Luzerner Pyro-Opfer gewinnt Rechtsstreit gegen seine Versicherung

Also doch: Die Swica muss Taggelder und Hörgeräte für das Opfer des Pyrowurfs vom Fussballmatch im Jahr 2016 zahlen. So will es das Luzerner Kantonsgericht. Die Versicherung schweigt zum Rechtsstreit, der für den Opferanwalt an eine Farce grenzt.

Kilian Küttel
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Rauchpetarde auf dem Spielfeld im Super-League-Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen am Sonntag, 21. Februar 2016 in der Swissporarena Luzern. (Bild: Philipp Schmidli)

Rauchpetarde auf dem Spielfeld im Super-League-Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen am Sonntag, 21. Februar 2016 in der Swissporarena Luzern. (Bild: Philipp Schmidli)

Diesen Satz liest man zwei Mal: «Nachfolgend zu prüfen ist (...), ob dem Beschwerdeführer anlässlich des Fussballspiels vom 21. Februar 2016 zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen etwas Ungewöhnliches widerfuhr.»

Diese Frage wirft das Luzerner Kantonsgericht in einem Urteil vom 6. Juni 2019 auf. Darin kommen die Richter zum Schluss: Ja, dass ein verbotener Böller auf dem Rasen der Swissporarena detonierte, war ungewöhnlich.

Ein Matchbesuch, der das Leben verändert

Was für Laien auf der Hand liegt, ist Resultat eines jahrelangen Rechtsstreits zwischen dem Opfer des Luzerner Pyrowurfs und dessen Unfallversicherung, der Swica.

Zur Erinnerung: Am 21. Februar 2016 gastiert der FC St. Gallen auf der Luzerner Allmend. Kurz nach Anpfiff fliegen zwei Rauch- und zwei Knallpetarden auf das Spielfeld, eine davon detoniert. Es knallt. Heftig, laut, folgenschwer: Einer der 9898 Zuschauer im Stadion erleidet einen schweren Hörschaden. Auf dem linken Ohr ist der Mann seither fast taub. 

Dennoch will die Swica nicht für die Behandlung aufkommen, keine Kosten für Hörgeräte übernehmen und keine Taggelder auszahlen. Der Versicherer stellt sich auf den Standpunkt, die Detonation sei kein Unfall gewesen. Laut dem schweizerischen Sozialversicherungsgesetz muss ein Unfall plötzlich, nicht beabsichtigt, schädigend und ungewöhnlich sein.

Kantonsgericht: Ereignis ist ein Unfall

Ungewöhnlich. Die Swica meint, dafür sei die detonierende Petarde auf der Luzerner Allmend mit 112,2 Dezibel zu wenig laut gewesen. Am 9. März 2018 weist sie eine Einsprache des Pyroopfers ab, das sich gegen den Entscheid der Swica gewehrt hatte. Jetzt gibt das Luzerner Kantonsgericht dem 52-Jährigen Recht:

«Zusammenfassend ist die Beschwerde in dem Sinn gutzuheissen, als das Ereignis vom 21. Februar 2016 als Unfall (...) zu qualifizieren ist und die Beschwerdegegnerin mithin leistungspflichtig wird.»

Kurz: Die Swica muss zahlen. Mitunter ausschlaggebend für die Richter war, dass der Böller nicht frei verkauft werden und nur mit einer Zulassung abgefackelt werden darf. Zum Urteil sagt Opferanwalt Sämi Meier:

«Mein Mandant ist erleichtert, dass er endlich zu seinem Recht gekommen ist.»

Der Prozess sei langwierig und belastend für den Familienvater gewesen. Dass die Versicherung einen Unfall nicht wahrhaben wollte, stösst Meier sauer auf:

«Was soll es denn sonst gewesen sein, etwa eine Krankheit?»

Für seinen Mandanten, aber auch für die Gerichte sei es «ärgerlich», sich mit einem so klaren Fall beschäftigen zu müssen: «Ich stelle immer wieder fest, dass sich Versicherungen vor ihrer Leistungspflicht drücken wollen. In der Hoffnung, dass sich die Versicherten nicht wehren und sie nicht bezahlen müssen.»

Swica schweigt

Was sagt die Versicherung zum Urteil? Auf die Fragen unserer Zeitung geht die Swica nicht ein, obschon das Pyroopfer sein Einverständnis zur Auskunft über seinen Fall gegeben hat.

Eine Swica-Sprecherin schreibt, man werde das Urteil prüfen, danach über das weitere Vorgehen entscheiden und sich nicht weiter zum Fall äussern.

Nun bleibt der Swica 30 Tage Zeit, um gegen das Urteil Beschwerde beim Bundesgericht einzulegen. Anwalt Sämi Meier glaubt aber nicht, dass dies passieren wird: «Ich kann es mir nicht vorstellen. Die Swica hat einfach versucht, um die Zahlung herumzukommen. Objektiv konnte man nie ernsthaft bestreiten, dass es ein Unfall war. Das wird jetzt hoffentlich auch die Versicherung einsehen.»

Luzerner Pyrofall: Opfer und Täter einigen sich

Seit ein St.Galler Fussball-Chaot eine Petarde gezündet hat, leidet ein Luzerner unter einem schweren Hörschaden. Jetzt haben sich Opfer und mutmasslicher Täter über die Höhe der Genugtuung geeinigt. Trotzdem: Die Akte ist noch nicht geschlossen.
Kilian Küttel