Interview

Luzerner Pfarrer über das Kirchenasyl: «Wir konnten einiges bewirken»

Die Luzerner Pfarrei St. Leodegar hat einer geflüchteten Frau und ihrer Tochter Kirchenasyl gewährt, obwohl sie illegal in der Schweiz waren. Für Pfarrer Ruedi Beck ist diese Hilfeleistung selbstverständlich.

Beatrice Vogel
Drucken
Teilen
Pfarrer Ruedi Beck vor dem Pfarramt St. Leodegar. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 12. November 2019)

Pfarrer Ruedi Beck vor dem Pfarramt St. Leodegar. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 12. November 2019)

Ein Jahr lang haben zwei Flüchtlinge aus Tschetschenien im Pfarrhaus bei der Hofkirche in Luzern gelebt. Die Pfarrei St. Leodegar hat ihnen Kirchenasyl gewährt. Die beiden sollten gemäss Dublin-Abkommen nach Belgien ausgeschafft werden, weil sie dort erstmals in Europa Asyl beantragt hatten. Ziel des Kirchenasyls war, Zeit zu gewinnen, damit die 53-jährige Frau und ihre 11-jährige Tochter in der Schweiz Asyl beantragen können: Das Mädchen sei stark traumatisiert und brauche ein stabiles Umfeld. Doch am Montag wurden beide von der Polizei abgeholt, am Dienstagmorgen flogen sie nach Belgien.

Das Gewähren von Kirchenasyl ist in jüngster Zeit in Luzern nicht vorgekommen (siehe Box unten). Ruedi Beck, Pfarrer von St. Leodegar, erklärt die Beweggründe.

Am Dienstag wurden die Flüchtlinge nach Belgien überführt. Hatten Sie seither Kontakt mit ihnen?

Ruedi Beck: Ja, sie haben sich per Whatsapp gemeldet und sich für unsere Unterstützung bedankt. Zu jenem Zeitpunkt waren sie in Gewahrsam der Polizei in Brüssel.

Wie geht es den beiden?

Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall befinden sie sich in einer schwierigen Situation. Wir hoffen, dass nun ihr Asylgesuch ernsthaft geprüft wird – und dass sie genügend Geld für einen guten Anwalt haben.

Werden Sie die beiden von der Schweiz aus unterstützen?

Wir werden alles tun, was wir können. Sicher werden Mitglieder unserer Pfarrei sie auch besuchen. Schliesslich sind im vergangenen Jahr auch bleibende Beziehungen entstanden.

Wie ist die Familie zu Ihrer Pfarrei gekommen?

Über das Netzwerk der katholischen und reformierten Kirchgemeinden. Wir stehen schon sehr lange mit ihnen in Kontakt. Da wir mit dem Pfarrhaus die passenden Räumlichkeiten hatten, entschieden wir pragmatisch, das Kirchenasyl in unserer Pfarrei zu gewähren.

Kirchenasyl ist nicht unumstritten. Gab es in der Pfarrei kritische Stimmen dazu?

Es war ja ein stilles Asyl. Die meisten Pfarreimitglieder wussten gar nicht davon. Der Kirchenrat hat es wohlwollend beobachtet. Es handelt sich aber um eine Entscheidung der Pastoralangestellten. Die Kirchgemeinde Luzern ist sehr engagiert. Wir haben auch eine Stelle für Migration und Integration.

Vor einem Jahr hat die Katholische Kirchgemeinde Luzern ein Grundsatzpapier zum Kirchenasyl erstellt. Hat der Aufenthalt der beiden Flüchtlinge den Ausschlag dazu gegeben?

Das Grundsatzpapier war schon länger in Arbeit. Ausschlag dafür gab die Verschärfung des Asylrechts. Für uns war es wichtig, für den Ernstfall gerüstet zu sein. So waren wir dann auch froh, dass wir das Papier schon hatten, als Frau A. und ihre Tochter zu uns kamen.

Im Kanton Luzern ist in jüngerer Zeit nie Kirchenasyl gewährt worden. Sie kennen die Praxis aber aus ihrer Zeit in Basel. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Sehr gute. Wir konnten damit, aber auch durch politische Aktionen einiges bewirken. So konnte eine Familie ohne Papiere, die schon lange in der Schweiz lebte, auf unsere Intervention hin hier bleiben. Der Basler Regierungsrat liess Gnade vor Recht walten.

Anders als die Luzerner Regierung scheint jene in Basel eher zu solchem Handeln bereit zu sein.

Das ist natürlich eine Frage der politischen Führung der Regierung. Sie ist aber auch weniger frei als ein Pfarrer. Ich habe zudem einen Auftrag des Evangeliums.

Aber gilt denn das staatliche Recht nicht auch für die Kirche?

