Interview

Luzerner Kriminalrichterin über die Aufklärung von Sexualdelikten: «Wir müssen unbequeme Fragen stellen»

Bei sogenannten Vier-Augen-Delikten steht es oft Aussage gegen Aussage. Die Luzerner Richterin Petra Venetz sagt, wie man der Wahrheit trotzdem auf die Spur kommt.

Evelyne Fischer
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Der Eingangsbereich beim Kriminalgericht des Kantons Luzern am Alpenquai.

Der Eingangsbereich beim Kriminalgericht des Kantons Luzern am Alpenquai.

Bild: Philipp Schmidli

Ob sexuelle Nötigung, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch: Bei den meisten Sexualdelikten handelt es sich um Vier-Augen-Delikte. Nur Opfer und Täter wissen, was wirklich passiert ist. Beweise fehlen, es steht Aussage gegen Aussage. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt die Luzerner Kriminalrichterin Petra Venetz, wie Befragungen ablaufen – und weshalb vermeintliche Erinnerungen täuschen können.

Kürzlich verhandelten Sie den Fall eines Schweizers, der von 2006 bis 2010 seine Stieftochter sexuell missbraucht haben soll, erstmals im Alter von sechs Jahren. Happige Vorwürfe, die weit zurückliegen.

Petra Venetz: Vier-Augen-Delikte sind sehr schwierige Fälle. Dass viel Zeit verstreicht, bis ein Sexualdelikt zum Gerichtsfall wird, ist unter anderem der langen Verfahrensdauer geschuldet. Das ist systemimmanent, lässt sich aufgrund der knappen finanziellen und personellen Ressourcen jedoch schlecht ändern. Sind zwischen Tat und Anzeige noch nicht Jahre vergangen, erhalten die Ermittler dann immerhin Aussagen, die noch relativ frisch sind. Selbst wenn das Gericht erst zwei, drei Jahre später über den Fall befindet, liegen wenigstens noch zeitnahe Beweismittel vor.

Oft dauert es aber Jahre, gar Jahrzehnte, bis ein Opfer überhaupt Anzeige erstattet. Warum?

Vielleicht, weil das Opfer mit sich hadert, in Therapie ist und zu einer Anzeige ermutigt wird. Vielleicht, weil durch das Erlebte eine neue Beziehung verhindert wird. Ein Strafverfahren ist überdies kein Spaziergang. Ein Opfer muss sich fragen, ob es sich der Belastung stellen will. Und ob es auch mit einem Freispruch des Beschuldigten leben kann. Weil zum Beispiel nicht exakt jener Sachverhalt angeklagt wurde, der sich tatsächlich zugetragen hat. Oder weil das Vorgeworfene unter Umständen so weit zurückliegt, dass wir schlicht nicht mehr wissen, was passiert ist. Zudem: Erinnerungen verblassen. Es kommt vor, dass sich Opfer gewisse Erlebnisse – unbewusst – einreden.

Und wie trennt man verfälschte Erinnerungen von der Wahrheit?

Mittels aussagepsychologischer Befragungstechniken. Für die Wahrheit sprechen beispielsweise Realkennzeichen wie Detailkenntnisse des Kerngeschehens. Auch wer Gefühle schildert oder den Beschuldigten entlastet, wirkt glaubwürdiger. Zeitsprünge sind ebenfalls ein Indiz für die Wahrheit. Ausgedachtes wird oft chronologisch erzählt. Fragt man dann nicht streng zeitlich geordnet, bringt das denjenigen in die Bredouille, der das Behauptete nicht wirklich selbst erlebt hat.

Im Sommer war das Kantonsgericht in den Schlagzeilen: Das Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde detailliert befragt, etwa zur Rocklänge und zur Tiefe des Ausschnitts. Sind solche Fragen zulässig?

Da ich nicht in dieses Verfahren involviert war, kann und will ich mich nicht direkt dazu äussern. Aber: Bei einer Gerichtsverhandlung geht es darum, die Wahrheit zu finden. Dafür müssen wir Richter unbequeme Fragen stellen. An das Opfer, aber auch an den Beschuldigten. Für die Parteien oder das Publikum ist es nicht immer nachvollziehbar, warum ein Richter eine bestimmte Frage stellt. Aber vielleicht hat er in den Akten einen Widerspruch entdeckt, vielleicht stimmt die Beschreibung der Kleidung zur angeblichen Tatzeit nicht überein. Es geht nicht darum, Beschuldigte und Opfer zu plagen, sondern um das Aufdecken von Ungereimtheiten. Wir dürfen nicht sagen: Was das Opfer erzählt, wird schon stimmen.

Verteilung der Richterinnen und Richter beim Kantonsgericht

Kanton Luzern
Total Frauen Männer
Kantonsgericht 24 9 15
Total 24 9 15

Welche Rolle spielt die Geschlechterfrage bei Sexualdelikten?

Am Prozess ist meist eine Richterin dabei. Das Opfer eines Sexualdelikts kann zudem verlangen, von einer Richterin befragt zu werden. Bei einer Befragung kann sich eine Frau vielleicht besser in ein weibliches Opfer einfühlen. Ich habe aber auch schon erlebt, dass Richterinnen dann kritischer sind. Fürs Fällen eines Urteils spielt das Geschlecht eine sehr untergeordnete Rolle.

