Luzerner Kapellbrücke: Ein Brand mit Ansage

Ueli Habegger weiss, wie es wirklich war. Der Historiker und frühere Denkmalpfleger der Stadt Luzern hat einen Krimi über den Kapellbrückenbrand geschrieben – mit ganz viel Zündstoff.

Hugo Bischof und Sandra Monika Ziegler
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Ueli Habegger, Autor des Krimis« Narrenfeuer», auf der Kapellbrücke in Luzern.

Ueli Habegger, Autor des Krimis« Narrenfeuer», auf der Kapellbrücke in Luzern.

Manuela Jans-Koch, Luzern, 27. Februar 2020

Als Luzerns Kapellbrücke im August 1993 brannte, bewegte das weltweit die Seelen. Die Trauer war gross. Die Brandursache konnte offiziell nie geklärt werden. Diverse Theorien geisterten herum, gar von Brandstiftung war die Rede. Das Dossier wurde ad acta gelegt. Eine achtlos weggeworfene Zigarette, die auf ein unter der Kapellbrücke vertäutes Motorboot fiel, habe das Inferno ausgelöst, hiess es. Jetzt ist alles anders. Ueli Habegger, der ehemalige Denkmalpfleger der Stadt Luzern und Augenzeuge des Brands, hat einen Krimi geschrieben, seinen ersten überhaupt. Titel: «Narrenfeuer – Die Kapellbrücke brennt.» Darin legt er eine andere Version des Geschehens vor. Natürlich ist alles Fiktion, und der Krimi lebt von diesem Privileg, wie der Autor gleich auf der ersten Seite klar stellt.

Die brennende Kapellbrücke in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1993.

Die brennende Kapellbrücke in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1993.

Ruth Tischler, Keystone

Alles nur erfunden? Wohl kaum! Habegger hat sich mit viel Leidenschaft und historischem Fachwissen mit dem Kapellbrückenbrand auseinandergesetzt. Und er konnte nach dem Brand mit vielen Amtsträgern und Augenzeugen von damals persönliche Gespräche führen. Als was soll man Habeggers Krimi also bezeichnen? Als fiktiven Tatsachen-Thriller mit ganz viel Wahrheit drin? «Sehr viele Leute haben im Zusammenhang mit dem Kapellbrückenbrand Informationen zusammengetragen», sagt Habegger dazu auf Anfrage.

«Das Vorwissen lag vor; ich musste es nur zusammentragen und verwerten – und es hat mir riesiges Vergnügen bereitet, daraus einen Krimi zu machen.»

Er habe von Anfang an Zweifel an der offiziellen Version gehabt, sagt Habegger. Das sei für ihn der Ansporn zum Schreiben gewesen. Sein Krimi hat Pfiff und ganz viel (gesellschaftlichen) Zündstoff. So geizt der Autor etwa nicht mit Seitenhieben gegen den damals amtierenden Stadtpräsidenten. Untätigkeit, Vertuschung bis hin zu einem Geplänkel mit der Sekretärin sind nur einige Details. Dass mit dem fiktiven Nils Holdermeyer in Tat und Wahrheit Franz Kurzmeyer gemeint ist, erscheint sonnenklar. Aber auch hier bleibt Habegger vorsichtig: «Ich wollte einfach aufzeigen, wie es auch hätte gewesen sein können.» Was wahr und was erfunden ist, dazu muss sich der Leser also selber eine Meinung bilden. Habegger kennt die Grenzen, er hat sich via Buchverlag auch rechtlich absichern lassen. Vieles nenne er im Krimi nicht. Zahlreiche reale Personen, etwa im damaligen Polizeikader, habe er zu einer einzigen Figur verdichtet.

Erzählerisch brillant

Der Krimi ist erzählerisch brillant verfasst. In 24 Schritten und über einige Morde führt er zielgenau zum Kapellbrückenbrand und darüber hinaus. Speziell am Taschenbuch sind die schwarzweissen Comic-artigen Illustrationen von Jörg Stadler. Sie passen perfekt in das geheimnisvolle, düstere Geschehen. Für das heimische Publikum hat ein Luzerner Krimi seinen speziellen Reiz. Die Strassen, Plätze und Gassen sind bestens bekannt. So auch die Geschichten rund um den Kapellbrückenbrand und die einzelnen Protagonisten. Da schenken sich die Stadtangestellten nichts. Es wird mit und ohne PS auf Karriere gemacht. Vetternwirtschaft und gut eingesetzte Verschwiegenheit sollen auch helfen. Die Polizei steht meist stümperhaft in der Gegend rum. Und wenn sie mal in Aktion tritt wegen ein paar Gramm Marihuana, machen angebliche Protokollfehler bei der Einvernahme alles zunichte.

Eine schillernde Figur ist Bruno Schmotz, auch das natürlich ein fiktiver Name. Wie Habegger auf Anfrage bestätigt, hat es ihn unter anderem Namen wirklich gegeben. Als Weltrevolutionär, Kleinkrimineller und Dienstverweigerer fuchtelt er bei seiner Vernehmung vor dem damaligen Richter Holdermeyer mit Maos rotem Büchlein herum. Später, als Holdermeyer Stapi ist, droht Schmotz ihm am Telefon damit, Kapellbrücke, Spreuerbrücke, Richard-Wagner-Museum und das Schlösschen Utenberg abzufackeln, sollte der «Humbug» mit den Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der Autobahn tatsächlich umgesetzt werden.

Virtuos orchestriertes Spiel um Wahrheit

So kommt es denn später auch: Der Drögeler Schmotz trifft sich in der Brandnacht mit drei Kiffer-Kollegen heimlich auf einem unter der Kapellbrücke vertäuten Boot. Dieses fängt Feuer, als einem der Freunde eine Haschzigarette aus der Hand auf den vollen Benzintank des Boots fällt, worauf das Verhängnis seinen Lauf nimmt. Auch hier liefert Habegger eine pikante Note: Einer von Schmotz’ Freunden ist nämlich der Sohn eines prominenten Stadtbürgers – wer, sei hier nicht verraten. In dem von Habegger virtuos orchestrierten Spiel um Wahrheit darf auch nicht die Justiz, die Staatsanwaltschaft, fehlen. Nach dem Brand kommt direkt vom Stadtpräsidium die Order, die Angelegenheit «dilatorisch» zu meistern, in anderen Worten: dem Ganzen Zeit zu lassen. Was auch getan wurde. Bis heute bleibt unklar, wer die Verantwortung trug. Auch wurde niemand für sein Tun oder Nichttun zur Rechenschaft gezogen. Habeggers Krimi wird die Diskussion neu beleben.

Ueli Habegger: Narrenfeuer – Die Kapellbrücke brennt. Krimi. Illustrationen von Jörg Stadler. AURA Foto Film Verlag GmbH. ISBN: 978-3-906105-20-8, Preis: 24 Franken. Erhältlich in Buchhandlungen und portofrei beim Verlag.