Luzerner Notschlafstelle plant Isolierzimmer – doch das nötige Personal fehlt

Der Platz in der Notschlafstelle könnte bald knapp werden. Tauchen erste Erkrankungsfälle auf, stellt dies den Betrieb auf eine Belastungsprobe.

Evelyne Fischer
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Auf Papier ist der Plan aufgegleist, noch harzt es aber mit der Umsetzung: Die Notschlafstelle will in einem leerstehenden Gebäude in der Stadt Luzern Isolierzimmer einrichten. «Hier möchten wir Obdachlose mit Corona-Symptomen unterbringen», sagt Heinz Spichtig, Geschäftsleiter des Vereins Jobdach, dem die Notschlafstelle angegliedert ist. In Aussicht habe man das Haus einer Stiftung mit 18 Wohnungen, das im Sommer saniert werden soll. 

«Fünf 3,5- und 4-Zimmer-Wohnungen wären per sofort verfügbar.»

Um die allgemeine Sicherheit zu garantieren und zu gewährleisten, dass Erkrankte das Gebäude nicht verlassen, bräuchte es aber unter anderem eine Ein- und Austrittskontrolle. «Diese können wir mit unserem Personal nicht stemmen und für einen privaten Sicherheitsdienst fehlt uns das Geld», sagt Spichtig. Er versucht darum, mit dem kantonalen Führungsstab und der Stadt Luzern eine Lösung zu finden. 

Derzeit sehr gefragt: ein Bett in der Notschlafstelle.

Derzeit sehr gefragt: ein Bett in der Notschlafstelle.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 7. Januar 2016)

Jobdach betreibt auch das Angebot «Obdach», das unter anderem Suchtkranken ein längerfristiges Daheim verschafft sowie die «Wärchstatt» – die nun wegen Corona geschlossen ist. Finanziert werden die Einrichtungen über den Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesundheitsförderung, an dem sich die Gemeinden und der Kanton über Pro-Kopf-Beiträge beteiligen.

Nachfrage nach Notbetten wird steigen

Dass es Isolierzimmer braucht, bekräftigt Urs Schwab, operativer Leiter der Notschlafstelle. «Seit einer Woche messen wir bei jedem Klient die Temperatur. Fiebrige Personen müssten wir auf die Strasse zurückschicken.» 

Urs Schwab, Leiter der Notschlafstelle.

Urs Schwab, Leiter der Notschlafstelle.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 7. Januar 2016)

Die Notschlafstelle bietet 15 Betten in sechs Zimmern. Schwab geht von einer steigenden Nachfrage nach Notbetten aus – allerdings nicht wegen der kalten Nächte. Obdachlosigkeit sei nicht an die Jahreszeiten gekoppelt, sondern vielmehr an die Ressourcen der Betroffenen, den Wohnungsmarkt und die Wohnverhältnisse: «Wer beispielsweise bei der Mutter auf dem Balkon geschlafen hat, die nun zur Risikogruppe gehört, für den wird es nun prekär.» Auch beim Bruder auf dem Sofa sei man jetzt womöglich nicht mehr willkommen. 

Geldsorgen plagen die Obdachlosen

Das Coronavirus fordert den Verein Jobdach und seine 36 Angestellten, von denen 20 Prozent der Risikogruppe angehören und daheim bleiben müssen. «Wir sind uns gewohnt, unter schwierigen Umständen zu arbeiten, neuralgische Stellen regelmässig zu desinfizieren und verzichten seit Längerem auf den Handschlag», sagt Schwab. «Wir geben uns Mühe, möglichst entspannt zu wirken, aber es wird immer schwieriger, die Motivation hochzuhalten.» Man spüre auch, dass das Coronavirus nicht die grösste Sorge der Klienten sei:

«Suchtkranke brauchen Geld, aber betteln ist derzeit sehr viel schwieriger, ebenso die Prostitution.»

Man komme wohl noch an Drogen, aber die Substanzen würden sich rasch verteuern. «Wir müssen damit rechnen, dass bei gewissen Klienten das Aggressionspotenzial steigt. Daher versuchen wir, möglichst viele in Institutionen wie dem Drop-in unterzubringen und ihnen eine Substitutionsbehandlung zu ermöglichen. Ein kalter Entzug wäre für viele ein grosses Risiko.» Man wolle um jeden Preis verhindern, dass Klienten ins Spital eingewiesen werden müssen, betont Heinz Spichtig. «Patienten, die aufgrund des psychischen Zustandes ausrasten, würden in einem Spital zur grossen Belastung.»

Mehr Suchtkranke in der Psychiatrie

Dass es auf der Strasse zu Stoffknappheit kommt, hat auch die Luzerner Psychiatrie (Lups) beobachtet. «Im ambulanten Bereich des Drop-in ist die Anfrage gestiegen, wir nehmen derzeit mehr Patienten in unser Substitutionsprogramm auf», sagt Daniel Müller, Leiter Stab Direktion der Lups. Man spüre: Suchtkranke haben derzeit grosse Angst, von der Gesellschaft im Stich gelassen zu werden, und in den Entzug zu kommen. «Jene Patienten erleben in einer Klinik dann oft, dass sie aufgrund unzureichender Erfahrung im Umgang mit Suchtkranken unterdosiert werden.»

Die Psychiatrie begrüsst die Idee der Isolierzimmer: Ein grosser Teil der Suchtkranken leide an chronischen Lungenerkrankungen oder Diabetes und gehöre zu den gefährdeten Patienten. Müller: «Wenn sich diese mit dem Coronavirus infizieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihre Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt. Daher sollten sie geschützt werden.» Er betont, es gebe wenige Angebote für Randständige. «Daher ist es wichtig, dass Einrichtungen wie die Notschlafstelle, die Gassechuchi und Jobdach ihren Betrieb aufrechterhalten.»

Fehlendes Netz sorgt für zusätzlichen Stress

Randständige stehen derzeit auch bei den Sozialen Diensten der Stadt Luzern  im Fokus: «Wir stellen fest, dass insbesondere Menschen mit psychischen Belastungen stark auf die allgemeine Verunsicherung reagieren», sagt Abteilungsleiter Felix Föhn. «Personen mit einem intakten sozialen Umfeld können auf Familie, Freunde, Nachbarn zurückgreifen, was Sicherheit und Stabilität gibt. Diese Möglichkeiten fehlen randständigen Menschen, was zu zusätzlichem Stress und psychischen Druck führt.»

Die Sozialen Dienste haben der Notschlafstelle ihre Unterstützung zugesichert. «Wir hoffen, das Angebot in den kommenden Tagen umsetzen zu können.» Der Schwerpunkt seiner Abteilung liege auf der Sicherstellung der bisherigen finanziellen Unterstützung und geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten, sagt Föhn. «Es braucht eine schnelle, unbürokratische Handhabung bei Neuanfragen.»

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