Luzerner Parlamente: Fast die Hälfte der Kandidierenden in Luzern sind Frauen – in Kriens nicht einmal ein Drittel

Am 29. März treten für die Parlamente in Luzern, Kriens, Horw und Emmen total 539 Kandidierende an. Nur knapp 40 Prozent davon sind Frauen. Dass der Frauenanteil dennoch höher ist als bei den letzten Gesamterneuerungswahlen, liegt vor allem an den linken Parteien.

Beatrice Vogel
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Eine Sitzung des Grossen Stadtrats im Rathaus Luzern.

Eine Sitzung des Grossen Stadtrats im Rathaus Luzern.

Bild: Pius Amrein (31. Januar 2019)

Das Stadtluzerner Stimmvolk hat die Qual der Wahl: Am 29. Mai kann es aus 307 Kandidierenden für den Grossen Stadtrat auswählen. Erfreulich ist, dass 135 davon Frauen sind – also 44 Prozent. Bei den Wahlen 2016 sah es ganz anders aus: Nur 96 Frauen kandidierten damals fürs Stadtparlament, ein Anteil von 35,5 Prozent. Die Zahl der männlichen Kandidaten ist mit 172 praktisch gleich geblieben. Vor vier Jahren kandidierten noch für jede Partei mehr Männer als Frauen. Einzige Ausnahme: die BDP mit 8 Frauen und 7 Männern.

Dass der Frauenanteil unter den Kandidierenden in Luzern so markant gestiegen ist, liegt vor allem an den Linken: SP, Grüne und Junge Grüne haben mehr Frauen auf ihren Listen als Männer. Obenaus schwingt dabei die SP mit 32 Kandidatinnen und 16 Kandidaten. Nimmt man nur die Hauptlisten, stellt die SP 40 Prozent aller Kandidatinnen, die Grünen 30 Prozent. Allerdings ist dabei zu beachten, dass die anderen Parteien jeweils nicht mehr als 24 Kandidierende auf ihren Listen aufführen, SP und Grüne aber beide mehr als 40.

Luzern: Gesetzte Ziele teils erreicht

Trotzdem: Die städtischen Linken scheinen es mit der Frauenquote ernst zu meinen. Die SP hat sich dafür auch ins Zeug gelegt, wie Präsident Claudio Soldati auf Anfrage sagt:

«Nach dem Frauenstreik haben wir entschieden, dass wir zwei Drittel Frauen auf der Liste haben wollen. Das haben wir erreicht.»

Laut Soldati hat dieser Entscheid parteiintern einen regelrechten Schub bei der Suche nach Frauen ausgelöst. Er habe auch festgestellt, dass der Streik viele Frauen politisiert hat: «Sie sehen, dass es ihr Engagement braucht und es nicht reicht, die Faust im Sack zu machen. Das zeigt sich ganz besonders an der Motivation von Judith Dörflinger für den Stadtrat.» Aus Sicht der SP brauche es mehr Frauen im Stadtrat und im Parlament, weil sie eine andere Sichtweise mitbringen, anders vernetzt und in anderen Lebenssituationen sind als Männer, so Soldati. «Und es braucht Politikerinnen, die für andere Frauen Vorbilder sind.»

Vielen Frauen fehlt die Zeit

So erfolgreich wie die SP bei der Kandidatinnensuche waren nicht alle. Die GLP etwa hatte sich das Ziel eines Frauenanteils von 50 Prozent gesetzt. Nun stehen auf der Liste 7 Frauen und 14 Männer. «Wir haben uns stark bemüht und es sah lange gut aus», sagt GLP-Präsident Marcel Dürr:

«Leider sind kurz vor Eingabeschluss noch mehrere Frauen abgesprungen.»

Der Grund in den meisten Fällen: Für Politik fehlt neben dem beruflichen und familiären Engagement die Zeit. «Dem zugrunde liegt ein gesellschaftliches Problem, das tief geht», meint Dürr. Trotzdem wolle die GLP in der Frauenfrage am Ball bleiben und versuchen, bei den nächsten Wahlen das 50-50-Ziel zu erreichen. Ausserdem, so Dürr, stelle die GLP ja eine Stadträtin, «und wir haben ein GLP-internes Frauennetzwerk, das sehr aktiv ist».

Auch grüne Welle habe Frauen motiviert

Auch die Grünen hatten laut Parteipräsident Martin Abele ein 50-50-Ziel, das sie mit 24 Kandidatinnen zu 18 Kandidaten übertroffen haben. «Das war sehr überraschend, denn vor vier Jahren haben wir dieses Ziel nicht erreicht», so Abele. Er glaubt, dass die grüne Welle Frauen animiert hat, sich zu engagieren. Denn, so Abele:

«Wenn Frauen kandidieren, tun Sie dies nach reiflicher Überlegung und kandidieren dann entsprechend ambitioniert. Männer sind normalerweise leichter für eine Kandidatur zu motivieren.»

Bei den bürgerlichen Parteien der Stadt Luzern beträgt der Frauenanteil der Kandidierenden maximal ein Drittel: Bei der CVP sind es 8 von 24 Kandidierenden, bei der FDP (auf der Hauptliste) 6 von 24 und bei der SVP gerade einmal 3 von 19. Auch wenn man die Jungfreisinnigen und die Liste «mit Herz und Erfahrung» zur FDP dazu rechnet, ist lediglich ein Viertel der FDP-Kandidierenden weiblich. FDP-Präsident Fabian Reinhard findet jedoch, dass Kritik bei diesem Punkt nicht angebracht sei:

«Wir haben 44 Kandidaten aus drei Generationen, die sich freiwillig engagieren wollen. Das ist doch sehr erfreulich.»

