebte sieben Jahre in einer Luzerner Gemeinde. Mitte Mai 2014 zogen Mutter und Tochter nach einem weiteren Streit aus. Im Februar 2015 wurde die Ehe geschieden.

Bis zum Auszug wusste die Mutter nichts von den sexuellen Übergriffen. Als sie davon vernahm, sei sie wie «versteinert» gewesen. Sie habe keinen Verdacht geschöpft. Sie glaube aber ihrer Tochter und traue es ihrem Ex-Mann zu. Am Dienstag kam es zur Berufungsverhandlung am Luzerner Kantonsgericht. Die Mutter und ihre Tochter wurden erneut unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt.

Der Beschuldigte stand persönlich vor Kantonsgericht. Zur Frage der Richterin, was er auf die zuvor gehörten Anschuldigungen zu sagen habe, sagte der Mann, er habe das Mädchen nie angefasst. Sie habe ihn nie nackt gesehen. Sie hätten lediglich ein Rollenspiel gespielt, bei dem er der Freund und sie die Freundin gewesen sei. So hätten sie sich über intime Fragen der Sexualität ausgetauscht. Er habe nur verbal agiert und sich per WhatsApp, SMS und Facebook-Nachrichten mitgeteilt. Dem Gericht liegen dazu über 100 Seiten Chatprotokolle vor.

Grosse Widersprüche bei den Aussagen

Der Beschuldigte beschrieb seine Stieftochter als einen berechnenden Teenager mit zwei Gesichtern. Nicht er sei in sie verliebt gewesen, sondern sie in ihn. Bei einer weiteren Einvernahme sagte er, sie habe ihn nie gemocht, weil er Moslem sei. Sie sei «lügenhaft» und «manipulativ». Die Mutter gab zu Protokoll: «Die Tochter war ein aufgewecktes Kind, das wie alle in seinem Alter am Handy klebte, im Zimmer ein Chaos hatte und öfters auch mal etwas vergass.»

Zu den dauernden Streitereien sagte die Mutter: Die Ehe habe ihr Mann durch sein Verhalten selber kaputt gemacht und nicht die Tochter. Ihren Ex-Mann beschrieb sie auch als «zwar grosszügig und arbeitsam, aber böse, bedrohlich, gewalttätig, tyrannisch, kontrollsüchtig und ichbezogen». Als der Staatsanwalt den Angeklagten fragte, warum er einmal von einem «belasteten Verhältnis» und dann wieder von einem «verdammt guten Verhältnis» zu seiner Stieftochter spreche, konnte der Beschuldigte keine klärende Antwort geben.

Der Staatsanwalt betonte, dass es nicht vereinbar sei, dass das Mädchen einerseits eine beinahe bösartige Abneigung gegen ihn gehabt, ihn nie akzeptiert und die Zerstörung der Ehe geplant haben soll, andererseits aber verliebt in ihn gewesen sei. Auch vermochte den Staatsanwalt die Darstellung des Rollenspiels als spielerische Form der «Freund-Freundin»-Beziehung nicht zu überzeugen. Die Chatprotokolle würden da ein anderes Bild geben und den Beschuldigten belasten.

Seine Aussagen werden als unplausibel, konstruiert und wenig glaubhaft beurteilt. Nicht so die Aussagen der Tochter. Diese werden vom Gericht als glaubhaft und erlebnisorientiert beurteilt. «Die Tochter hat die Geschehnisse über all die Jahre mehrmals identisch und in Details geschildert», so der Staatsanwalt. Den Beschuldigten habe sie als ihren Stiefvater und nicht als Freund angesehen.

Verteidiger zweifelt an Aussagen der Tochter

Dem widersprach der Verteidiger, er zweifelte an der Glaubwürdigkeit. Er wollte die Aussagen der Tochter und Mutter mittels Gutachten prüfen lassen, diesen Antrag wies das Kriminalgericht jedoch ab. Weil die Anschuldigungen ausschliesslich auf den Aussagen des Mädchens beruhen und Beweise fehlen, forderte er einen Freispruch.

Der Verteidiger zeichnete ein Bild des fürsorglichen Stiefvaters, dem alles daran lag, seine Kleinfamilie zu schützen. Die Anschuldigungen der Tochter bezeichnete er als «infantile Beschreibung mutmasslicher Sexpraktiken, als Fantasieprodukt und realitätsfremd». Das Urteil wird schriftlich mitgeteilt.