Doch. Trotzdem gibt es Situationen – auch im Alltag –, in denen man sich nicht an die Regeln hält, weil das eigene Gewissen dagegen spricht.

Sie würden also sofort wieder Kirchenasyl gewähren.

Wenn es die Umstände erfordern, ja. In diesem Fall war die Situation eindeutig und für mich selbstverständlich. Aber natürlich ist das Kirchenasyl die letzte Möglichkeit in Einzelfällen und darf nicht zur Regel werden. Denn grundsätzlich können wir uns auf den Rechtsstaat verlassen. In manchen Fällen greift das Recht jedoch nicht. Dann kann die Kirche ihren Beitrag leisten und den Staat entlasten.

In Einzelfällen Kirchenasyl zu gewähren, wirkt aber ziemlich willkürlich.

Klar ist das ungerecht. Aber ich habe nicht den Anspruch, jedem Menschen zu helfen, sondern jenen in meinem Umfeld, die ich direkt erreichen kann. Nennen Sie es Vorsehung oder Zufall: Am Ende ist entscheidend, wer mit wem in Kontakt kommt.

Zur Person
Ruedi Beck (56) ist seit 2016 Pfarrer der Pfarrei St. Leodegar, zu der die Luzerner Hofkirche gehört. Zuvor war er Pfarrer von St.Clara in Basel. In den 1990er-Jahren war Beck als Vikar in Sursee tätig.

Kirchenasyl ist Sache der Pfarreien

Dass eine Luzerner Kirchgemeinde oder Pfarrei Kirchenasyl gewährt, ist äusserst selten. «Zumindest in den letzten rund zehn Jahren kam das im Kanton Luzern nie vor», sagt Dominik Thali, Kommunikationsverantwortlicher der Katholischen Kirche Kanton Luzern. «Das Kirchenasyl liegt in der Verantwortung der Kirchgemeinden und Pfarreien. Wir geben weder Empfehlungen ab, noch bewerten wir ein gewährtes Asyl.» Die Landeskirche halte sich damit an die Empfehlungen der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ), der Dachorganisation der Landeskirchen.

Thali weist auf das Dilemma des Kirchenasyls hin: Denn damit widersetzt sich die Kirche unter Umständen dem Staat. Auch innerhalb der Kirche gebe es unterschiedliche Meinungen dazu. Die einen stützen sich auf die staatlichen Gesetze, die anderen auf die christliche Pflicht, Schwache zu schützen. «Dieses Dilemma lässt sich nicht auflösen, weshalb jede Kirchgemeinde und Pfarrei im Einzelfall selbst entscheiden muss, ob sie eher den juristischen oder den theologischen Argumenten folgen will», sagt Thali.

Auch die reformierte Kirche kennt die Tradition des Kirchenasyls, im Kanton Luzern ist jedoch kein Fall aus den letzten Jahren bekannt. Es sei als bürgerlicher Ungehorsam Ultima Ratio für die Kirche. «Es ist eine Form, dem göttlichen Gebot der Solidarität und Nächstenliebe zu folgen, die sich unter Umständen nicht mit dem staatlichen Recht vereinbaren lässt», sagt Sandra Winterberg, Kommunikationsbeauftragte der Reformierten Kirche Kanton Luzern. Auch bei den Reformierten entscheidet die Kirchgemeinde über das Kirchenasyl. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) hat ausserdem eine Entscheidungshilfe dazu publiziert.

Bis ins 20. Jahrhundert im Kirchenrecht festgeschrieben

Fälle von Kirchenasyl gibt es immer wieder. So hat die Kirche Belp-Belpberg-Toffen 2016 einer Frau und ihrem Sohn Kirchenasyl gewährt, bevor sie nach Italien ausgeschafft wurden. Auch aus Lausanne ist ein Kirchenasyl für eine Gruppe Migranten bekannt.

Das Kirchenasyl hat eine sehr lange Tradition. Schon in vorchristlicher Zeit konnten Menschen in Tempeln Zuflucht finden. Die christliche Kirche hat diese Tradition weitergeführt, bis ins 20. Jahrhundert war es auch im Kirchenrecht festgeschrieben. Seit aber die Kirche keine weltliche Position mehr einnimmt, ist das Kirchenasyl weniger bindend. «Es ist kein absoluter Schutz, sondern eher eine Unterstützung. Trotzdem bleibt die Hemmung, jemanden in einem Kirchenraum zu verhaften», sagt Pfarrer Ruedi Beck.

Übrigens: Ruedi Beck und sein Pastoralteam müssen wegen des gewährten Kirchenasyls nicht mit juristischen Konsequenzen rechnen, heisst es beim Amt für Migration auf Anfrage. Denn sie standen stets mit den Behörden in Kontakt und haben die Flüchtlinge nicht versteckt oder ihren Aufenthaltsort verheimlicht.