Verteilung der Richterinnen und Richter bei den erstinstanzlichen Gerichten

Kanton Luzern
Total Frauen Männer
Bezirksgericht Luzern (inkl. Jugendgericht und Schätzungskommission) 11 5 6
Bezirksgericht Kriens (inkl. Zwangsmassnahmengericht) 10 3 7
Bezirksgericht Hochdorf 11 6 5
Bezirksgericht Willisau 11 6 5
Arbeitsgericht 3 2 1
Kriminalgericht 7 3 4
Poolrichter 4 2 2
Total 57 27 30

Wie oft rückt eine Befragung vor Gericht einen Sachverhalt nochmals in ein ganz neues Licht?

Sehr selten. Möglicherweise macht ein Beschuldigter, der zuvor alles bestritten hat, plötzlich ein Geständnis. Aufgrund der belastenden Beweislage kommt das aber meist nicht ganz überraschend. Eine unmittelbare Befragung kann aber den Eindruck, den man aus dem Aktenstudium gewonnen hat, bestätigen, und zwar in beide Richtungen: Dass sich die Tat so abgespielt hat – oder dass weiterhin unüberwindbare Zweifel bestehen, die zu einem Freispruch führen müssen. Selbst wenn eine gewisse Wahrscheinlichkeit bleibt, dass sich das Delikt doch so zugetragen hat. Ganz gemäss dem Grundsatz «in dubio pro reo» – im Zweifel für den Angeklagten.

Stört Sie das?

Nein, so will es unser Rechtssystem. Mich ärgert aber, wenn etwas während des Verfahrens verjährt. Übertretungen – also Delikte, die mit Busse bestraft werden – können nach drei Jahren nicht mehr verfolgt werden. Das passiert bei Sexualdelikten zum Glück sehr selten. Sexuelle Handlungen mit Kindern verjähren nie, eine Vergewaltigung beispielsweise erst nach 15 Jahren.

Welche Befragungen fallen Ihnen besonders schwer?

Die Rekapitulation von Sexualdelikten kann bei Opfern grossen psychischen Schmerz hervorrufen. Eine detaillierte Befragung setzt den Betroffenen zu; oft kommt es zu Tränen. Aber auch zu spüren, wie ein Beschuldigter, der auf dem Stuhl vor dem Richtergremium Platz genommen hat, seine Taten aufrichtig bereut, kann einen berühren. Ich frage ferner nicht so gern nach den persönlichen Verhältnissen. Also wie viel jemand verdient, wer die Mutter der Kinder ist. Aber das gehört im Hinblick auf die Straffolgen dazu.

Welche Fälle beschäftigen Sie?

Gewaltdelikte, physische und psychische. Etwa der Fall jener Mutter, die ihren neugeborenen Jungen tötete und dessen Zwillingsbruder später tot zur Welt brachte. Bei Vermögensdelikten oder Betäubungsmitteldelikten sind keine Opfer im Vordergrund.

Zur Person

Petra Venetz, Richterin am Kriminalgericht Luzern
Petra Venetz, Richterin am Kriminalgericht Luzern
Petra Venetz (45, CVP) stiess 2008 zum Kriminalgericht. Seit 2011 gehört sie der Geschäftsleitung an und präsidiert die zweite Abteilung. Mit ihrer Doktorarbeit «Suizidhilfeorganisationen und Strafgesetz» gewann sie 2008 den Dissertationspreis des Universitätsvereins Luzern. Venetz ist liiert, kinderlos und wohnt in der Stadt Luzern.

Kriminalgericht – das ewige Sorgenkind

Im Jahr 2018 gingen bei den erstinstanzlichen Gerichten 9160 neue Fälle ein – davon gegen 200 am Luzerner Kriminalgericht. Mehr als 95 Prozent der Entscheide der erstinstanzlichen Gerichte blieben unangefochten. Die statistischen Zahlen für 2019 werden Ende März vorliegen. Kriminalrichterin Petra Venetz sagt aber schon jetzt: «Wir haben dieses Jahr einen neuen Rekord an Straffällen.»

Während die Straftaten stetig zunehmen, wurden die Ressourcen für deren Aufklärung kaum ausgebaut. Seit Jahren fordert das Kriminalgericht zwei zusätzliche Richter. «Gemäss dem aktuellen Aufgaben- und Finanzplan sollten die erstinstanzlichen Gerichte ab 2021 zwei zusätzliche Richter erhalten», sagt Venetz. «Wenn es brennt, können wir immerhin auf frei einsetzbare Poolrichter zurückgreifen. Das entschärft das Problem etwas.»

Nach wie vor eine grosse Pendenz ist die räumliche Situation: Das Kriminalgericht ist seit 2010 provisorisch in einem Gewerbe- und Bürogebäude an der Stadtluzerner Landenbergstrasse untergebracht, ausserdem in Räumen am Alpenquai. «Die Lokalitäten genügen den Anforderungen an den Sicherheits- und Persönlichkeitsschutz nicht», sagt Venetz. «Es ist alles andere als optimal, wenn sich Parteien, Richter, Opfer und Beschuldigte im Treppenhaus begegnen.»

Die Luzerner Regierung prüft derzeit die Idee einer Gerichtsmeile am Kasernenplatz: Sofern man das dortige Historische Museum und das Natur-Museum im Zeughaus unterbringen könnte, liessen sich die Gebäude an der Reuss neu nutzen – etwa fürs Kantonsgericht. Womit am Hirschengraben Platz für das Kriminalgericht frei würde. Die Resultate der Machbarkeitsstudie sollen im Sommer 2020 vorliegen. «Ich begrüsse es, dass man diese Idee vertieft prüft», sagt Venetz dazu. «Wichtig scheint mir, dass die Gerichte auch künftig zentral gelegen sind.» 

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