Und grundsätzlich seien ja nicht nur die Parteien in der Pflicht, sondern auch die Frauen selbst, dass sie sich zur Verfügung stellen, so Reinhard. «Es gibt leider noch zu wenig Frauen, die sich von sich aus für eine Kandidatur melden.» Für den 29. März hofft Fabian Reinhard auf ein vielfältiges Resultat und eine breite Vertretung der Bevölkerung, «und das können vor allem die Wähler beeinflussen».

Emmen: Das private Netzwerk war entscheidend

Blickt man auf die Agglomeration, steht es um den Frauenanteil der Kandidierenden weniger gut. Am höchsten ist er mit 38 Prozent in Emmen, 6 Prozent mehr als 2016:

Auch hier sind es SP und Grüne, die zusammen über 60 Prozent aller Kandidatinnen für den Emmer Einwohnerrat stellen. Bei der SP, die mit 10 Frauen und 4 Männern antritt, war der hohe Frauenanteil allerdings kein definiertes Ziel, sondern entstand aus den Gegebenheiten, wie Co-Parteipräsidentin Judith Suppiger sagt. Bestand die SP-Fraktion nach den Wahlen 2016 noch aus 4 Männern und 2 Frauen, ist nach diversen Abgängen mittlerweile nur noch ein SP-Sitz durch einen Mann besetzt. Suppiger:

«Da sich alle Einwohnerrätinnen bei der Kandidatensuche engagiert haben, wurden mehr Frauen angefragt, weil wir auch mehr Kontakte zu Frauen haben.»

Grundsätzlich solle das Ziel sein, dass gleich viele Frauen wie Männer im Parlament sitzen, findet Judith Suppiger. Darüber hinaus sei es für die SP Emmen im aktuellen Wahlkampf aber wichtiger gewesen, «dass wir gute Leute aus allen Generationen und gesellschaftlichen Schichten zur Wahl stellen können».

Kriens: Trotz Frauenaktionen wenige Kandidatinnen

Im Krienser Einwohnerrat ist der Frauenanteil von allen Luzerner Gemeindeparlamenten am kleinsten. Gewählt wurden 2016 nur 20 Prozent Frauen, der Anteil an Kandidatinnen ist mit 30,6 Prozent heuer gleich hoch wie damals, in absoluten Zahlen kandidieren sogar weniger – nämlich 30 Frauen (2016 waren es noch 33).

Keine einzige Partei in Kriens stellt mehr Frauen auf als Männer. Das erstaunt, denn Kriens ist die einzige Luzerner Parlamentsgemeinde mit einem überparteilichen Frauenkomitee. «Wir führen bereits zum fünften Mal überparteiliche Frauenaktionen in Kriens durch», sagt CVP-Einwohnerrätin Anita Burkhardt-Künzler, die dieses Jahr das Komitee leitet. 19 der 30 Krienser Kandidatinnen wirken dabei mit. Burkhardt:

«Für uns ist das Frauennetzwerk sehr hilfreich, damit wir uns kennenlernen, vernetzen und unterstützen können.»

Warum die Krienser vor vier Jahren dennoch kaum Frauen gewählt haben, kann Burkhardt nicht erklären. «Es ist für uns aber ein Ansporn, dran zu bleiben und ein Zeichen zu setzen, dass wir Frauen über die Parteigrenzen hinaus zusammenarbeiten.» Die Krienserinnen haben für ihre Kampagne das Motto «5 vor 12» gewählt und werben mit bunten Uhren. «Denn es ist 5 vor 12, dass nun endlich mehr Frauen ins Parlament gewählt werden», so Burkhardt. Die für den Samstag, 21. März, geplante Standaktion musste jedoch wegen der Corona-Massnahmen abgesagt werden.

Eine Uhr des Krienser Frauenkomitees.

Eine Uhr des Krienser Frauenkomitees.

PD

Horw: Frauen haben gute Wahlchancen

Bleiben noch die Kandidierenden für den Einwohnerrat Horw, dessen Frauenanteil sich im Mittelfeld bewegt. Seit 2016 ist er von 30 auf 33,3 Prozent gestiegen:

Während wie damals 42 Männer kandidieren, sind es heuer mit 21 drei Frauen mehr. L20 und CVP haben immerhin fast gleich viele Kandidatinnen wie Kandidaten, mehr Frauen als Männer stellt aber keine Partei auf. «Unser Ziel war 50-50, aber es hat trotz grossen Bemühungen nicht geklappt», sagt Martin Eberli von der L20. Frauen seien oft durch Familie und Beruf stark ausgelastet. Immerhin stelle die L20 mittlerweile eine Gemeinderätin, die aktuelle Einwohnerratspräsidentin und habe auch eine Fraktionschefin, so Eberli.

Interessant ist in Horw das Wahlresultat von 2016: 10 von 18 Kandidatinnen wurden gewählt. Die Wahlchancen scheinen für Horwer Kandidatinnen also ausgesprochen gut zu sein. Damit besetzten die Frauen genau einen Drittel der Einwohnerratssitze. Bei der L20 wurden gar mehr Frauen als Männer gewählt: eine Singularität der Wahlen 2016 über alle vier Parlamente hin betrachtet. Für Martin Eberli ist das ein Zeichen, dass es in der Horwer Bevölkerung ein Bedürfnis gibt, Frauen zu wählen – auch wenn noch immer markant weniger Parlamentssitze an Frauen gehen. Eberli meint dazu:

«Frauen brauchen gesamtgesellschaftlich noch immer mehr Akzeptanz.»